Herr Koller, wo erreiche ich Sie gerade?
Es ist morgens um neun Uhr, ich sitze in Santa Monica in meinem Büro. Das Wetter ist – wie könnte es in Kalifornien anders sein – wunderbar. Da wir nicht skypen, kann ich jetzt auch noch in Ruhe frühstücken, während wir sprechen (lacht).
Sie sind in der kalifornischen Sonne, während "Ihr" "Schellen-Ursli" in der Schweiz einen Zuschauerrekord nach dem anderen bricht. Wann haben Sie erstmals realisiert, dass der Film ein so grosser Wurf wird?
Schon die ersten internen Screenings waren vielversprechend. Doch in einer solchen Runde ist man selten so objektiv, wie man vielleicht sein sollte. Bereits vor der Fertigstellung haben wir den Film Erst- und Viertklässlern gezeigt. An deren Reaktionen konnten wir erkennen, dass der Film funktioniert. Später wurde er den Kinobesitzern vorgeführt, die auch positiv reagierten. Aber eine endgültige Gewissheit, wie ein Film ankommt, gibt es nie. Welche Gefühle er aber freisetzt, ahnten wir erst, als wir ihn einem grossen Publikum zeigten und die Gesichter der Zuschauer beobachten konnten. Ich bin aufgrund meiner langjährigen Erfahrung vielleicht ein bisschen zurückhaltender als meine Kolleginnen und Kollegen. Aber als Regisseur versucht man immer sein Bestes zu geben. Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für die Crew. Wir hatten bereits bei den Dreharbeiten eine ausgezeichnete Stimmung, die sich nun auch auf den Film übertragen hat.
Haben Sie ein bestimmtes Rezept, um die Schauspieler zu motivieren?
Es gibt keinen bestimmten Trick, um Höchstleistungen zu erzielen. Das Einzige, was zählt, sind Zuneigung und Vertrauen. Dies gilt vor allem auch für Laienspieler. Im "Schellen-Ursli" sind die drei Kinder sehr wichtig. Die Kinder hatten so zu sein, wie sie sind, ohne eine Rolle zu spielen. Dies ist eine sehr grosse Herausforderung. Die einzige Ausnahme ist Laurin Michael, der einen bösen Buben mimt.
Können Sie auf dem Set laut werden?
Sehr selten. Dann muss es schon sehr stürmisch zugehen. Ich bin nicht der Typ für unkontrollierte Wutausbrüche. Erstens, weil es nichts bringt; zweitens, weil es auf dem Set immer nervig ist. Man steht ständig unter Zeitdruck, man nimmt sich zu viel vor und muss trotzdem sein Programm durchbringen. Es bringt aber überhaupt nichts, wenn derjenige, der an der Spitze steht, den Kopf verliert. Im Gegenteil: Als Regisseur muss man in solchen Situationen die Ruhe bewahren, kreativ bleiben und nach geeigneten Lösungen suchen. Stressentscheidungen führen sehr selten zum Ziel.
Wie lange dauerten die Dreharbeiten?
Vierzig Tage. Die Dreharbeiten waren auf zwei Staffeln verteilt. Im vergangenen Herbst drehten wir dreieinhalb Wochen, anschliessend kamen nochmals viereinhalb Wochen im Winter dazu.
Wie sind Sie eigentlich auf "Schellen-Ursli" gekommen?
Der Stoff wurde mir von C-Films zugetragen. Das war, kurz nachdem ich den Dällenbach-Film "Eine wen iig" beendet hatte. Stefan Jäger hatte bereits ein erstes Drehbuch geschrieben. Dann begannen die üblichen Probleme: Der Bund wollte zuerst den Film unterstützen, dann wieder nicht. Die Produzenten von C-Films suchten in dieser Zeit nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten. Leider vergeblich. Nach zwei Jahren hatte es den Anschein, als sei das Projekt wegen fehlender Gelder gestorben. Doch die Bündner Regierung wollte den Film nicht sterben lassen und beschloss, sich am Projekt finanziell zu beteiligen. Damit kam wieder Dynamik in die ganze Sache. Auch der Detailhändler Spar sicherte eine Beteiligung zu. Daraufhin beauftragte mich C-Films, das Buch nochmals neu zu schreiben.

