16.08.2014

Filmfestival Locarno

Goldener Leopard für philippinischen Film

"Schweizer Helden" gewinnen den Publikumspreis.

Für einmal an der 67. Ausgabe des Filmfestivals Locarno spielte auch das Wetter mit: Unter sternenklarem Himmel wurden am Samstagabend auf der Piazza Grande die Leoparden übergeben und der Abschlussfilm "Geronimo" gezeigt. Trotz zahlreichen Regentagen verzeichnet das Festival eine Zunahme der Zuschauerzahlen.
 
Ausnahmsweise waren sich Jury, Kritiker und Publikum einig: Der philippinische Regisseur Lav Diaz ist mit seinem Schwarz-Weiss-Spielfilm "Mula sa kung ano ang noon" ("From What Is Before") der verdiente Gewinner des Goldenen Leoparden. Das fünfeinhalbstündige Epos spielt in einem philippinischen Dorf zu Zeiten der Marcos-Diktatur. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen des 55-Jährigen Regisseurs.
 
Die "NZZ am Sonntag" bezeichnete das Werk als ein Erlebnis, das einen "starken Sog" entfalte. Der "Tages-Anzeiger" handelte den Film schon nach den ersten Festivaltagen als Favoriten. Auszeichnungen erhielt Diaz auch von den unabhängigen Jurys, so etwa diejenige der internationalen Filmkritiker.
 
Obwohl der Preis für den zweitbesten Film an die Satire "Listen Up Philip" über einen egomanen New Yorker Autor ging, geht ein anderer Film als heimlicher zweiter Sieger aus dem Festival hervor: Der russische Polit-Thriller "Durak" ("The Fool") tauchte auf der langen Liste der Preise ebenso oft auf wie der Gewinnerfilm. Der Streifen über einen jungen Vater, der sich gegen Behördenwillkür wehrt, kommt 2015 in die Schweizer Kinos.
 
Asylsuchende spielen sich ins Herz der Piazza

Weniger glücklich verlief der internationale Wettbewerb für die beiden Schweizer Beiträge. Das Drama "Cure - The Life of Another" der Zürcher Regisseurin Andrea Štaka wie auch Fernand Melgars Dokfilm "L'abri" über eine Lausanner Notschlafstelle gingen leer aus.
 
Einen Sieg kann der Schweizer Film dennoch verzeichnen: Das Publikum der Piazza Grande wählte "Schweizer Helden", Peter Luisis Komödie über Asylsuchende, die den "Wilhelm Tell" aufführen, zum Publikumsliebling. Geschmack der Kritiker und des Publikums gehen eben doch oft auseinander: Von den Kritikern erhielt der witzige, aber etwas gar rührselige Film mässig gute Bewertungen.
 
Mit Abstand die meisten Zuschauer lockte der Eröffnungsfilm "Lucy" auf die Piazza, gefolgt von "Sils Maria" mit Juliette Binoche in der Hauptrolle und den "Schweizer Helden".
 
Binoche kam, Polanski nicht
Das 67. Festival del film war die zweite Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Carlo Chatrian. Wie schon im Jahr zuvor hatte der Norditaliener die Vielfalt zu seinem Credo gemacht. Präsentiert hat Chatrian nicht etwa eine wahllose Mischung, sondern eine geschickte Auswahl, die bei Kritikern und Publikum Anklang fand.
 
In einem Communiqué vom Sonntag zeigte sich der 42-Jährige zufrieden: "Wir haben elf aufregende Tage hinter uns, mit grossen Gästen und Filmen, die es schafften, uns von der Welt und den Menschen zu erzählen, die darauf leben."
 
Mit "aufregenden Tagen" spielte Chatrian wohl nicht zuletzt auf die kurzfristige Absage des Regisseurs Roman Polanski an. Im Tessin hatte seine Einladung ans Filmfestival bei konservativen Politikern für Aufregung gesorgt. Polanski war in den USA wegen Missbrauchs angeklagt.
 
Über einen mangelnden Promi-Aufmarsch konnte sich Locarno dennoch nicht beschweren: Am Freitag und am Samstag trat Juliette Binoche auf, in den Tagen zuvor holten etwa Melanie Griffith, Armin Mueller-Stahl, Mia Farrow oder Luc Besson einen der zahllosen Preise ab.
 
Lichtblicke am Schweizer Filmhimmel
Obwohl der Himmel über Locarno an vielen der elf Festivaltagen wolkenverhangen war, kamen mit über 166'000 Zuschauer etwa 4000 mehr ans Filmfestival als im Jahr zuvor, wie die Leitung am Sonntag mitteilte.
 
Branchenvertreter und Politiker diskutierten am Filmfestival die Zukunft des Schweizer Films. Kulturminister Alain Berset bekräftigte an einer Medienkonferenz zum Festivalbeginn das Ziel des Bundesrates, wieder in das EU-Förderprogramm MEDIA einzusteigen
 
In einem Interview mit der "Zentralschweiz am Sonntag" sagte Berset, die Schweiz führe wieder Gespräche mit der EU auf technischer Ebene zu MEDIA. Noch gebe es kein Verhandlungsmandat in der EU. "Aber ich bin zuversichtlich." (sda)


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