In einem internen Schreiben an die Mitarbeitenden, das persoenlich.com vorliegt, äussert sich Tamedia-Verleger und TX-Group-Präsident Pietro Supino zum Stellenabbau bei Tamedia. «Die letzte Woche zum Ausdruck gebrachten Sorgen und die Betroffenheit über die Entlassungen verstehe und teile ich», so Supino. Gleichzeitig macht er aber deutlich, dass für ihn weitere Veränderungen unumgänglich sind.
«Wir müssen uns laufend kritisch hinterfragen und immer wieder Anpassungen vornehmen», hält Supino fest. Das gelte für den Verwaltungsrat, das Management und auch für die Redaktionen. Dabei verweist er auf das Qualitätsmonitoring und die «nicht nachhaltige Geschäftsentwicklung».
«Der Cashflow von Tamedia ist negativ»
Besonders deutlich wird Supino bei der wirtschaftlichen Situation des Medienunternehmens. «Zurzeit ist der Cashflow von Tamedia negativ. Das heisst, dass die Ausgaben grösser sind als die Einnahmen. Das ist nicht nachhaltig. Wir sind herausgefordert und müssen handeln.»
Der Medienwandel stelle die gesamte Branche vor grosse Herausforderungen. Für Tamedia sei deshalb klar: «Die Zukunft ist digital.» Weil die Nachfrage nach gedruckten Zeitungen weltweit zurückgehe, müsse das Unternehmen digital wachsen. «Bis jetzt gelingt uns das ungenügend», räumt Supino ein.
Die strategische Priorität liege bei den Einnahmen aus Abonnements. Entscheidend sei, dass die digitalen Angebote für ein breites Publikum glaubwürdig seien und einen Mehrwert böten, «für den eine Zahlungsbereitschaft besteht». Supino betont, dass die eingeleiteten Massnahmen Tamedia und nicht die TX Group beträfen.
Überdurchschnittliche Löhne
In seinem Schreiben wehrt sich Supino gegen Kritik an den Arbeitsbedingungen und den Investitionen in die Redaktionen. «Zu unseren Vorteilen gehört, dass wir mehr in den Journalismus investieren als andere Arbeitgeberinnen, deren Medien über uns schreiben.»
Tamedia pflege höhere Standards, leiste sich grössere Redaktionen, bezahle überdurchschnittliche Löhne und biete ein attraktives Arbeitsumfeld sowie Weiterbildungsmöglichkeiten, «um die man uns beneidet».
Das gelte auch nach dem angekündigten Abbau von 34 Redaktionsstellen (persoenlich.com berichtete). «Wir sind uns unserer sozialen Verantwortung bewusst und bieten einen guten Sozialplan.» Den gegenteiligen Eindruck zu erwecken, empfinde er als «nicht korrekt». Zwar sei die Betroffenheit der Mitarbeitenden verständlich, doch «einseitige Kritik und Übertreibungen führen nicht weiter». Das passe auch nicht zu den journalistischen Grundwerten des Unternehmens.
«Glaubwürdigkeit hat die absolute Priorität»
Einen grossen Teil seines Schreibens widmet Supino dem publizistischen Selbstverständnis von Tamedia. Er betont, dass das Unternehmen trotz aller Veränderungen an seiner Überzeugung festhalte, «für Unabhängigkeit und Qualität in den Medien» zu stehen.
Die Qualität sei «der Kern und unsere Daseinsberechtigung». Angesichts besorgniserregender Entwicklungen sei sie wichtiger denn je. «Sie ist unsere gemeinsame Verantwortung und für uns selbst von existentieller Bedeutung.»
Was er darunter versteht, führt Supino ausführlich aus: «Unser Anspruch liegt in der Eigenleistung: der Recherche vor Ort, im investigativen Journalismus, in Reportagen, Interviews und Portraits, in der Originalität und in der Einordnung sowie in der Verlässlichkeit und in der Vereinfachung.»
Das Ziel sei «Fehlerfreiheit», Wahrheit im Sinne der Vollständigkeit, Transparenz und Fairness. Damit wolle sich Tamedia «im medialen Überfluss» unterscheiden.
Auch die politische Haltung beschreibt Supino: «Wir pflegen eine liberale Grundhaltung. Wir sind neugierig, nicht voreingenommen, nicht konformistisch.» Man verfolge keine politischen oder ideologischen Ziele, sondern wolle faktenbasierte Informationen und unterschiedliche Sichtweisen bieten. Das Publikum solle sich seine eigenen Meinungen bilden können.
Dabei setzt Supino klare Prioritäten: «Vertrauen und Nutzungsintensität sind wichtiger als Reichweite. Relevanz ist wichtiger als der Umfang des Angebots.»
KI soll den Journalismus unterstützen
Auch die technologische Entwicklung spricht Supino an. Die Möglichkeiten neuer Technologien wolle Tamedia proaktiv nutzen – von der Recherche und Produktion über die Personalisierung und Distribution bis zur Automatisierung standardisierter Inhalte. Allerdings unter einer klaren Voraussetzung: «Der Einsatz von Technologie erfolgt transparent und im Einklang mit unseren publizistischen Standards. Menschen tragen die Verantwortung und schaffen den entscheidenden Mehrwert.» Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften sollen weiterhin bestehen, solange sich die Nachfrage danach profitabel bedienen lasse. Dabei wolle man an einem hohen Qualitätsanspruch festhalten und die Marken konsistent pflegen.
Blick nach Skandinavien und Benelux
Dass wirtschaftlicher Erfolg im Medienwandel möglich sei, zeigten laut Supino andere Medienunternehmen. Er verweist auf DPG, Mediahuis und Rossel in Benelux, Bonnier News in Schweden sowie Amedia und Schibsted in Norwegen. Auch innerhalb der TX Group gebe es ein ermutigendes Beispiel: 20 Minuten. «Die Ausrichtung und das Geschäftsmodell sind im Vergleich zu Tamedia unterschiedlich. Aber die Fähigkeit zur Neuerfindung aus dem Kern heraus ist beeindruckend und ermutigend.»
Mitarbeitende sollen stärker eingebunden werden
Zum Schluss geht Supino auf den Wunsch der Mitarbeitenden nach mehr Mitsprache ein. Aus Briefen und Gesprächen habe er den Wunsch entnommen, stärker in die Entwicklung eingebunden zu werden.
«Diese konstruktive Kritik habe ich mit dem Management sowie den Chefredaktionen aufgenommen», schreibt er. Das Management und die Chefredaktionen arbeiteten daran, ein Zielbild für die Umsetzung des publizistischen und unternehmerischen Anspruchs zu entwickeln.
Einfache Lösungen gebe es nicht: «Es gibt keine einfachen Patentrezepte.» Dennoch sehe er Fortschritte und grosses Engagement in der täglichen Arbeit, für das er sich bedanken wolle.
Auch persönlich wolle er den Austausch suchen. Die Besuche auf den Redaktionen seien für ihn wertvoll. Zudem werde er die Personalkommissionen zu einem Gespräch einladen. persoenlich.com weiss, dass die Einladung erfolgt ist und das Treffen nächste Woche in Bern stattfindet.
Seine Zuversicht begründet Supino mit dem Engagement der Mitarbeitenden, dem Know-how in allen Bereichen und den «hervorragenden Positionen im attraktiven Schweizer Markt». An der grundsätzlichen Herausforderung ändert das allerdings nichts: Tamedia muss wirtschaftlich wieder auf Kurs kommen – und gleichzeitig den hohen publizistischen Ansprüchen gerecht werden.
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04.11.2026 09:35 Uhr


