21.04.2014

Ueli Steck

Grenzgänger aus dem Berner Oberland

Der 37-jährige Ueli Steck aus dem Berner Oberland zählt zu den weltbesten Kletterern. Im vergangenen Jahr gelang ihm die erstmalige Solobesteigung der Südwand des Annapurna, seines sechsten Achttausenders. Kurz zuvor war er am Mount Everest von Sherpas angegriffen worden. Wie geht man mit solchen Situationen um? "persönlich" hat den Extrembergsteiger im Vorfeld einer IAA-Swiss-Young-Professionals-Veranstaltung im Zürcher Prime Tower getroffen.
Ueli Steck: Grenzgänger aus dem Berner Oberland

Herr Steck, Sie wollten nach der aufsehenerregenden Attacke der Sherpas im Himalaya im vergangenen Jahr mit dem Bergsteigen aufhören. Was hat Sie bewogen weiterzumachen? 
Das war zweifelsohne ein Tiefschlag in meinem Leben, der mir jegliche Freude an meinem Beruf geraubt hat. Doch irgendwann erkannte ich, dass der Angriff der Sherpas mit dem Bergsteigen nur wenig zu tun hat. Und so habe ich mich entschlossen weiterzumachen, nicht zuletzt aus der Erkenntnis heraus, dass die Berge mein Leben sind.

Was hat Sie bei diesem Angriff am meisten verletzt? 
Primär wurde ich auf der menschlichen Ebene verletzt. Aber auch die ganze mediale Berichterstattung hat Spuren hinterlassen.

Was hatte dies auf der menschlichen Ebene für Konsequenzen? 
Wenn man einmal, so wie ich am Everest, lebensbedrohlich angegriffen wird, ändert sich vieles. Man verliert eine gewisse Leichtigkeit. Jeder, der sich je in einer solchen Situation befand, muss selber entscheiden, wie er dies verarbeitet. Für mich ist aber klar, dass dieses Ereignis für mein weiteres Leben prägend war und auch Spuren hinterlassen wird. Ich werde die Erinnerungen an diese Attacke nicht mehr aus meinem Hirn löschen können. Ob es schlussendlich eine negative oder positive Erfahrung war, liegt an mir. Ich habe jedenfalls von diesem Zwischenfall sehr viel gelernt.

Haben Sie nach dem Überfall nochmals mit den Sherpas, die Sie attackiert hatten, gesprochen? 
Wir hatten noch während der Expedition eine Aussprache mit den Sherpas. Doch das ist jetzt Vergangenheit. Das Leben geht weiter.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst weiterzuklettern? 
Sehr schnell. Was wäre die Alternative gewesen?

Sie gelten als "weltbester Bergsteiger". Was zeichnet diesen aus? 
Es gibt keinen "weltbesten Bergsteiger". Dies ist eine Erfindung der Medien. Trotzdem gehöre ich aufgrund meiner momentanen Konstitution sicher zu den erfolgreichsten Bergsteigern. In meinem Beruf ist man immer ein bisschen ein Individualist. Es gibt – im Gegensatz zu anderen Sportarten – keine Möglichkeit, sich in einem Wettbewerb mit den anderen zu messen.

Wie trainieren Sie? 
Das ist von Projekt zu Projekt verschieden. Für den Annapurna habe ich sehr viele Bergläufe gemacht. Daneben betreibe ich ein intensives Kraftprogramm. Die Vorbereitung auf eine Bergbesteigung entspricht derjenigen eines Spitzensportlers für einen Wettkampf.

Wie lange dauert die Vorbereitung eines Projekts? 
(Lacht.) Wann ist ein Projekt ein Projekt? Es spielen viele Eventualitäten mit, bis ein Projekt steht. Während der Annapurna-Besteigung habe ich noch weitere Herausforderungen entdeckt, die ich in den nächsten Jahren realisieren möchte. Mein nächstes Projekt ist für das Frühjahr 2015 geplant.

Welches ist das? 
Ich weiss schon welches. Ich halte mich aber mit der Kommunikation momentan sehr zurück, weil in den nächsten zwölf Monaten noch viel sehr schieflaufen kann.

Wie hoch sind die Kosten einer solchen Expedition? 
Das variiert. Die Bewilligung für die Besteigung des Mount Everest beträgt 11'000 Dollar, den Annapurna kann man für 3500 Dollar besteigen. Dazu kommen die Reisekosten und die gesamte Infrastruktur.

Das wird alles durch Sponsoring abgedeckt? 
Ja, ich benötige immer Sponsoren für ein bestimmtes Projekt. Daneben sind Vorträge und Bücher wichtige Einnahmequellen für mich geworden.

