25.08.2026

SRF Meteo

«Vor allem habe ich den Markt gesehen»

Für Thomas Bucheli ist «SRF Meteo» wie ein eigenes Kind. Er hat es in drei Jahrzehnten zum umfassenden Wetterdienst des Schweizer Radios und Fernsehens aufgebaut. Nun wird er pensioniert. Im Interview sagt er, was die Lancierung der «Meteo»-Sendung mit Sponsoring zu tun hatte, wie er es geschafft hat, Meteorologen einzustellen und was seine einzige Reue ist.
SRF Meteo: «Vor allem habe ich den Markt gesehen»
«Ich glaube, gewisse Dinge könnte man heute nicht mehr machen», so Thomas Bucheli, ehemaliger «SRF Meteo»-Chef und ab Ende Monat pensioniert. (Bild: zVg)

Herr Bucheli, Sie moderieren am Mittwoch Ihre letzte «Meteo»-Sendung. Danach werden Sie definitiv pensioniert. Wie wird Ihnen dieser Sommer in Erinnerung bleiben: als Ihren letzten auf dem «Meteo»-Dach oder als Sommer der extremen Hitze und Trockenheit?
Es ist absolut der Sommer der extremen Trockenheit und der extremen Hitze. Diese Rekorde, die aufgestellt worden sind, sind absolut verrückt. So wird es mir in Erinnerung bleiben: der trockene Sommer, bei dem ich aufgehört habe.

Sie haben Ihren Chef-Posten bereits im Juni an Gaudenz Flury abgegeben. Wie ist der Übergang verlaufen?
Das war schmerzlos. Gaudenz ist länger bei uns und hatte schon gewisse Führungsfunktionen inne. Ich habe ihm mehr oder weniger einfach alles Gute gewünscht und das war es dann. 

Wird sich unter seiner Führung für das Publikum etwas ändern?
Das Medium ändert sich, die Bedürfnisse ändern, auch seitens des Publikums. Da wird Gaudenz mit dabei sein.

Sie haben 1992 bei SRF begonnen. Seit 1995 waren Sie «Meteo»-Chef. Was hat Sie in den letzten fast 35 Jahren am meisten geprägt?
Das Team ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt. Ich glaube, ich hatte sehr viel Glück und vielleicht auch ein gutes Händchen bei der Auswahl. Fast alle, die wir eingestellt haben, haben am selben Strick gezogen. Ich war auch immer sehr gut getragen.

Es gab also nichts, das Sie nicht umsetzen konnten? Etwas, das Sie bereuen?
Es war eine wilde Zeit. Ich glaube, gewisse Dinge könnte man heute nicht mehr machen.

Zum Beispiel?
Die Idee war beispielsweise, Geld zu generieren, um Leute einzustellen. Ich habe Aufträge gesucht, obwohl wir personell nicht in der Lage waren, diese zu erfüllen. Ich habe dann mit einem anderen Wetterbüro eine Art Joint Venture gemacht. Sie haben dann für uns den Auftrag erfüllt. Wir hatten dadurch immerhin einen Teil der Einnahmen und konnten Leute einstellen. Das hat uns erlaubt, den Auftrag zu uns zu nehmen und das Spiel von vorne zu beginnen.

«Seit diesem Sommer ist die Polarisierung etwas weniger stark geworden»

Früher war das Wetter ein Smalltalkthema. Heute ist es so politisch, dass es heikel geworden ist, darüber zu sprechen. Wie prägt diese Polarisierung die Arbeit von «SRF Meteo»?
Seit diesem Sommer ist die Polarisierung etwas weniger stark geworden. Da haben auch die Hintersten und Letzten begriffen, dass da tatsächlich etwas am Tun ist. Von da her gesehen sehe ich das entspannt. Prinzipiell habe ich immer gesagt: Wir lassen die Fakten sprechen. Unsere Aufgabe ist es, objektiv zu sein.

In der Hauptausgabe der «Meteo»-Sendung gibt es immer wieder technische oder statistische Erläuterungen, etwa die Entwicklung der Anzahl der Hitzetage seit Messbeginn. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, das Publikum zu bilden?
Das ist der Versuch, gemeinsam mit meinem Team, die Faszination am Wetter den Leuten näherzubringen. Es geht auch um das Verständnis für die Möglichkeiten und die Grenzen der modernen Meteorologie. Das ist für mich eine Art Mission.

