Die Nachrichtenagentur AWP hat alle in diesem Jahr veröffentlichten englischsprachigen Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichte der Unternehmen im Swiss Market Index (SMI) ausgewertet und gezählt, wie oft die Begriffe «Diversity» und «DIE» darin vorkommen. Letzteres ist die Abkürzung für Diversity, Equity and Inclusion - Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion.
Das Ergebnis: Der Begriff «Diversity» erscheint in den aktuellen Berichten insgesamt 835 Mal, was einem Rückgang von rund 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Deutlicher ist der Einbruch beim Begriff «DIE»: Er findet sich noch 13 Mal, nach 30 Mal im Vorjahr.
Etwas mehr als die Hälfte der ausgewerteten Unternehmen schreiben weniger über «Diversity» als im Vorjahr: ABB, Alcon, Geberit, Givaudan, Novartis, Partners Group, Roche, Sika, Swiss Life, Swiss Re und Zurich. Andere Firmen haben ihre Kommunikation nicht geändert. Holcim, Kühne+Nagel, Nestlé und Swisscom haben im diesjährigen Bericht den Begriff sogar öfters verwendet.
Massiver Druck aus den USA
Die zurückhaltende Kommunikation kommt nicht von ungefähr: US-Präsident Donald Trump hat 2025 einen Feldzug gegen DEI-Programme lanciert. Er unterzeichnete nach seinem Amtsantritt einen Erlass, der Diversitätsprogramme in Bundesbehörden verbietet.
Auch Unternehmen, die stark in den USA exponiert sind, gerieten unter Druck. Die Pharmaunternehmen Roche und Novartis sowie die Grossbank UBS haben darauf ihre globalen Diversitätsziele gestrichen.
Roche sagt gegenüber AWP, man sei «als Lieferant der US-Bundesregierung verpflichtet, die geltenden gesetzlichen Anforderungen einzuhalten» und habe Programme «überprüft und, wo nötig, an die regulatorischen Anforderungen angepasst». Auch ABB hat laut eigenen Angaben den Ansatz in den USA «an die neuen rechtlichen Anforderungen angepasst». Der Technologiekonzern führt ausserhalb der USA seine globalen Ziele jedoch weiter.
Die SMI-Unternehmen betonen mehrheitlich, dass die veränderte Sprache keine inhaltliche Abkehr bedeute. Sika etwa schreibt, der Begriff «Diversität» werde im aktuellen Bericht zwar seltener verwendet. Allerdings sei der Bericht wegen neuer europäischer Berichterstattungsrichtlinien neu strukturiert worden. Ähnlich argumentiert Swiss Life. Die Versicherer Swiss Re und Partners Group betonen, ihre Massnahmen und Ziele seien unverändert.
Experte spricht von Konsolidierung
Guido Schilling überrascht die Entwicklung nicht. «Ich sehe aktuell keinen Rückzug von Diversity, sondern eine Phase der Etablierung und Professionalisierung. Die Zeit der grossen Schlagworte geht zu Ende», sagt der Headhunter auf Anfrage. Er lancierte 2006 den «Schillingreport» zur Diversität Schweizer Führungsetagen und gilt als einer der führenden Experten auf diesem Gebiet.
Schilling beobachtet, dass das Thema in vielen Unternehmen «nüchterner geworden» sei. Er spricht von einer «Diversity Fatigue» - einer Ermüdung, nicht einer Ablehnung. «Unternehmen, die Diversity strategisch ernst genommen und sauber verankert haben, arbeiten konsequent weiter. Sie tun es einfach leiser, professioneller und weniger symbolisch.»
Den Druck aus den USA räumt Schilling ein, relativiert ihn aber: «Die politische und rechtliche Entwicklung in den USA ist definitiv ein relevanter Faktor - aber nicht der einzige.» Auch wirtschaftliche Unsicherheit, Kostendruck und eine stärkere Ergebnisorientierung spielten eine Rolle. Zudem hätten mache Firmen ihre Diversity-Programme zuvor auf die Spitze getrieben.
Problematisch werde es dort, wo der sprachliche Wandel mit einem «stillen inhaltlichen Rückzug» einhergehe: «Wenn Budgets gekürzt, Zielvorgaben gestrichen oder Verantwortlichkeiten verwässert werden, dann verliert Diversity an Verbindlichkeit.» Das geschehe häufig ohne offizielle Kommunikation.
Den Kern des Anliegens sieht der Headhunter trotz politischem Gegenwind als erhalten: «Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Nun geht es weniger um neue Zielzahlen als um Qualität, Stabilität und nachhaltige Integration.» (awp/sda/spo)

