27.09.2010

Welche iPad-Strategie bewährt sich?

Tamedia und Ringier sind derzeit die beiden einzigen Schweizer Medienhäuser, die eine iPad-App-Offensive lancierten. Unterschiedlicher können die Apps nicht sein, welche die zwei Unternehmen anbieten. Zum einen gibt es verschiedene Preisstrategien. Zum anderen versucht eine Redaktion mit einer einfachen pdf-Version zu punkten, andere mit technischen Spielereien. Eine Zwischenbilanz nach rund 100 Tagen. Was sind die fünf wichtigsten Erkenntnisse? Zur Umfrage:
Welche iPad-Strategie bewährt sich?

Diego Quintarelli, Verlagsleiter SonntagsZeitung

Wir sind mit der Lancierung der App sehr zufrieden. Die SonntagsZeitung in digitaler Form, leserfreundlich aufbereitet mit der Anlehnung an die Printversion bei der Leserführung und der Navigation, kommt bei den Leserinnen und Lesern sehr gut an. Die App der SonntagsZeitung wird wegen ihres Fokus auf den Inhalt auf den iPad heruntergeladen, nicht wegen technischer Spielereien. Die klare und einfache Preis- und Abonnementstruktur wird gut verstanden, alle Angebote wurden bereits genutzt.

Drei Wochen nach der Lancierung ist die SonntagsZeitungs- App mit ihren mehreren tausend Downloads noch immer in den Top Ten im App Store vertreten. Zudem ist die digitale SonntagsZeitung auch für den Werbemarkt interessant, wir konnten schon erste Umsätze mit Kombinationsangeboten von Print und iPad-Version verbuchen. Die App leidet noch an einigen "Kinderkrankheiten", die wir nun Schritt für Schritt beheben. So werden zum Beispiel in einzelnen Fällen Sonderzeichen oder Bildlegenden noch fehlerhaft dargestellt. Entwicklungspotenzial sehen wir bei den digitalen Zusatzinhalten, die wir ausbauen und immer im Zusammenhang mit aktuellen Themen platzieren möchten. Ausserdem ist der administrative Aufwand beispielsweise für die Login-Erteilung noch sehr hoch. Diesen gilt es künftig zu minimieren.

Besonders gefreut hat uns, dass sich bereits bei der Lancierung viele Leserinnen und Leser für ein Abonnement für zwölf Wochen oder gar ein ganzes Jahr entschieden haben. Die ersten Auswertungen der Anzahl Kontakte und des Nutzungsverhaltens der einzelnen Ausgaben und Seiten sind vielversprechend, auch die Werbung wird angeschaut, und Verlinkungen werden genutzt. Wir waren überrascht, wie viele Abonnenten der gedruckten SonntagsZeitung einen iPad besitzen und sich sofort für die zusätzliche kostenlose Nutzung der SonntagsZeitung auf dem iPad registriert haben.

Manuel Bühlmann, Verantwortlicher Apps 20 Minuten Online

Unsere Bilanz sieht sehr erfreulich aus, schliesslich rangiert die News-App von 20 Minuten Online konstant auf Platz eins der beliebtesten Nachrichten-Apps. Die französische Version belegt Platz drei, gefolgt von unserer kostenpflichtigen Applikation TV Screen, der wohl erfolgreichsten Schweizer App überhaupt. Was bei der Webseite gilt, ist auch beim iPad nicht anders: Der Inhalt zählt. Wer seinen Lesern kein breit gefächertes und frisch aufbereitetes Newsangebot bieten kann, wird es über kurz oder lang schwierig haben.

Enorm wichtig sind auch die Übersichtlichkeit und Bedienbarkeit. Der User zieht schnell weiter, wenn er sich nicht zurechtfindet. Zudem muss die Funktionalität stimmen. Nur ein PDF der Printausgabe anzubieten, genügt nicht. Zu den Stärken des iPad zählt sein hochauflösendes, 9,7 Zoll grosses Display, mit Bildern und Videos angereicherte Beiträge sind daher ein Muss. iPad-Lösungen lassen sich nicht von den gemachten Erfahrungen mit dem iPhone ableiten, das Nutzerverhalten ist zu unterschiedlich. Für eine erfolgreiche App muss man sich viel eher an der Print-Usability orientieren. Im Vergleich zum iPhone ist die Verweildauer auf dem iPad noch höher, was uns sehr erfreut.