"Schellen-Ursli" gehört zum Schweizer -Volksgut. Hatten Sie keine Skrupel, die Geschichte zu verändern?
(Lacht.) Nein, warum sollte ich Skrupel haben? Um einen abendfüllenden Spielfilm zu machen, ist die ursprüngliche Fassung von "Schellen-Ursli" viel zu kurz. Ein Bub hat eine kleine Glocke, will aber eine grosse. Für mich ging es beim Schreiben des Drehbuches darum, den Kern oder – wenn man will – die Seele der Geschichte zu finden.
Und dies wäre?
Das ist etwas sehr Persönliches. Als Autor bringt man sich ein und versetzt sich in die Wesen der Charaktere, die man auf ihren Wegen begleitet. Da kommt als Quelle die eigene Kindheit zum Tragen. Aus dieser schöpfte ich, zumindest gefühlsmässig, beim Finden der "eigenen" Persönlichkeit und der Verfolgung der eigenen Ziele. Mut, Zuversicht, Vertrauen und Ehrlichkeit sind einige der verschiedenen Elemente, die entscheidend waren.
Der Film verzichtet auf jegliche modernen Anspielungen. Ist dies ein Teil seines Erfolges?
Ich wollte einen authentischen Film machen und setzte die Handlung wie bei einem Märchen in eine Zeitblase, die nicht genau eruierbar ist. Gleichzeitig wollte ich möglichst nahe bei der Urhandlung des Buches sein. Der Zuschauer sollte immer wieder an Bilder und Eindrücke aus dem "Schellen-Ursli" erinnert werden. Im Gegensatz zu einem Märchen habe ich aber auf jegliche Verkindlichung verzichtet, sondern habe die jungen Hauptdarsteller vielmehr wie junge erwachsene Personen behandelt.
"Schellen-Ursli" hat rund 5,5 Millionen Franken gekostet. Für Schweizer Verhältnisse ist dies ein ausserordentlich hoher Betrag. Warum ist dieser Film so teuer?
Ich bin sehr teuer (lacht). Nein, schön wäre es, aber das war nicht der Grund. Wenn ein Film zwei Drehzeiten hat wie "Schellen-Ursli", steigen die Kosten sogleich an, weil die Crew zwischenzeitlich nichts anderes machen kann ausser warten. Dies hat einen Einfluss auf die Gage. Aber dies war nicht der einzige Grund: Wir mussten einige Häuser bauen, um dem Dorf die gewünschte Atmosphäre zu geben und um es für unseren Dreh praktisch einzurichten. Zwischen dem Herbst- und dem Winterdreh arbeiteten mehr als zwanzig Leute an der Konstruktion und am Finish dieser Häuser. Das kostet Geld!
Ist dies sinnvoll? Das Schellen-Ursli-Dorf Guarda ist ja bestens erhalten.
Diese Frage haben mir die Produzenten auch gestellt. Und ich musste sie überzeugen, dass es schlussendlich viel einfacher sei, einige Kulissen aufzustellen, als während Wochen in Guarda zu drehen. Wir hätten ständig zügeln müssen, von einer Hausecke zur anderen. Es ist auch nicht sinnvoll, wegen eines Films ein Dorf über eine längere Zeit abzusperren, denn dort geht das Leben weiter. Wir haben mit Sur En, einem Ortsteil von Ardez, auf der Schattenseite des Tals einen idealen Drehort gefunden. Dort leben im Winter lediglich zwei Personen. Wir haben den kleinen Weiler mit neuen Gebäuden erweitert und die anderen in Kleinstarbeit unseren Bedürfnissen angepasst, also älter und für den Look des Films perfekter gemacht.
Jetzt sieht Ihr Schellen-Ursli-Dorf genau gleich aus wie Guarda auf der anderen Talseite …
Nein, absolut nicht. Guarda ist viel farbiger. Das Schellen-Ursli-Haus, wie wir es kennen, entspricht einer Vorstellung Carigiets, in Wirklichkeit ist es inexistent. Das Haus in Guarda, das nach dem Schellen-Ursli benannt ist, gehörte der Autorin Selina Chönz. Dort habe sie auch Carigiet, so sagt man, in der Dachkammer eingesperrt, damit er endlich seine Zeichnungen beende. Das Schellen-Ursli-Haus, wie wir es aus unserer Erinnerung kennen, ist ein Fantasiehaus mit vielen schrägen Winkeln. Unser Filmarchitekt Frank Bollinger hat es auf einer freien Wiese perfekt nachgebaut. Domenica Carigiet, die Tochter von Alois Carigiet, musste weinen, als sie es sah. "Das hätte meinem Vater gefallen!" Dieses Haus, aber auch die anderen Bauten, die wir in Sur En erstellten, gaben dem Film eine Homogenität und eine Authentizität, die sicher zu seinem Erfolg beitragen.
