TV-Kritik

Pilawa vergeudet Superhirne

Bislang ging ich davon aus, dass nur der liebe Gott alles, und die Menschen alles besser wissen. «Ich weiss alles» heisst die neue Eurovisions-Show von ARD, ORF und SRF. Etwas stimmt da nicht: Das Quiz ist so angelegt, dass die allesamt blitzgescheiten Köpfe ihr umfassendes Allgemeinwissen gar nicht ausbreiten und präsentieren können. Glück ist meist gefragter als Wissen. Der Zufallsgenerator richtet es.

Die vielen aussergewöhnlichen Kandidaten – bis auf zwei Ausnahmen alles Männer –  wurden uncharmant und vor allem zu rasch abserviert. Unfair. Verschwendung. Mit ein Grund, dass es kein Superhirn ins Finale um den Hauptgewinn von 100`000 Euro schaffte. Immerhin: Der Berner Informatiker Marcel Zumstein war der Beste des Abends, zusammen mit einer Österreicherin. Übrigens: Der hochbegabte Zumstein hatte im Februar das SRF-Quiz «Besser als die Quizlegenden» gewonnen und 100`000 Franken davongetragen. Diesmal waren es nur drei Münzen.

«Nach einer knappen Stunde schon wurde die Sendung reizlos»

Bei Pilawa quizzen die Vielwisser während (zu) langen drei Stunden gegen prominente «Experten» und deren Fachgebiete. Bei der Premiere waren es Thomas Gottschalk (Beatles), Til Schweiger (Hollywood), Ben Becker (Goethe) und Lothar Matthäus (Fussball-Weltmeisterschaften). Danach sollten die Bewerber (alle mit sehr hohem IQ) schlauer sein als 1000 Gegner im Publikum. Und später drei Quiz-Moderatoren schlagen: Günther Jauch (RTL), Richard Assinger (ORF) und Susanne Kunz (SRF). Diese genoss es sichtlich, mit Grossen spielen zu dürfen. Auch da eine schwache Leistung der Macher: Kunz war die einzige Frau unter den prominenten Protagonisten.

bild

Angekündigt war «das härteste Quiz Europas» – die Formulierung ist abgedroschen, klingt grossmundig. Nach einer knappen Stunde schon wurde die Sendung reizlos. Besonders gut gelaunt blieb Günther Jauch. Was Wunder: Seine Firma I&U TV durfte die Show produzieren, er war somit der Sieger des Abends. Die nächste Ausgabe von «Ich weiss alles» läuft bereits im Oktober. Jörg Pilawa, der in den letzten 25 Jahren bei verschiedenen Sendern fast alles wegmoderierte, was mit Quiz zu tun hat, ist optimistisch. Er hofft, mit dem länderübergreifenden Wissenskampf die Tradition der guten alten Familienshow wieder aufnehmen zu können. Moderatoren, die von der Hoffnung leben, tanzen ohne die Zuschauer.

Ich weiss nicht alles. Sicher weiss ich allerdings, dass diese Show für mich bereits abgehakt ist. Pilawa scheint sich amüsieren, während er Zuschauer langweilt. Langeweile kann man aber auch ohne ihn haben.

 

 


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Konrad Merk
27.04.2019 22:39 Uhr
Die Sendung müsste umbenannt werden, von "Ich weiss alles" , zu "Ich weiss alles und bin der schnellste". Wenn jemand meint, alles zu wissen, sollte man Ihm auch die Gelegenheit geben, dies zu beweisen und Ihn nicht bestrafen, weil Er den Basserknopf 1/10 Sekunde langsamer gedrückt hat. Wo ist da die Logik.
manser luzia
27.04.2019 21:24 Uhr
Gute Sendung,aber susanne kunz mit ihrem dazwischen-geplapper gibt einem auf den nerv,
Matthias Block
11.09.2018 12:52 Uhr
Sehr treffend formuliert. Als erfahrener Quizzer war ich sehr enttäuscht von der Sendung und froh, dass ich mich im Vorfeld entschieden hatte, nicht bei dem entsprechenden Casting mitzuwirken. Das Format wirkte absolut nicht neu, sondern nur wie ein Facelift der ZDF-Sendung "Quiz-Champion". Insgesamt fehlte jedwede Spannung oder Esprit. Das bei dem ein oder anderen Kandidaten sicherlich vorhandene Wissen wurde leider nicht benötigt.
Kommentarfunktion wurde geschlossen