Peter Wälty, Chefredaktor Newsnetz Tages-Anzeiger Online

Wir glauben, dass man das Absatztempo des iPad wohl überschätzt hat. Nach wie vor kenne ich fast niemanden ausserhalb der Verlags- oder IT-Branche, der einen besitzt. Und nur selten sieht man einen iPad im ÖV. Bei mir selbst stelle ich fest: Mitnehmen tu ich ihn praktisch nie, zu sperrig, zu schwer. Das iPhone reicht für unterwegs völlig aus, um News-Inhalte zu konsumieren. Zu Hause liegt der iPad mehrheitlich unbenutzt rum - ausser mein Patenkind Uma kommt zu Besuch. Der Umstand, dass der Browser kein Flash anzeigt, ist im Grunde inakzeptabel. Viele Websites sind dadurch nicht lesbar.

Trotzdem aber ist der iPad die potenziell gefährlichste Konkurrenz für den Print. Denn er eignet sich bestens für Frühstückstischoder Sofa-Situationen. Wir sind der festen Überzeugung, dass dem mobilen Internet die Zukunft gehört - aber ob das Main-Device ein Smartphone oder ein Tablet sein wird, ist derzeit noch unklar. Die Erwartungen, die gewisse Verlagshäuser an den iPad und an Pay-Apps knüpfen, halte ich für überzogen. Wenn wir die Download- Zahlen der kostenlosen NN-iPad-Apps nehmen und darauf den Prozentsatz der angeblich Zahlungswilligen anwenden und diese Zahl wiederum mit einer Abogebühr multiplizieren, dann kommt man weder heute noch in naher Zukunft auf einen Betrag, der eine ganze Branche aus der Krise zu führen vermag.

Was funktioniert, was nicht? Die Leser sind teils enttäuscht, dass wir pro Ressort nur sieben Geschichten anzeigen. Einige vermuten eine künstliche Verknappung der Inhalte, um so später eine Pay-App lancieren zu können. Das ist natürlich Unsinn. Wir wollten dadurch noch stärker in Richtung Print-Anmutung gehen. Die Zahl der Storys pro Ressort wird aber im nächsten Update erhöht. Nicht erkannt wird die Möglichkeit, auch Live-TV zu schauen. Hier müssen wir das Design optimieren. Interessant ist, dass der iPad-User drei- bis viermal mehr Page-Impressions erzeugt als der iPhone-User. Dafür nutzt der iPhone- User die App wesentlich häufiger.

Nik Niethammer, Chefredaktor Schweizer Illustrierte

Die SI-App, so wie sie seit dem 23. August angeboten wird (keine reine PDF-Version wie Spiegel, SonntagsZeitung und viele andere), bringt einen sehr starken Eingriff in den Produktions- Workflow mit sich. Die SI-App ist ein «neues Magazin», welches auf der Print-Ausgabe aufbaut, dem User aber zusätzlichen Content bietet. Die Produktion der SI-App ist zeitlich ausserordentlich aufwendig. Aufgrund der neuen Technologie gibt es noch keine allgemeingültigen Standards bezüglich Usability.

Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass es ausserordentlich wichtig ist, die User schon sehr früh in die Entwicklung miteinzubeziehen. Bereits vor der ersten SI-App, die im App-Store angeboten wurde, haben wir mit Vorab-Versionen, die live produziert wurden, bei einer externen Firma User-Tests durchführen lassen und die dort gewonnenen Erkenntnisse sofort in die Produktion der App einfliessen lassen. In der Anfangsphase beschäftigen wir uns unter anderem mit drei zentralen Fragen: Wann konsumieren die Leute das Produkt SI auf dem iPad? Welche Download-Grösse ist sinnvoll, damit das Produkt konsumerfreundlich bleibt? Ist das jetzt gewählte Pricing – 4 Franken 40 pro Einzelausgabe – zu tief oder zu hoch angesetzt? Auf diese Fragen gibt es noch keine abschliessenden Antworten, da uns Zahlen und Erfahrungswerte fehlen.

Wir haben die iPad-Version der Schweizer Illustrierten bewusst gemeinsam im Team (Redaktion, Grafik, Marketing, Fotografen usw.) entwickelt und so rasch die Akzeptanz bei diesen Abteilungen gewonnen. Die Offenheit der Mitarbeiter sowie die Motivation spielen dabei gerade in der Startphase eine entscheidende Rolle. Bei der iPad-App der Schweizer Illustrierten stehen wir erst am Anfang einer langfristigen Entwicklung; wir erheben nicht den Anspruch, dass unser Angebot bereits vollständig ausgereift ist. Wir sind mit dem Bewusstsein an den Start gegangen, in der ersten Phase ein «work in progress»-Produkt anzubieten, das wir laufend weiterentwickeln. Dies auch aufgrund der Tatsache, dass der iPad erst seit wenigen Monaten auf dem Markt ist, Erfahrungswerte also weitgehend fehlen.

Umfrage: Christian Lüscher


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