05.07.2024

Medienförderung

«Wir wollen versuchen, publizistische Lücken zu schliessen»

Stiftungen sollen vorangehen, damit später der Staat mitzieht: Der soeben lancierte Media Forward Fund geht neue Wege bei der Journalismusförderung. Gründungsgeschäftsführer Martin Kotynek erklärt im Gespräch Funktionsweise und Ziele der länderübergreifenden Initiative.
Medienförderung: «Wir wollen versuchen, publizistische Lücken zu schliessen»
Martin Kotynek, bis 2023 Chefredaktor der Tageszeitung Standard in Wien, leitet nun die Geschäfte des Media Forward Fund. (Porträt: Peter Rigaud, Hintergrund: MFF, Montage: cbe)

Vor einem Monat legte der Media Forward Fund los, Anfang dieser Woche startete die erste Förderrunde. Werden Sie bereits mit Gesuchen überflutet?
Es gibt schon ein paar erste Einsendungen, aber ich rechne damit, dass man sich nun erst mal unsere Unterlagen und Ausschreibungstexte durchliest. Die erste Förderrunde läuft bis September. Aber wir sehen jetzt schon ein grosses Interesse.

Sie sind der Gründungsgeschäftsführer dieser neuartigen Förderstruktur. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Nach dem Abschied vom Standard im vergangenen Herbst habe ich mehrere Beratungsprojekte angenommen, unter anderem sind auch mehrere Stiftungen auf mich zugekommen, die den Journalismus unterstützen wollten, um damit die Demokratie zu stärken. So ist aus dem Beratungsprojekt heraus der Kern des Media Forward Fund entstanden. Ich habe ein Konzept erstellt, und die Stiftungen haben mich dann gefragt, ob ich das neue Projekt leiten möchte. Nachdem ich die letzten zehn Jahre bei Zeit Online und Standard in den Chefredaktionen verbracht habe, fand ich es spannend, mal etwas anderes zu machen. Ich habe es für mich so erklärt, dass ich bisher einzelnen Medien geholfen habe, durch die digitale Transformation zu kommen. Und jetzt kann ich dem ganzen Ökosystem helfen. Diese Perspektive hat mich gereizt.

Der Media Forward Fund will Projekte fördern, welche die Medienlandschaft und deren Rolle in der Gesellschaft nachhaltig stärken. Was heisst das?
Es geht um die gesellschaftliche Relevanz der geförderten Projekte, und sie müssen einen transformativen Charakter haben. Wir wollen zudem die Geschäftsmodellentwicklung fördern. Hinter einer publizistischen Idee muss auch ein kommerzielles Konzept stehen, weil nur so die Unabhängigkeit gewährleistet ist. Mit unserer Fördertätigkeit wollen wir erreichen, dass es mehr Geschäftsmodelle gibt, die dazu führen, dass der Journalismus ökonomisch tragfähig wird.

«Wir sind bereit, gewisse Risiken einzugehen»

Wo sehen Sie den grössten Förderbedarf?
Wir wollen versuchen, publizistische Lücken zu schliessen, also Medienprojekte in Regionen zu unterstützen, wo kein unabhängiges Medium mehr existiert oder nur noch ein einziges. Es geht aber nicht nur um geografische Lücken, sondern auch um thematische, etwa beim Wissenschaftsjournalismus oder bei Communitys, über die kein unabhängiges Medium berichtet. Dabei sind wir bereit, gewisse Risiken einzugehen. Deshalb fördern wir gerne auch Projekte, wo der Kapitalmarkt noch nicht bereit wäre, weil es zu riskant ist.

Der Media Forward Fund spricht dreimal pro Jahr Förderbeträge in der Höhe von bis zu 400'000 Euro zu. Wie sorgen Sie dafür, dass das viele Geld nicht wirkungslos verpufft?
Wir vereinbaren natürlich Meilensteine und besprechen die mit den geförderten Projekten und Unternehmen regelmässig. Wir bieten zudem vielfältige Unterstützung mit Fachwissen, etwa in den Bereichen Treuhand oder Medienrecht. Ausserdem unterstützen wir die Vernetzung der Geförderten untereinander. Gründerinnen und Gründer sind oft gar nicht so gut vernetzt. Dazu gibt es in Berlin neu Publix. Das ist ein Ort, wo ganz viele interessante Medienmacher zusammenkommen. Dort hat der Media Forward Fund sein Büro.