Sie haben 2008 die Eigernordwand in einer Rekordzeit von 2 Stunden und 47 Minuten durchquert. War das für Sie nur ein technischer Rekord? 
Ich habe mich über diesen Rekord gefreut, nachdem ich über eine Stunde schneller war als im Vorjahr. Und dies ohne Seilsicherung. Trotzdem bleibe ich nach solchen Anstrengungen relativ nüchtern und plane bereits die nächsten Projekte. Für mich ist es wichtig, immer weiterzugehen. Stillstand kommt für mich nicht infrage. Die Annapurna-Besteigung vom vergangenen Jahr ist für mich praktisch nicht mehr relevant, obwohl ich noch dauernd danach befragt werde. In meinen Gedanken bin ich bereits an einem anderen Ort.

Was fasziniert Sie am Klettern? 
Klettern ist ganz einfach: Wenn man den Berg nicht hochkommt, ist man selber schuld. Die Regeln sind klar. Während des Bergsteigens muss man ständig Entscheidungen treffen. Beispielsweise, ob man nach vorne geht, nach links oder nach rechts. Wer einen Fehlentscheid fällt, muss die Konsequenzen selber tragen; ohne Wenn und Aber. Ein Bergsteiger führt ein ganz einfaches und gradliniges Leben.

Wie viele Freunde haben Sie beim Bergsteigen verloren? 
Viele. Es ist eine Realität, dass Bergsteigen eine gefährliche Sportart ist. Man muss sich dies einfach immer wieder vor Augen führen.

Braucht es nicht viel Mut, eine Tour abzubrechen? 
Man muss sich immer bewusst sein, worum es eigentlich geht. Es bringt die Welt nicht weiter, ob ich den Mount Everest bestiegen habe oder nicht. Höchstens im persönlichen Bereich ändert sich etwas. Für mich ist es eminent wichtig, dass ich beim Bergsteigen meine Entscheidungen alleine treffe und mich nicht von aussen beeinflussen lasse. Bei meiner ersten Mount-Everest-Besteigung hatte ich kalte Füsse. Ich wusste, wenn ich jetzt auf den Gipfel steige, verliere ich meine Zehen. Deswegen war der Entscheid, umzukehren, sehr einfach. Sobald ich aber jemandem erklärt hätte, warum ich kurz vor dem Gipfel umkehren will, hätte ich einen Fehlentscheid getroffen, wäre auf den Everest gestiegen und hätte meine Zehen verloren. Diese Erkenntnis war für mich sehr wichtig.

Man muss sich also ständig von der Aussenwelt abschirmen? 
Ja. Für mich wäre es nie infrage gekommen, einen Eigernordwand-Rekord live filmen zu lassen und im Fernsehen oder Internet zu übertragen. Sobald eine Kamera im Spiel ist, entscheidet man nicht mehr für sich selber, sondern für die Öffentlichkeit. Und das kann fatale Folgen haben: Wenn man herunterfällt, trägt man die Konsequenzen auch alleine. Weder die Zuschauer noch die Journalisten, noch die Sponsoren.

Nochmals zurück zum Bergsteigen: Was war für Sie das absolute Highlight? 
Das gibt es für mich nicht. Ich staune manch mal selber, was ich bis heute alles gemacht habe. Jede Begehung hat ihre faszinierenden Seiten.

Mittlerweile ist jeder Berg bestiegen. Ist es nicht sehr schwierig geworden, neue Herausforderungen zu finden? 
Das ist der Punkt. Es gibt noch viele Projekte, die man realisieren könnte. Aber man muss ein bisschen kreativ sein. Wie gesagt: Mit allen Achttausendern holt man niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Auf der anderen Seite kann ich mich nach dem Annapurna nicht mehr steigern. Alles andere käme nicht gut, das zeigen die Erfahrung und auch die Geschichte.

Wir befinden uns momentan auf dem Prime Tower, dem höchsten Gebäude der Schweiz. Wäre das eine Steck­-Herausforderung? 
Sehr schwierig. Die Scheiben sind viel zu glatt.

Interview: Matthias Ackeret, Bilder: Robert Bösch

 

Das vollständige Interview mit Ueli Steck lesen Sie in der aktuellen "persönlich"-Ausgabe.


Ueli Steck (1976) ist einer der erfolgreichsten Bergsteiger. Mit seinem leichten und schnellen Alpinstil hat der 37-jährige Berner Oberländer zahlreiche Glanzpunkte gesetzt: Eigernordwand solo in zwei Stunden und 47 Minuten, verschiedenste Höhenbergsteig-Projekte im Alpinstil im Himalaya sowie der letzte Exploit in der Annapurna-Südwand (8091 m) solo in 28 Stunden. 2008 wurde Steck mit dem Eiger Award und dem Prix Courage ausgezeichnet. Ueli Steck ist verheiratet. Das Interview fand im Vorfeld einer IAA-Swiss-Young-Professionals-Veranstaltung im Zürcher Prime Tower statt. Bei den IAA Young Professionals handelt es sich um eine Vereinigung aufstrebender Kommunikationsfachleute (www.iaa.ch). 

 

Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören