Das von Anhängern der Pegida-Demonstrationen verwendete Schmähwort "Lügenpresse" ist zum Unwort des Jahres 2014 gewählt worden. Der Ausdruck diffamiere Medien "pauschal", verhindere so "fundierte Medienkritik" und trage damit zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit bei, teilte die Jury der Aktion am Dienstag in Darmstadt mit.
Wie sehr die Pressefreiheit bedroht sei, sei "gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden", erklärte die Jury mit Blick auf den Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris.
Nach Angaben der Experten war der Begriff "Lügenpresse" schon im Ersten Weltkrieg ein "zentraler Kampfbegriff" und wurde dann später unter den Nationalsozialisten zur Diffamierung unabhängiger Medien genutzt.
Dass vielen der heutigen Pegida-Teilnehmer diese historische Bezüge vermutlich gar nicht bewusst seien, mache ihn zu einem "besonders perfiden Mittel" der Drahtzieher, die das Wort bei ihren Protesten dagegen ganz gezielt einsetzten.
Auch "Russland-Versteher" gekürt
Neben dem Unwort des Jahres rügte die Jury weitere Begriffe, die ihrer Meinung nach trotz unangemessener oder inhumaner Bedeutung oft bedenkenlos benutzt werden.
Scharf kritisierte sie dabei den Ausdruck "erweiterte Verhörmethoden", der in einem Untersuchungsbericht über die Folterpraxis des US-Geheimdiensts CIA verwendet wurde. Er sei von vielen deutschen Medien übernommen worden, obwohl er den Sachverhalt der Folter "dramatisch verharmlose". Damit werde die "Sprache der Täter" übernommen und akzeptiert.
Auch der Begriff "Russland-Versteher" als verächtliche Bezeichnung für Personen, die in der aussenpolitischen Debatte als zu nachsichtig mit dem Land gebrandmarkt werden sollen, kürte die Jury zum Unwort. Er polemisiere und ziele darauf ab, eine inhaltliche Auseinandersetzung "zu ersetzen".
Die Grundlage von Aussenpolitik müsse das Bemühen um Verständnis anderer Gesellschaften sein. Eine fremde Perspektive verstehen zu wollen, sei dabei nicht gleichbedeutend damit, sämtliche Handlungen zu billigen. Bei "Russland-Versteher" werde in der aktuellen aussenpolitischen Debatte das positive Wort "verstehen" hingegen diffamierend verwendet.
Blick für die Sprache schärfen
Die Jury der Sprachkritischen Aktion bestand aus vier Sprachwissenschaftlern verschiedener Universitäten und zwei Journalisten. Sie wählten aus 733 Vorschlägen aus, die ihnen zugeschickt wurden.
Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. Das Gremium will damit den Blick für die in Deutschland verwendete Sprache sensibilisieren und Formulierungen ächten, die die Menschenwürde verletzen oder kritikwürdige Trends verschleiern und verharmlosen.
In den vergangenen Jahren zeichnete die unabhängige Organisation unter anderem auch die Begriffe "Opfer-Abo", "alternativlos" und "Dönermorde" mit dem viel beachteten Negativpreis aus. Im vergangenen Jahr war der Begriff "Sozialtourismus" das Unwort des Jahres.
Auch andere Experten hatten das bei Pegida-Aufmärschen verwendete Vokabular als geschichtlich belastet und ideologisch bedenklich kritisiert. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wies darauf hin, dass Begriffe wie "Lügenpresse" oder "Volksverräter" in der Vergangenheit von Nationalsozialisten und Reaktionären verwendet wurden und eine antidemokratische Stossrichtung haben. (sda)
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