Jetzt kommt auch noch die Heidi-Verfilmung in die Kinos. Entsprechen solche Filme dem Zeitgeist?
Es ist vor allem ein dummer Zufall, dass "Heidi" und "Schellen-Ursli" dicht hintereinander gezeigt werden. Ursprünglich sollte "Heidi" erst nächsten März in die Kinos kommen und unsere Produktion kurz vor Weihnachten. Da aber ein anderer Film von Disney, der Verleiherin des Films, verschoben wurde, schob man "Heidi" auf den frei gewordenen Weihnachtstermin. Aber zwischen beiden Produktionsfirmen, C-Films und Zodiac Pictures, besteht ein sehr gutes Einvernehmen, und man hat sogleich nach einer optimalen Lösung gesucht, um eine zu grosse Terminkollision zu vermeiden.
Wird "Schellen-Ursli" nach den grossartigen Besucherzahlen jetzt auch international einschlagen?
Diese Hoffnung besteht immer. Dank der guten Zuschauerzahlen sind jetzt auch internationale Kinoverleiher auf "Schellen-Ursli" aufmerksam geworden. Um im Ausland erfolgreich zu sein, ist es aber wichtig, dass ein Film auch in einer fremden Sprache funktioniert. Im Frühjahr startet er in Deutschland. Die italienische Version ist im Tessin sehr gut angelaufen, die französische startet demnächst in der Romandie. Man muss Kinderfilme immer synchronisieren, da die Kinder, die das Zielpublikum sind, kaum Untertitel lesen können. In den USA mag man weder untertitelte noch synchronisierte Filme. Ich vermute, dies ist eher eine Frage von Protektionismus als ein Desinteresse des Publikums.
Spar unterstützt den Film sehr stark. Stört Sie das?
Nein, es gibt kein Product-Placement im ganzen Film ausser für die Rhätische Bahn, wenn man so will, wenn der alte Zug über die Bogenbrücke dampft. Spar war ein logischer Partner, denn Spar hat seit Jahren eine eigene Schellen-Ursli-Linie im Programm. Deswegen sind die Produzenten auf Spar zugegangen.
Sie haben eine Feinmechanikerlehre gemacht. Warum wollten Sie zum Film?
Ursprünglich wollte ich weder Mechaniker lernen noch zum Film gehen, sondern Clown werden. Mein Vater sagte mir aber: "Zuerst lernst du etwas Anständiges, nachher kannst du machen, was du willst." Ich wurde nicht Clown, aber Schauspieler. Nach dem Besuch der Schauspielakademie Zürich habe ich einige Jahre als Schauspieler gearbeitet. Meine erste Rolle hatte ich am Neumarkttheater in Zürich in einem Stück mit Liselotte Pulver.
Warum sind Sie trotzdem zum Film gekommen?
Gute Frage. Um mein Sackgeld aufzubessern, habe ich abends im örtlichen Kino gearbeitet, war Platzanweiser und habe Glace verkauft. Während dieser Zeit habe ich sehr viele Filme gesehen. Dies weckte meine Leidenschaft für das Kino. Während meiner Schauspielzeit in Göttingen bin ich viel ins Kino gegangen und habe mir die alten Klassiker angeschaut. Es war aber nie mein Wunsch, Filmregisseur zu werden.
Aber trotzdem sind Sie es geworden ...
