Es ist eine böse, zynische Pointe zum Erscheinen eines bösen, zynischen Buches: Der Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" erfolgte am Tag der Publikation von "Soumission", des sechsten Romans von Michel Houellebecq. Das Blatt widmete dem Werk des 56-Jährigen seine Titelgeschichte.
Das Buch, das bereits kommende Woche in der Übersetzung von Norma Cassau und Bernd Wilczek im DuMont Verlag auf Deutsch erscheint, spielt im Jahr 2022, in einem politisch zerrissenen Frankreich, dessen Gesellschaft schliesslich nach dem Wahlsieg einer Muslim-Partei rasch umgebaut wird.
Dabei findet die geschilderte "Unterwerfung" der träge gewordenen liberalen westlichen Lebensform unter die Vorschriften einer abgemilderten Koran-Auslegung durchaus freiwillig statt und wird von Houellebecq mit perfider Akribie beschrieben.
Die kampflose Aufgabe der Werte der Aufklärung und die explizit sogenannte "Kollaboration" nicht nur der einzig in der Angststarre gegen Rechts vereinten politischen Klasse, sondern auch der französischen Intellektuellen, geht einher mit einer anderen ethischen Kontinentalverschiebung: der freiwilligen Unterwerfung der Frau.
Ein radikaler Umbau der Familiengesetzgebung zieht die Frauen massenhaft vom Arbeitsmarkt heim an den Herd, die Arbeitslosenraten schnellen dadurch nach unten. An der "Islamischen Universität Paris-Sorbonne" lehren nur noch Männer, ihre Studentinnen sind "hübsch, verschleiert, schüchtern" - Heiratsvermittlerinnen sorgen dafür, dass auch unattraktive, misanthropische Professoren wie der Literaturwissenschaftler und Ich-Erzähler François blutjunges Frischfleisch ins Bett bekommen.
Erschreckend aktuell
Der Roman "Unterwerfung" ist provokant frauenfeindlich, in der Schilderung der kampflosen Aufgabe aller emanzipatorischen Werte ebenso wie in den zahllosen Sexszenen, in denen sich der Protagonist, dem der Autor zweifellos viele eigene Züge mitgegeben hat, lustlos abarbeitet. Und er ist provokant in seiner halb-distanzierten, halb-ironischen Beschreibung der Dinge.
Auf Seite 56 des Romans sind in einem beschaulichen Treffen eines Intellektuellenzirkels im Pariser "Musée de la vie romantique" plötzlich Schüsse zu hören, gefolgt von Explosionen. "Das erste Mal, dass es in Paris
knallt", bemerkt einer der irritierten Gäste. Kein Leser wird in den nächsten Wochen diese Szene lesen können, ohne an die dramatischen Bilder zu denken, die sich diese Woche wenige Kilometer davon entfernt real abspielten.
Die von François wahrgenommenen Schüsse und brennenden Autos an der Place de Clichy zählen zu von den Medien totgeschwiegenen Unruhen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2022. Das politische Establishment - die zweite Amtsperiode des schwachen und politisch längst bedeutungslosen Präsidenten François Hollande geht gerade zu Ende - möchte die Zuspitzung der Lage verharmlosen und das Land durch blosses Ignorieren der Situation befrieden.
Literarisch unergiebig
Als im zweiten Wahlgang nur noch eine Koalition von Bürgerlichen und Sozialisten die Machtübernahme des Front National (wo noch immer Marine Le Pen Frontfrau ist) verhindern kann, kommt es zum Schulterschluss einer
"republikanischen Front" - der in der Realität einer Kapitulation gleichkommt. Während der Zentrumspolitiker François Bayrou als neuer Premierminister zum Hampelmann der neuen Machthaber wird, schreitet der charismatische muslimische Intellektuelle Mohammed Ben Abbes als Lichtgestalt und neuer Präsident zügig zum grossen Umbau des Abendlandes.
So irritierend der politische und gesellschaftliche Zukunftsblick dieses Romans ist, der unter dramatischen Umständen zum Buch der Stunde wurde, so literarisch unergiebig ist er. Dabei hat der Provokateur Houellebecq, der für "Karte und Gebiet" mit höchsten literarischen Weihen versehen wurde, sein Buch ausgerechnet im Literaturbetrieb angesiedelt, den er gleichzeitig nach Kräften dem Gespött preisgibt.
So oder so: "Unterwerfung" ist in jedem Fall ein höchst irritierendes Buch. Und Houellebecq angeblich vorerst einmal untergetaucht, obwohl er in seinem Roman dem Islam durchaus wohlwollend gegenübersteht und der Westen darin deutlich mehr Kritik einzustecken hat. Die Verhältnisse sind nicht nur gefährlich, sondern auch unübersichtlich geworden. (sda)
Text: Wolfgang Huber-Lang, APA/Bild: Keystone
Michel Houellebecq: "Unterwerfung", Aus dem Französischen von Norma Cassau und
Bernd Wilczek, DuMont 280 Seiten, 33.90 Franken (UVP). Erscheint am 16. Januar.