Unterstützt der Fund nur Start-ups oder auch etablierte Medien, etwa Tageszeitungen, die sich mit der digitalen Transformation schwertun?
Wir fördern nur gemeinwohlorientierte Medien. Das heisst, dass die Umsätze des Unternehmens mit der Absicht erwirtschaftet werden, den Journalismus zu stärken. Wenn nun ein etablierter Verlag mit einem Gesuch an uns gelangt, werden wir einen Nachweis über die Mittelverwendung einfordern, um die Gemeinwohlorientierung zu prüfen.

Der Media Forward Fund erhält Gelder von Stiftungen aus Deutschland, aus der Schweiz und aus Österreich, darunter von der Stiftung für Medienvielfalt, der Stiftung Mercator Schweiz und der Volkart Stiftung. Fliesst das Geld dann auch anteilsmässig zu Förderprojekten in den jeweiligen Ländern?
Die Gelder fliessen in einen einzigen Pool, aus dem die besten Ideen gemäss unseren Förderkriterien unterstützt werden. Es kann natürlich vorkommen, dass bei einer Förderrunde mal das eine Land ein bisschen mehr bekommt. Aber das wird sich über die Jahre hinweg ausgleichen.

«Wir haben uns vorgenommen, auf 25 Millionen Euro zu kommen»

Der Media Forward Fund ist aktuell mit sechs Millionen Euro dotiert. Mit jährlichen Ausschüttungen von mehreren hunderttausend Franken ist dieser Betrag schnell aufgebraucht. Wie wollen Sie zu weiteren Geldern kommen?
Mein Job ist es, einerseits dafür zu sorgen, dass wir das Geld ausgeben, aber andererseits ist es auch mein Job, für Nachschub zu sorgen. Wir haben uns vorgenommen, auf 25 Millionen Euro zu kommen. Wir laden darum andere Stiftungen, aber auch private Förderer und Unternehmen dazu ein, in den Fund einzuzahlen.

Gibt es Vorbilder dafür?
Press Forward in den USA hat es geschafft, 62 Stiftungen zusammenzubringen und so mehr als eine halbe Milliarde Dollar an Fördervolumen zusammenzuführen. Das meiste Geld, und das ist der grosse Erfolg von Press Forward, kommt nicht von Stiftungen, die bislang schon Journalismus gefördert haben, sondern von anderen Stiftungen, die erkannt haben, dass sie mit ihrem Hauptanliegen nur vorankommen, wenn es unabhängigen Journalismus gibt. Das wollen wir mit dem Media Forward Fund auch ermöglichen.

Hierzulande ist die Bereitschaft zu Journalismusförderung bei solchen Stiftungen noch nicht so ausgeprägt. Da müssen Sie also noch ziemlich weibeln.
Das ist Teil meines neuen Jobs. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass möglichst viel Geld von möglichst vielen Stiftungen und Institutionen in den Journalismus fliesst. Ich werde deshalb ziemlich viel unterwegs sein, um solche Überzeugungsarbeit zu leisten.

«Wir gehen mit dem Fund quasi in die Vorleistung»

Der Media Forward Fund sieht sich als Übergangslösung, die aufzeigen will, wie ein Fördermodell funktioniert, damit dann später der Staat einsteigen kann. Wie soll das gehen?
Wir gehen mit dem Fund quasi in die Vorleistung und bauen nun ein Instrument und eine Förderstruktur, bei der später auch staatliche Fördergelder einfliessen könnten. Dieses Modell gibt es bereits mit dem JX-Fund, der Journalisten aus der Ukraine im Exil hilft. Da haben drei Stiftungen gemeinsam einen Fund gegründet. Und dann ist der deutsche Staat eingestiegen. Das wäre auch das Ziel für den Media Forward Fund.

Und die Stiftungen wären dann raus? Oder wie stellen Sie sich diesen Übergang vor?
Wir halten eine Mitfinanzierung für ideal, dass Staat und Stiftungen in Zukunft den Fund gemeinsam alimentieren. Der private Sektor hat da schon auch längerfristig eine Aufgabe bei der Unterstützung des Journalismus.

Was wollen Sie in drei Jahren mit dem Media Forward Fund erreicht haben?
Wir wollen einen Beitrag dazu geleistet haben, dass es mehr tragfähige Geschäftsmodelle gibt im Journalismus und dass es einige der von uns geförderten Projekte geschafft haben, nachhaltig zu wachsen und sich dann auch am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Auf solche Erfolgsgeschichten würde ich mich freuen. Und ich würde mich auch freuen, wenn der eine oder andere Kanton oder vielleicht sogar die Eidgenossenschaft in den Fund eingestiegen sind.


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