Will sich «SRF Meteo» damit auch von der Konkurrenz der Wetter-Apps abheben?
Es ist eine wichtige und sinnvolle Ergänzung. Es gelingt nicht allen Leuten, diese Wetter-Apps richtig zu verstehen und einzuordnen. Man sieht ein Symbol, man sieht eine Radarprognose und findet es nachher eine Katastrophe, dass zwar diese Radarprognose Regen versprochen hat, aber es regnet nicht. Wir liefern das Werkzeug für diese Interpretation.

Die Hauptausgabe ist eine der meistgeschauten Sendungen der Schweiz. Wie entwickeln sich die Quoten? Merken Sie die Konkurrenz der Apps?
Die linearen Quoten sind generell eher am Sinken. Das betrifft alle Sendungen. Und die Fragmentierung der Kanäle, die passiert generell. Aber wir merken: Wenn es wettermässig etwas härter zu und her geht, steigen die Zuschauerzahlen wieder. Dann möchten die Leute von einem Menschen eine Einschätzung.

Wie war es dann in diesem Sommer?
Es war für uns spannend, die Entwicklung mitzuverfolgen. Am Anfang war es einfach heiss. Gewisse Leute fanden das toll, andere haben gesagt: «Es war schon früher so.» Plötzlich haben andere Medien das Thema aufgenommen. Klimatologen, Meteorologen kamen zu Wort, um das Ganze einzuschätzen.

«Lange Zeit war das Wetter für die Medien eine typische Sommerlochthematik, die irgendwem übergeben wurde»

Ist es für Sie gut oder schlecht, wenn andere Medien das Thema Wetter aufnehmen?
Mir geht es ums Wetter, also nicht um mich oder um meine Sendung. Ich habe Freude, wenn ich feststelle, dass das Interesse am Wetter enorm ist. Dadurch ist auch die Bereitschaft der Leute, zuzuhören und vielleicht etwas besser zu reflektieren, grösser. Mittlerweile gibt es gute Fachjournalisten, zum Beispiel beim Tages-Anzeiger oder der NZZ. Die können recherchieren und greifen Themen auf wie zum Beispiel El Niño. Das unterstütze ich.

War das nicht immer so?
Lange Zeit war das Wetter eine typische Sommerlochthematik, die irgendwem übergeben wurde. Ich hatte mehrmals Journalistinnen und Journalisten bei mir für Interviews, die nicht die kleinste Ahnung hatten, wie Wetter oder Wetterprognosen funktionieren. Ich war entsetzt und fragte mich, ob dieselbe schlechte Qualität bei Berichten über Wirtschaft oder Medizin herrscht. Darum bin ich froh, dass sich das in den letzten Jahren deutlich verbessert hat.

Wie erklären Sie das? Ist das Thema durch die Klimaerwärmung wichtiger geworden?
Ich habe mir das auch überlegt. Ich weiss ehrlich gesagt nicht genau, wie das zu erklären ist. Vielleicht haben die Medien erkannt, dass Wetter tatsächlich zieht.

SRF-Direktor Roger Elsener hat gesagt, es müssen neue Formate entwickelt werden, um mehr Leute ausserhalb des linearen Fernsehens zu erreichen. Wird es bald auch TikTok-Videos vom «Meteo»-Dach geben?
Wir machen bereits kurze Videos für Instagram. Gaudenz Flury ist sozusagen unser Chief Social Media. Er hat eine gewisse Affinität zu diesen Dingen, ich weniger. Darum habe ich ihm den Auftrag gegeben, diese Formate zu entwickeln.

Kann man heute mit «Meteo»-Inhalten junge Menschen erreichen?
Ich glaube sogar, je länger, je mehr. Klar, es ist eine Frage, wie man es aufbereitet. Und da sind wir noch am Suchen. Wichtig ist, dass man ausprobieren kann und mit der Erfahrung den Dreh findet.

