Der «Tatort» ist die älteste und erfolgreichste Krimi-Reihe in Europa. Vor 47 Jahren von der ARD erfunden, erreichen die Filme am Sonntagabend acht bis dreizehn Millionen Zuschauer. Die Spitze wird meist dann geschafft, wenn die Ermittler aus Münster an der Arbeit waren.
Seit sechs Jahren macht auch das Schweizer Fernsehen wieder mit. Doch dem Sender ist bislang nicht gelungen, sich in der «Tatort»-Riege zu etablieren. «Kriegssplitter» um einen ermordeten Journalisten, der die Tschetschenien-Kriege (der zweite wurde 2009 beendet) untersuchte und die dargestellten Traumas waren zäh und spannend wie eine Hängematte: Dünne Story, wenig prägnante Charaktere, mangelnder Pep, dafür viel banales Geplauder und Geplänkel, Untertitel, – sowie eine an den Haaren herbeigezogene Liebesaffäre von Reto Flückiger.
Damit sind wir beim Ermittler-Duo. Stefan Gubser und Delia Mayer zeigen zu wenig Spielfreude. Sie wirken leidend. Ihre Spurensuche ist selten kurzweilig. Offen gestanden: Ich hielt beide nicht reichlich charismatischen Darsteller von Beginn an nur mässig geeignet für die optimale Besetzung.
SRF hat, so meine ich, vor sechs Jahren eine grosse Chance verpasst. Ich denke da an den Schweizer Schauspieler Roeland Wiesnekker. Der formidable Darsteller ist preisgekrönt: Schweizer Filmpreis, Deutscher Fernsehkrimi-Preis, Deutscher Fernsehpreis Kategorie «Bester Schauspieler Spreewaldkrimi». Ich kann mir vorstellen, dass Wiesnekker (machte viel «Tatort»-Erfahrung in Deutschland) vor Jahren Ja gesagt hätte zur Rolle des Schweizer Kommissars. Jetzt ist es längst zu spät. Wiesnekker (unlängst bravourös im «Bestatter») ist bei ARD und ZDF der gefragteste Schweizer Schauspieler aller Zeiten. Jetzt wird er Kommissar in der neuen ARD-Reihe "Kripo Prag". Die Dreharbeiten beginnen im Juni.
Zugegeben: Auch manche deutsche «Tatort»-Ausgaben gefallen mir wenig bis gar nicht. Allerdings produzieren bei der ARD neun Anstalten jährlich rund dreissig davon. Meine Lieblings-Ermittler: Thiel/Boerne (Münster), Ballauf/Schenk (Köln), Batic/Leitmayr (München) und Charlotte Lindholm (Niedersachsen). Bei denen fühle ich mich zuhause.
Mich sollen die «Tatort»-Krimis am Sonntagabend in erster Linie unterhalten. Sie müssen mörderisch spannend sein, mit einem passendem Mass an Action. Die Fälle dürfen gerne tiefer geraten als ein Suppenteller. Sendungen mit gesellschaftspolitischer Bedeutung hingegen finde ich im TV-Programm weit bessere.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche ARD-Verantwortliche auf die (ungeniessbaren) Schweizer «Tatort»-Fälle etwa so scharf sind wie auf eine ungewürzte Curry-Wurst. Das gilt auch für die Ösi-Krimis. Klar gesagt: Für mich sind die Schweizer «Tatort»-Folgen in der heutigen Form überflüssig.
Es gibt drei Möglichkeiten: Weiterwursteln wie bisher und unterdurchschnittlich bleiben. Ein Neustart mit frischer Besetzung. Oder Ausstieg. SRF wird sich für die erste Variante entscheiden.


TV-Kritik
Spannend wie eine Hängematte