Der Wettbewerbsbeitrag, der an der 60. Berlinale mit der grössten Spannung erwartet worden war, ist am Donnerstag erstmals öffentlich gezeigt worden: "Jud Süss - Film ohne Gewissen" von Oskar Roehler, ein Spielfilm über das berüchtigte Nazi-Machwerk aus dem Jahr 1940. Erstmals zeigt ein Kinofilm, wie Veit Harlans übles Nazi-Streifen "Jud Süss" aus dem Jahr 1940 entstand, wie viel Einfluss Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels nahm und wie tragisch das Schicksal des Süss-Darstellers Ferdinand Marian war.
Die Mischung aus Melodram und leicht satirischen Elementen irritierte das Publikum in einer ersten Medienvorstellung allerdings stark, so dass es am Ende auch einige Buhrufe gab. Schon während des Films sorgten vereinzelte Szenen für Unmutsäusserungen. Mit gemischten Gefühlen nahmen die Zuschauer auf, dass Moritz Bleibtreu in der Kolportage den Nazi-Verbrecher Goebbels eher als Clown denn als Massenmörder spielte.
"Wir gehen mit unserem Film ins Innere der Salons der Nazis, wir sind mitten in der Nazi-Highsociety", hatte Roehler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärt. So will der Regisseur von Filmen wie "Elementarteilchen" zeigen, wie die Mechanismen von Macht und Verführung, Erpressung und Unterdrückung funktionieren.
Mörderische Nazi-Highsociety
Mit "Jud Süss", dem wohl verwerflichsten Werk der Filmgeschichte, wollten die Nationalsozialisten die Vertreibung der europäischen Juden legitimieren und ihre Ermordung vorbereiten. SS-Kommandos wurde der Hetzfilm vor ihren Einsätzen gegen Juden gezeigt. Tobias Moretti verkörpert den damals nur als Liebhaber-Akteur bekannten Marian. Die Rolle des bewusst als niederträchtig gezeichneten Süss nimmt er gegen seinen Willen an.
"Er wusste eigentlich von Anfang an, dass das für ihn nicht gut ausgehen kann", sagte Roehler: "Es geht darum, wie das System langsam jeden Widerstand zermürbt." In weiteren tragenden Rollen sind Martina Gedeck als Marians jüdische Ehefrau Anna, Armin Rohde als Heinrich George und Justus von Dohnanyi als Harlan zu sehen.
Roehler zeigt, wie Marians Frau - die in Wirklichkeit allerdings keine Jüdin war - sich von ihrem Mann abwendet, weil er sich durch die Gesellschaft der Nazi-Grössen zunehmend verändert. Viele Freunde der Marians müssen emigrieren. Ausserdem versteckt das Paar den jüdischen Schauspieler Adolf Wilhelm Deutscher im Gartenhaus.
Beim von Mussolini ins Leben gerufenen internationalen Filmfestival von Venedig wird "Jud Süss" vom Publikum begeistert gefeiert. Doch Marian wird sich des verbrecherischen Ziels, das die Nazis mit dem Film rechtfertigen wollen, immer deutlicher bewusst. Er ergeht sich in Alkoholexzessen und immer neuen Affären. Goebbels Liebling ist nicht länger eine Vorzeige-Figur. Dann wird Marians Frau deportiert. Nach Kriegsende endet der Prozess gegen Harlan - "des Teufels Regisseur" - mit einem Freispruch. Marian verliert jeden Halt. Der Künstler stirbt 1946 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall.
Roehler plant bereits den nächsten Film über die Nazi-Zeit - allerdings in einem anderen Genre. "Ja, ich will einen Gangsterfilm mit dem Titel "Der kleine Doktor - Der unaufhaltsame Aufstieg des Joseph Goebbels" machen", kündigte er an. (sda)