«SRF Meteo» ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Wetter-Angeboten der SRG. Sie haben eigene Meteorologen und erarbeiten Ihre eigenen Prognosen, während sich RTS und RSI auf MeteoSchweiz stützen. Wie kam es dazu, dass SRF seinen eigenen Wetterdienst entwickelt hat?
Am Anfang hatten wir auch eine Zusammenarbeit mit MeteoSchweiz. Ich bin ja von MeteoSchweiz als Moderator zu SRF gekommen. Und es gab dann noch einen privaten Drittanbieter. Und ich bin dann von MeteoSchweiz weg zu diesem privaten Wetterbüro.

«Ich fand es finanziell nicht vernünftig, dass zwei Personen für dasselbe Produkt arbeiten»

Also die Firma von Jörg Kachelmann?
Ja. Ich war immer noch in der Funktion als Moderator und Meteorologe für die Sendung tätig. Nach einem Jahr hat sich SRF dann getrennt. Sie haben die Erkenntnis gehabt, dass eine Inhouse-Produktion einfacher ist. Ich durfte dann in die neu gegründete «Meteo»-Redaktion wechseln. Als ich die Redaktion übernommen habe, habe ich immer noch sehr eng mit MeteoSchweiz zusammengearbeitet. Ehemalige MeteoSchweiz-Mitarbeiter wie Alex Rubli sind dazu gekommen und haben hier ihre Prognosen gemacht.

Bei RTS und RSI sind es Moderatorinnen und Moderatoren, die das Wetter präsentieren. Warum setzen Sie auf Fachpersonen in der Redaktion?
Bei uns war das früher auch so. Aber erstens fand ich es finanziell nicht vernünftig, dass zwei Personen für dasselbe Produkt arbeiten. Und zweitens machte es für mich keinen Sinn, dass ein Meteorologe einer Moderatorin sagt, wie das Wetter wird, damit die Moderatorin dem Publikum sagen kann, wie das Wetter wird. Deshalb habe ich auch Meteorologinnen gesucht, die auch moderieren können.

Was bringt diese Internalisierung der Meteofachkenntnisse?
Neben dieser Effizienz sind wir auch extrem nahe bei den Newsredaktionen. Wenn irgendetwas ist, können die News-Kollegen, sei es vom Online, Radio oder Fernsehen, unkompliziert Interviews mit uns machen.

Ab wann ging es auch darum, Geld zu generieren?
Als ich zum Redaktionsleiter ernannt wurde, hatte es, glaube ich, zweieinhalb Leute für das Einzige, was wir damals machten: «Meteo» um 19.55 Uhr. Die Radiointerviews liefen immer noch über MeteoSchweiz. Die Regionaljournale und Teletext waren auch bei anderen Firmen. Ich dachte: Holen wir die doch zu uns.

Was war Ihre Motivation?
Die Sendung «Meteo» ist entstanden, weil das Radio- und Fernsehgesetz Sponsoring erlaubt hat. Nicht weil Peter Schellenberg (damaliger Fernsehdirektor, Anm. der Red.) so Freude am Wetter hatte. Ich dachte, es könnte sein, dass das Sponsoring in irgendeiner Weise wieder verboten wird. Und dann wird «Meteo» mit der «Tagesschau» wieder zusammengelegt, weil eine eigene Sendung nicht lukrativ ist.

Es war also eine Überlebensstrategie?
Ich habe mir solche Überlegungen gemacht. Aber vor allem habe ich den Markt gesehen. Zunächst innerhalb des Hauses und innerhalb des Konzerns. Und parallel dazu hat sich eine riesige Entwicklung abgezeichnet. Plötzlich wollten alle Wetter. Entsprechend haben wir versucht, in diesem Markt mitzumachen. Wir hatten klare finanzielle Vorgaben. Wir durften selbstverständlich kein Dumping machen auf Kosten der Gebührenzahler. Wir waren preislich in der Regel immer höher, aber wir hatten eine Popularität, die wir nutzen konnten.

«Ich habe das Gaudenz Flury nahegelegt und gesagt, diese Story ist noch nicht abgeschlossen» 

Was haben die Gebührenzahler davon?
Wenn man am Markt ist, ist man qualitativ, technologisch etc. an der Front. Wir konnten neue Sachen entwickeln, die wir natürlich selber dann auch wieder nutzen konnten für die eigenen internen Produkte und zum Nutzen des Publikums.