Während der Schauspielschule habe ich in vielen Werbespots mitgearbeitet. Damals fragte mich der Kameramann Kurt Aeschbacher – nicht zu verwechseln mit Aeschbi –, ob ich bei einem seiner Filmprojekte mitmachen würde. Ich sagte sofort zu und fragte, worum es gehe. Schnell realisierte ich aber, dass es nur eine Idee war, nichts weiter, also keine Geschichte. Gemeinsam fingen wir an, ein Drehbuch zu schreiben, wovon ich wirklich keine Ahnung hatte. Nach einem Jahr war daraus ein Drehbuch entstanden, das wir niemals hätten umsetzen können. "Jetzt will ich endlich was drehen", sagte ich zu Kurt. "Ich schreibe eine ganz simple Geschichte, die mit wenig Geld machbar ist." Ich organisierte zehntausend Franken, indem mein Vater die Hypothek auf unserem Haus erhöhte! Zur Endfertigung kamen dann nochmals zehntausend dazu. "Fanö Hill", so hiess der Film, den wir auf der dänischen Insel Fanø drehten. In dieser Zeit habe ich realisiert, dass mir diese Tätigkeit sehr grossen Spass macht.
Wovon handelte der erste Film?
Es war eine Art Kain-und-Abel-Geschichte, inspiriert von dem Buch "Das sogenannte Böse" des Tiefenpsychologen Leopold Szondi, einer Studie über den "Schreibtisch-Kain" Eichmann. Nur habe ich das selbstverständlich sehr vereinfacht, ja geradezu naiv dargestellt. Zu mehr war ich damals auch noch nicht in der Lage. In meinem ersten Kinofilm, "Hannibal", habe ich dann das Thema etwas vertieft, zwar noch immer naiv, aber vielleicht etwas weniger.
Wovon haben Sie damals gelebt?
Zwischen zwanzig und dreissig muss man nur für sich auskommen. In diesem Alter verfügt man über eine unheimliche Energie, ist mutig und frech. Das Geldverdienen spielt nur eine sekundäre Rolle. Wir waren damals wirklich der Ansicht, dass wir mit unserer Tätigkeit die Welt verändern könnten. Demzufolge sind wir auch oftmals auf die Nase gefallen. "Fanö Hill" hat zwar seine Kosten wieder eingespielt, und ich konnte meinem Vater das Geld zurückzahlen. Für "Hannibal" jedoch musste ich dann jahrelang Geld abstottern, weil er finanziell eine Katastrophe war. Dies war sozusagen meine Filmschule und das Lehrgeld für die fehlenden Erfahrungen damals.
Waren Sie ein politischer Regisseur?
Nein, nicht im agitativen Sinn. Mich hat vor allem das szenisch-dramatische Schaffen interessiert, aber auch da floss die persönliche politische Haltung mit ein. Rein politische oder gesellschaftspolitisch heikle Themen, wie Geschichten über den Überwachungsstaat, die Pressefreiheit oder die Homosexualität, habe ich in Fernsehstücken abgehandelt, die ich für die "Telebühne/Telearena" des Schweizer Fernsehens machen konnte. Das waren Live-Fernsehsendungen der besten Sorte, echte Volkstribunale. Heute undenkbar! Das führte jeweils zu landesweiten Kontroversen.
Aber das Flüchtlingsdrama "Reise der Hoffnung", mit dem Sie 1991 den Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film gewannen, war doch eine politische Aussage?
Ja sicher, solche Themen sind a priori politisch, ob man will oder nicht! Aber meine Motivation, diesen Film zu drehen, war primär eine emotionale. Das Thema hatte mich 1988 buchstäblich angesprungen, als ich in der Zeitung vom tragischen Tod des alevitischen Flüchtlingsknaben Mehmet Ali las, der in einem Schneesturm völlig erschöpft in den Armen seines Vaters starb. Dies hatte in mir damals eine ähnliche Reaktion ausgelöst wie unlängst das Bild des toten Flüchtlingsbuben am Strand von Bodrum. Es verlässt niemand freiwillig sein Land und nimmt solche Strapazen und Risiken auf sich, um sich an einem anderen Ort niederzulassen, nur weil es dort schöner sein solle. Dies wollte ich mit meinem Film darstellen, daher auch der Titel "Reise der Hoffnung".
Dann kam der Moment, als Sie zur grossen Überraschung als Oscar-Gewinner ausgerufen wurden. Wie erlebten Sie diesen Augenblick?
