TV-Kritik

SRF braucht eine neue Talkshow

Mit Talksendungen über Politik und Gesellschaft sind die Zuschauer des Schweizer Fernsehens versorgt: «Arena», «Club», «Schawinski», «Rundschau-Talk». Und dann gibt es noch die «Standpunkte»-Gespräche von NZZ, «Basler Zeitung», «Südostschweiz» und «Bilanz». Obschon diese mitunter durchaus anregend sind, laufen sie am Sonntag praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 

Kurt Aeschbacher geht bekanntlich in Kürze in die verdiente Pension. Danach wird ein Talk-Format aus der Unterhaltung fehlen. Doch ein solches gehört zu jedem öffentlich-rechtlichen Sender. Es kann günstiger produziert werden als «Aeschbacher». Indem es aus dem Studio statt aus einer zugemieteten Zürcher Bar gesendet wird. Und es muss nicht mehr wöchentlich sein. Warum sollte SRF nicht schaffen, was die deutschen ARD-Regionalsender mit weniger Gebühren seit Jahrzehnten sehr erfolgreich machen? Beispiele gefällig?

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Fangen wir mit der ältesten deutschen Talkshow an. Diese heisst «3 nach 9». Es gibt sie seit 1974, sie kommt von Radio Bremen TV. Wenn immer möglich schaue und höre ich alle vier Wochen in die Diskussionsrunde im NDR-Programm rein. Sie läuft ausserdem bei HR und RRB. Und ist für das Publikum ständig ein Gewinn. Moderiert wird diese lebendige Sendung (mit vielen Gästen aus allen Bereichen) von einem bewährten gemischten Doppel: «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers (unter anderem Sprecherin der ARD-«Tagesschau»).

Schlicht «Talkshow» nennt sich das zweiwöchentliche Gesprächs-Format des NDR. Doppelmoderation: TV-Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt und Medienphänomen Barbara Schöneberger. Auch dies eine intelligente und amüsante Runde. Das gilt auch für «Tietjen und Bommes» (NDR) mit Bettina Tietjen und Alexander Bommes. Weniger gefallen mir der «Kölner Treff» (WDR) und «Riverboat» (MDR), besser dagegen das «Nachtcafé» (SWR). Fast alle diese seit Jahrzehnten bewährten Sendungen machen gute Laune. Ausnahmslos am Freitagabend, während bei uns in der schwächelnden «Arena» über Politik gestritten wird. 

Der neue SRF-Unterhaltungschef sollte über ein neues Talk-Format nachdenken. Sendeplatz? Zum Beispiel am Sonntagabend, anstelle von «Arena/Reporter». Diese Diskussion würde nicht vermisst. Das kürzlich behandelte, auch im Fernsehen längst ausgelutschte Thema «Legt das Handy weg!» brachte gerade mal einen Marktanteil von 15 Prozent. Jonas Projer könnte meinetwegen den neuen Unterhaltungs-Talk moderieren. In diesem Fall am ehesten zusammen mit Mona Vetsch.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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KOMMENTARE

Remo Zumstein
08.10.2018 16:00 Uhr
Eine Talk-Show, die richtig gross rüber kommt, ist eine schwierige Kiste. M.E. fehlt es bei SRF an wirklich guten "Talkern". Es gibt bei uns keine Anne Will, und es hat bei uns auch nie einen Alfred Biolek gegeben. Ich mag mich noch schwach an Heidi Abel (selig) erinnern, die in meiner Jugendzeit eine Super-Sendung moderierte: "Karambuli" - das Format wurde dann von Kurt Aeschbacher mit anderem Titel übernommen. Aber eben: so gut wie Heidi Abel hat danach niemand mehr getalkt. Heidi Abel war eine ganz Grosse, sie ist eine TV-Legende. Sie war das Gesicht des Schweizer Fernsehens. Und doch: wenn es ein SRF-Gewächs sein muss, dann könnte ich mir am ehesten Mona Vetsch vorstellen. Sie wirkt neugierig, einfühlend und bringt auch eine gewisse Portion natürliche Rotznasen-Frechheit mit (im positiven Sinne). Herr Projer auf keinen Fall - er polarisiert zu stark, stellt sich zu stark in Pose und wirkt auch nicht sehr "feinfühlig", was ein Talkmaster aber sein muss. Ein ebenso begabter Talker (auch wenn das die SRF-Verantwortlichen vielleicht nicht gerne hören) finde ich Markus Gilli von Tele Züri. Für mich ist er der spannendste Talkmaster im Deutschschweizer TV-Markt. Ihm höre ich seit Jahren immer gerne zu. Er ist einer der wenigen "Stars" aus der Lokal-TV-Szene. Es wäre jedenfalls erfrischend, wenn eine neue Talksendung einmal mit einen neuen Gesicht daher käme, als immer die gleichen 5 Verdächtigen von SRF bis zur Pensionierung. In diesem Sinne bin ich Ihnen auch sehr dankbar, Herr Hildbrand, dass sie nicht noch Sven Epiney vorgeschlagen haben.........
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