Warum liefern Sie Ihre Prognosen nicht an RTS und RSI?
Schauen Sie… Das ist vielleicht etwas, das ich bedauere. In der Westschweiz funktioniert der Fernseh- oder Zuschauermarkt aber anders. Wir hatten auch das Problem der Sprachbarrieren. Aber ich habe das Gaudenz Flury nahegelegt und gesagt, diese Story ist noch nicht abgeschlossen. Besonders jetzt ist die Möglichkeit da, weil die Organisation sich in einem Umbruch befindet.

Könnte «Meteo», wie der Sport, im Rahmen von «Enavant» unter das Dach von SRG verlegt werden?
Ich bin ja nicht in diesen Sphären involviert und vor allem geht es mich eigentlich nichts mehr an. Ich fände das toll. Es gibt aber andere grössere Baustellen, die verarbeitet werden müssen. Ich darf mich glücklich schätzen, dass «SRF Meteo» als Gesamtes bleibt.

War «SRF Meteo» im Visier der Sparmassnahmen?
Alle waren im Visier. Aber die Signale kamen relativ früh, dass es bei uns eigentlich mehr oder weniger so bleibt. Wir mussten lediglich ein paar Stellenprozente abgeben, die wir mit einem Abgang auffangen konnten.

«Sie wissen ja gar nicht, was wir alles machen und was die machen»

Wie erklären Sie sich, dass Ihre Redaktion verschont wurde?
Der Vorteil von «SRF Meteo» ist, dass es keine Altlasten und schwere Strukturen hat. Wir haben in den 1990er-Jahren begonnen und mussten von klein auf von der Hand in den Mund leben. Deshalb sind wir extrem effizient aufgebaut.

Aber unter dem Strich wäre ein Meteo-Dienst wie bei RTS und RSI nicht günstiger zu produzieren?
Sie wissen ja gar nicht, was wir alles machen und was die machen. Wir sind der Wetterdienst des Schweizer Radios und Fernsehens. Wir machen pro Tag etwa 40 Live-Interviews für Radios auf den verschiedensten Sendern. Wir schreiben etwa 15 Wetter-Bulletins, die verlesen werden. Wir sind da für die Newsredaktionen, wenn irgendwas wettermässig ist. Wir schreiben Fachberichte in der App, die dann auch wieder auf News online zu sehen sind. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass Ihre Rechnung nicht funktioniert.

«Es ist etwas mein Kind»

Sie hätten im Juni bereits in Pension gehen sollen, sind aber in die Verlängerung gegangen. Fiel Ihnen der Abschied zu schwer?
Wir haben drei Abgänge, das sind drei neue Personen, die in der Sommerferienzeit von uns ausgebildet werden müssen. Plus noch zwei angekündigte Vaterschaftsurlaube. Wir mussten überlegen, wie wir das schaffen sollen. Gaudenz meinte, wir müssten Aufträge abgeben. Ich sagte: Das kommt nicht in Frage. Ich rede mit meiner Frau, ob wir dieses Jahr auf Sommerferien verzichten möchten. Es wäre für mich ganz schlimm gewesen, wenn diese Redaktion im Sumpf stecken geblieben wäre. Es ist etwas mein Kind. Die drei neuen Leute können mittlerweile einzelne Schichten übernehmen und ich kann jetzt beruhigt gehen.

Haben Sie etwas Spezielles geplant für Ihre letzte Sendung?
Ich gehe jetzt mal davon aus, dass das Team sich etwas überlegt hat.

Was haben Sie ab September vor?
Ich mache schon länger Wetterreisen. Ende Monat gehen wir auf die Suche nach dem Azorenhoch. Und ich habe noch einen neuen Auftrag erhalten.

Um was geht es?
Das Wetter habe ich eigentlich durch die Fliegerei kennengelernt. Mit 17 wollte ich Pilot werden. Ich habe immer gedacht, die Wetterausbildung der Piloten könnte man verbessern. Und kürzlich kam eine Anfrage von Swiss, ob ich als Wetterausbildner aktiv werden möchte. Somit hat sich dieser Kreis wieder geschlossen.


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KOMMENTARE

Pia Cummins
25.08.2026 17:20 Uhr
Ich bedaure, Herr Bucheli bei SRF Meteo nicht mehr hören und sehen zu können. Er wirkte immer sehr sympathisch auf mich. Ich wünsche Herr Bucheli alles Gute und beste Gesundheit für die Zeit in der Pension. Pia Cummins
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