Das ist heute noch sehr schwer nachvollziehbar. Es war ja nie geplant, dass ich mit diesem Film einen Oscar gewinnen könnte. Filme macht man, weil man eine Geschichte im Kopf oder im Herzen hat, und nicht, weil man auf einen grossen Preis spekuliert, zumindest bei mir ist und war das so. Ja, dann ist es halt passiert. Die Franzosen waren schwer beleidigt, weil jedermann glaubte, dass "Cyrano von Bergerac" mit Depardieu in der Hauptrolle den Oscar gewinnen würde. Sie vermuteten sofort ein Komplott der Amerikaner gegen ihr Land. Der Moment, als Dustin Hofmann meinen Namen ausrief, war unglaublich. Ich stolperte nach vorne, griff nach dem Oscar und dankte der türkischen Familie, deren tragisches Schicksal nun auf so viel Beachtung stiess.
Aber gefeiert haben Sie trotzdem?
Selbstverständlich. Irgendwann gegen vier Uhr morgens fiel ich ins Hotelbett. Doch die Nacht war nur kurz. Am nächsten Morgen, also nur wenige Stunden später, hatten wir bereits wieder eine Besprechung mit dem legendären Harvey Weinstein von Miramax, der den Film für die USA gekauft hatte.
Wo steht der Oscar heute?
In meinem Büro.
Nach dem Oscar-Gewinn sind Sie gleich in Hollywood geblieben ...
Nicht direkt, mein Ziel war es auch nie, nach Hollywood zu gehen. Das war ein so krasser Gegensatz zu meiner ursprünglichen Welt, dass ich nicht einmal im Traum einen Gedanken daran verschwendete. Als sich aber aufgrund des Oscar-Gewinns die Möglichkeit ergab, dort zu arbeiten, sagte ich mir: Warum nicht? Ich war immer ein sehr risikofreudiger Typ und offen für Neues. Obwohl mich eine Talentagentur engagierte, dauerte es ganze zwei Jahre, bis sich ein Projekt herauskristallisierte.
Einer Ihrer Filme, ein 17-Millionen-Dollar-Projekt, das Sie für Disney produzierten, wurde aus den Kinos zurückgezogen, weil er zu verwandt war mit ihrem Animationsfilm "Pocahontas", der zur selben Zeit in die Kinos kam. Ein anderes Projekt scheiterte, weil die Verleihfirma pleiteging. Wie gingen Sie mit diesen Schicksalsschlägen um?
Ich lernte in den USA, dass man für sein Schicksal letztlich selbst verantwortlich ist. Für mich war dies eine wichtige Erfahrung. Man überlebt hier nur, wenn man die Bereitschaft entwickelt, eine Niederlage wegzustecken, um anschliessend wieder aufzustehen und weiterzumachen. "You can do it" ist das Hauptmotto der Amerikaner. Das ist wohl der wichtigste Unterschied zur Schweizer Mentalität.
Welchen Wert hat der Oscar, den Sie vor einem Vierteljahrhundert gewonnen haben, bei Ihrer täglichen Arbeit?
In England wäre man vielleicht ein Sir, wie Sir Ben Kingsley. Der Oscar ist wie ein Orden, von dem man sich nicht mehr lösen kann. Ob man etwas daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen. Es ist zumindest eine Form von Respekt, der einem entgegengebracht wird.
Im "Schellen-Ursli" taucht ein Wolf auf. Ist das Hollywood im Engadin?
Ob es Hollywood ist, weiss ich nicht. Das ist eine Frage für die Kritiker. Der Wolf hat für mich einen symbolischen, psychologischen und fantastischen Wert: Er zeigt das Wilde, das Ursin auch in sich trägt. In diesem Sinne ist er dem Wolf verwandt. Es ist auch ein Element für Respekt und Vertrauen.
Aber Sie haben wirklich einen Wolf benutzt?
(Lacht.) Ja, aber das war, ohne in die Details zu gehen, nicht ganz einfach. Der Wolf war wirklich ein Wolf, aber ein sehr scheuer. Anfänglich musste er immer an einer langen Leine geführt werden. Diese mussten dann die CGI-Leute in Kleinstarbeit herausschneiden. Bei den Winterszenen konnten sie den Wolf allerdings frei laufen lassen. Die Trainer und der Wolf hatten dazugelernt! Doch es benötigte sehr viel Geduld und Vertrauen, bis wir all die notwendigen Szenen im Kasten hatten.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Eine Überraschung selbstverständlich!
Interview: Matthias Ackeret; Bilder: Keystone, C-Films
Das vollständige Interview finden Sie in der Dezember-Ausgabe des "persönlich"-Magazins.

