15.03.2024

Sepp Blatter

«Ich sehe mich als Mann des Fussballs»

Lange Jahre war er Präsident des Weltfussballverbands Fifa, doch 2015 musste Sepp Blatter sein Büro räumen. Nun hat der 88-jährige Walliser zusammen mit Journalist Thomas Renggli das Buch «Overtime. Die wahre Geschichte» veröffentlicht.
Sepp Blatter: «Ich sehe mich als Mann des Fussballs»
«Mit Kritik muss man in einer Position, wie ich sie ausüben konnte, rechnen», so Sepp Blatter, ehemaliger Präsident des Weltfussballverbands Fifa. (Bild: Keystone/Ti-Press/Alessandro Crinari)
von Matthias Ackeret

Herr Blatter, Sie haben soeben Ihre Biografie mit dem Titel «Overtime. Die wahre Geschichte» publiziert. Was hat Sie bewogen, dieses Buch zusammen mit Thomas Renggli zu schreiben?
Das Buch ist keine Biographie, sondern gibt einen Einblick – Momente, Begegnungen – in eine lange Karriere mit Emotionen, Rückschlägen, Siegen und Niederlagen. Wie gefühlt, so erzählt. Es ist meine Wahrheit. Nach meinem nicht sehr diskreten Abgang bei der Fifa – zu Beginn 2016 – brauchte ich viel Zeit, um diese neue Situation zu verdauen, und hatte auch ein gesundheitliches Problem. Als es mir wieder besser ging und das Bundesstrafgericht mich freigesprochen hatte, war es mein Anliegen, etwas über die Situation und Entwicklungen zu sagen. Je länger ich darüber nachdachte, desto fester wurde diese Absicht.

Welche neuen Erkenntnisse präsentieren Sie in Ihrem Buch?
Für mich sind es keine neuen Erkenntnisse. Aber für die Leser sind es sicher neue Aspekte – insbesondere was den Expansionskurs der Fifa betrifft: immer mehr von allem bis zum Überfluss.

Glauben Sie, dass Sie und Ihre Rolle in den Medien falsch dargestellt werden?
Jene Leute, die mich persönlich kennen – auch die von den Medien – stellen mich nicht falsch dar. Mit Kritik muss man in einer Position, wie ich sie ausüben konnte, rechnen.

Sie waren jahrelang an der Spitze der Fifa, 2015 mussten Sie sehr schnell den Platz räumen. Wer war schlussendlich für Ihren Sturz verantwortlich?
Angefangen hat es mit der Ethikkommission, die mich wegen einer vertraglich fixierten Zahlung an Michel Platini suspendierte. Und dann – das war ausschlaggebend –, dass die Bundesanwaltschaft ein Verfahren im Strafrecht eröffnete. Dass dieses letztlich zu einem Freispruch führte, half mir nicht mehr und zeigt die Absurdität der Geschehnisse.

Was haben Sie zu jenem Zeitpunkt falsch gemacht?
Als ich die Fifa verlassen musste, habe ich meinem Nachfolger ein kerngesundes und gut funktionierendes Unternehmen mit einem Vermögen von 11,4 Milliarden US-Dollar übergeben – Cash, Reserven, Verträge. Sie können selber beurteilen, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Wie war Ihr Leben in den vergangenen neun Jahren?
Nach 42 Jahren in der Fifa fehlt mir natürlich mein Job. Aber ich bin noch immer ein gefragter Mann – als Referent, Interviewpartner und Berater. Mein Leben ist nach wie vor sehr erfüllt.

Sie schreiben auch, dass sich frühere Bekannte von Ihnen abgewandt hätten. Wie gehen Sie damit um?
Das nehme ich gelassen hin. Auch für den Freundeskreis gilt: Qualität ist wichtiger als Quantität.

Hatten Sie zwischenzeitlich einmal Kontakt mit Ihrem Nachfolger Gianni Infantino?
Seit 2015 nicht mehr. Im Mai 2016 liess er mir mitteilen, dass er nur noch via Anwälte mit mir sprechen will.

Wie war Ihr Verhältnis zu Franz Beckenbauer oder aktuell zu Michel Platini?
Zu Franz pflegte ich ein absolut freundschaftliches Verhältnis und sprach noch kurz vor seinem Tod mit ihm. Mit Platini bin ich im losen Kontakt – schliesslich sitzen wir im gleichen Boot.

Wie wollen Sie einmal in die Geschichte eingehen?
Ich bin kein Historiker. Aber ich sehe mich als Mann des Fussballs, des populärsten Spiels der Welt.

Wie geht es Ihnen heute?
Ausgezeichnet. Ich habe soeben mein Buch nochmals gelesen. Das macht Freude.



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