Selten hat ein Regisseur auf dem Theaterfestival von Avignon so viel Applaus ernten können wie Wajdi Mouawad. Die Uraufführung seines Stücks "Les ciels" war ein Theaterereignis, das vom Publikum am Samstagabend mit nicht enden wollenden Ovationen gefeiert wurde.
Das knapp zweieinhalbstündige Werk handelt von Terrorismus, Gewalt und Blutvergiessen. Aufwühlende Themen, die alle Stücke des in Libanon geborenen und in Frankreich aufgewachsenen Regisseurs, Autors und Schriftstellers bestimmen. Diesmal lässt er das Publikum selbst zum Akteur eines Stückes werden. Erst nehmen die Zuschauer verwirrt auf Drehhockern in einem abgeschlossenen Raum Platz, eng gepfercht wie in Schiffscontainern. Keine Bühne, nur weisse Wände. Plötzlich öffnet sich eine der vier Türen: "Und hier der Garten, ein Skulpturengarten, damit wir ab und zu mit jemandem reden können", sagt einer der Schauspieler und zeigt auf das Publikum. Dann schliesst er die Tür wieder.
Das Publikum ist eingesperrt, so wie die Schauspieler, denn das Stück handelt von vier Männern und einer Frau, die seit acht Monaten in geheimer Mission abgeschottet von der Aussenwelt Telefongespräche abhören, um ein Attentat zu vereiteln. Jede der vier Wände versteckt eine Bühne, auf der abwechselnd gespielt wird, was die Zuschauer zwingt, sich auf ihren Hockern mitzudrehen. Auch hier hat Mouawad wieder seine ungewöhnlichen und innovative Theaterkunst erfolgreich umgesetzt: Die geschickte Verzweigung von individuellem Schicksal und kollektivem Verhängnis. Denn während die hoch spezialisierten Forscher und Techniker arabische, polnische, englische und französische Botschaften entschlüsseln, werden unter der erdrückenden Isolation Ängste frei und persönliche Dramen enthüllt.
In Mouawads neuem Text finden sich wie in allen seinen Stücken Verweise auf seine Heimat und seine Biographie. Der Regisseur wurde 1968 geboren, sieben Jahre bevor der Bürgerkrieg in Libanon begann, der mehr als 150'000 Tote forderte.
"Theater muss uns bewegen, ohne uns zu sagen, was wir denken müssen", formuliert der Regisseur, der dieses Jahr in Avignon für ein einzigartiges Theatererlebnis gesorgt hat, sein Credo: "Ich will nicht nur Verzweiflung auslösen, sondern auch Hoffnung geben." (sda)

