Wer in der Schweiz Spiele der Fussball-Nati oder der Brack Super League sehen will, braucht dafür weder Fernseher noch SRF-App. Es reichen TikTok und YouTube. So lief am Dienstagabend auf dem TikTok-Account von SRF Sport die integrale Fernsehübertragung des Nations-League-Spiels Schweiz gegen Nordmazedonien. Auch die heimische Super League ist aktuell mit einer Paarung pro Monat auf TikTok und YouTube zu sehen. Die Spiele laufen zeitgleich mit der Fernsehübertragung. Von der Fussball-WM in Nordamerika zeigte SRF alle Spiele der Schweizer Nationalmannschaft sowie weitere ausgewählte Partien auf den beiden Plattformen.
Umfassende Rechte ermöglichen Livestreams
«Die SRG verfügte über umfassende Social-Media- und Online-Rechte, welche es den SRG-Sendern unter anderem ermöglichten, ganze WM-Spiele auf Drittplattformen wie YouTube oder TikTok zu übertragen», teilte die SRG auf Anfrage von persoenlich.com mit. Auch bei der Uefa Nations-League und der Brack Super-League sei die Ausstrahlung auf TikTok durch die bestehenden Rechte gedeckt. Zu sehen gibt es die Streams allerdings nur in der Schweiz. «Dies gilt sowohl für die klassischen TV- als auch die digitalen und Social-Media-Rechte», erklärt SRF.
Begonnen hat SRF Sport mit dem sogenannten Simulcasting auf Drittplattformen vor fünf Jahren: Im Sommer 2021 sah man auf YouTube Spiele der Fussball-EM der Männer, im Herbst erstmals auf TikTok ein Spiel der Frauen-Nati. Gross Werbung für die zusätzlichen Kanäle macht SRF nicht. In der Ankündigung der WM-Berichterstattung nannte SRF zwar alle möglichen Kanäle und Plattformen, die Verbreitung via TikTok blieb aber unerwähnt.
Zahlen bleiben unter Verschluss
Bedeckt hält sich SRF auch bei der Nutzung. Während eines Livestreams sind auf TikTok zwar die aktuelle Zahl der gleichzeitig Zuschauenden und die Likes sichtbar. Beide erlauben aber keinen verlässlichen Rückschluss auf die Reichweite. Wie viele Menschen die Livestreams tatsächlich verfolgen, gibt SRF nicht bekannt. Nur so viel: Man sei mit den WM-Übertragungen auf TikTok zufrieden, habe die junge Zielgruppe erreicht und neue Followerinnen und Follower gewonnen, teilte SRF Ende September mit. Bei der Super League sei das Bedürfnis vorhanden. «Die Nutzung der Super-League-Spiele ist noch nicht auf dem gleichen Niveau wie bei der WM, aber trotzdem zufriedenstellend.» Zahlen nennt SRF auch dazu keine.
Kommerziell bringt die zusätzliche Reichweite SRF nichts, obwohl in den Fussball-Streams auf TikTok und YouTube die Werbeblöcke des Fernsehprogramms zu sehen sind. Das ist zulässig, bestätigt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) auf Anfrage von persoenlich.com. Bei Livestreams, die gleichzeitig als Radio- oder Fernsehprogramm ausgestrahlt werden, dürfe die SRG Werbung zeigen, auch auf Drittplattformen, hält Sprecher Francis Meier fest.
Die Nutzung auf YouTube und TikTok fliesst nicht in die TV-Messung von Mediapulse ein und damit auch nicht in die Plandaten und Preise der Vermarkterin Admeira. «Was statistisch nicht erhoben wird, kann nicht in die Preisbildung einfliessen. Unsere Kunden profitieren somit von dieser nicht erfassten Reichweite», teilte Matthias Fehr, Head of Marketing Communications bei Admeira, auf Anfrage mit. Konkrete Pläne, diese Nutzung in die Mediapulse-Währung zu integrieren, gebe es derzeit keine.
Keine belastbaren Zahlen zum Mediawert
Mediaspezialist Sandro Jungi von Mediaschneider Bern schätzt den Wert dieser Gratisreichweite für die reichweitenstärksten YouTube-Streams auf einige Tausend Franken pro Spot. Er bezeichnet seine Rechnung selbst als «theoretische Obergrenze»: Ein Aufruf bedeute nicht, dass jemand die mehrstündige Übertragung samt allen Werbeblöcken gesehen habe. Für TikTok sei nicht einmal eine Annäherung möglich, weil die nötigen Daten nicht öffentlich seien. Fehr relativiert: Die nicht erfassten Reichweiten dürften gemessen an der Gesamtnutzung derzeit nicht entscheidend ins Gewicht fallen. «Eine Bezifferung eines möglichen zusätzlichen Mediawerts wäre ohne eine entsprechende Messgrundlage spekulativ.»
Auch wenn TikTok keinen zusätzlichen Werbefranken einbringt, ist die Plattform für SRF strategisch wichtig. TikTok biete viel Potenzial, «um enger mit einer jungen Zielgruppe in Kontakt zu treten», stand jüngst in einem internen SRF-Schreiben. Rückhalt kommt von der SRG-Spitze: Über eigene Kanäle erreiche man heute schon viele Junge, man müsse aber auch dort Orientierung bieten, wo sie sich sonst aufhielten, also auch auf YouTube und Co., sagte Generaldirektorin Susanne Wille im August der NZZ am Sonntag. Dazu gehören neben den kurzen, hochformatigen Clips auch Livesendungen. Seit dem 1. Juli läuft die Hauptausgabe der «Tagesschau» täglich live auf YouTube.
Verlegerverband findet Simulcast auf Social Media OK
Der Verlegerverband Schweizer Medien (VSM), der die Online-Aktivitäten der SRG sonst einschränken will, sieht in den Livestreams bestehender Fernsehsendungen kein Problem. «Social Media und Plattformen wie YouTube sollen in erster Linie der Verbreitung bereits linear ausgestrahlter Radio- und Fernsehangebote dienen und nicht zum Aufbau eigenständiger, digitaler Angebote führen, die in direkte Konkurrenz zu privaten Medien treten», schreibt Andreas Zoller, Leiter Public Affairs VSM.
Seit es Social Media gibt, suchen die Sender der SRG den richtigen Umgang mit den Drittplattformen, auf die sich die Mediennutzung des Publikums zunehmend verlagert. Mit den Livestreams hat SRF eine Antwort gefunden: Neben Häppchen serviert der Sender auf TikTok und YouTube auch das ganze Menü.
Ausgerechnet auf der Plattform für Kurzvideos zeigt das Fernsehen, was es kann. Ganz nach dem Motto: Das Fernsehen ist tot, es lebe das Fernsehen!
Korrigendum: In einer früheren Version des Artikels stand die Aussage: «Für Livestreams, die nur im Internet laufen, gilt dagegen ein Werbeverbot.» Korrekt ist: In originären Live-Streams, die als Teil des konzessionierten Programms gelten, ist Werbung erlaubt.

