Locarno als Dorfplatz, von dem Wege in alle Weltrichtungen abzweigen: So skizziert der künstlerische Leiter Charlo Chatrian das Programm des diesjährigen Festival del film (6.-16. August). Dem Schweizer Filmschaffen wird viel Platz eingeräumt.
Die Piazza Grande wird ein multikultureller Dorfplatz sein: Chatrian bleibt auch in seinem zweiten Jahr seiner Handschrift treu und präsentierte den Medien am Mittwoch ein äusserst vielfältiges Programm, sowohl in geografischer als auch in künstlerischer Hinsicht.
Die Vielfalt hatte der 42-jährige Italiener schon bei seinem Amtsantritt im letzten Jahr zu seinem Motto auserkoren. "Das Festival braucht Kontinuität, keine Revolution", hielt Chatrian am Mittwoch fest. Kontroverse Titel wie im letzten Jahr etwa "Feuchtgebiete" oder "L'expérience Blocher" fehlen im Programm.
13 Weltpremieren im Wettbewerb
Die 17 Filme des Internationalen Wettbewerbs - 13 davon sind Weltpremieren - nähmen die Zuschauer mit auf Weltreise, sagte der Chatrian. Die Werke stammen aus Brasilien, Chile, Südkorea, den USA, den Philippinen, China und Europa.
Zwei Schweizer Filme dürfen sich Hoffnungen machen, den begehrten Goldenen Leoparden zu gewinnen: Andrea ?taka hat sich zum zweiten Mal nach 2006 entschieden, ihr neues Werk in Locarno uraufzuführen. Damals erhielt die Luzernerin für "Das Fräulein" den Pardo d'Oro.
"Cure - The Life of Another" sei vielleicht noch gewagter als "Das Fräulein", sagt Chatrian. Der Film spielt im Dubrovnik von 1993. Um die Auszeichnung kämpft auch der Lausanner Fernand Melgar mit seinem Dokumentarfilm "L'abri". Das Werk zeigt Szenen in einer Notschlafstelle in Lausanne. Die Jury des Concorso Internazionale wird vom italienischen Regisseur Gianfranco Rosi präsidiert.
"Sils Maria" auf der Piazza Grande
Auffällig ist, dass viele der programmierten Filme sich um politische oder persönliche Krisen drehen. Konzept sei das nicht gewesen, erläuterte Chatrian am Rande der Medienkonferenz, "eher repräsentativ für die Situation des Menschen im 21. Jahrhundert". "Kino widerspiegelt für mich immer die Welt."
Das Festival del film zeigt etwa Werke aus Syrien, Griechenland oder Nahost sowie neben "L'abri" mehrere Streifen, die sich der Realität von Asylsuchenden angenommen haben.
Eine mit grossem Interesse erwartete Schweizer Premiere konnte das Festival del film auf die Piazza Grande holen: Olivier Assayas zeigt sein Drama "Sils Maria" mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen.
Godard und Dindo ausser Konkurrenz
Neben der deutsch-französisch-schweizerischen Produktion laufen drei weitere Schweizer Filme als Weltpremieren im Piazza-Programm: "Schweizer Helden" von Peter Luisi, "Love Island" von Jasmila Zbanic und das Debüt "Pause" von Mathieu Urfer. Ganz explizit widmet sich die Sektion Panorama Suisse dem Schweizer Filmschaffen. Erstmals verantworten die Solothurner Filmtage die Auswahl.
Spannung versprechen auch die Filme, die ausser Konkurrenz laufen. Jean-Luc Godard zeigt seinen in Cannes uraufgeführten Film "Adieu au langage", Richard Dindo seine Neuverfilmung von "Homo Faber".
Der Glamour-Faktor
Locarno ist nicht Cannes, dennoch ist auch für den Schweizer Anlass der Glamour-Faktor nicht ganz unwichtig. Juliette Binoche, Armin Mueller-Stahl und Mia Farrow beehren das Festival mit ihrer Anwesenheit und erhalten je einen Preis überreicht.
Auch Schauspielerin Melanie Griffith und Regisseur Luc Besson, dessen Science-Fiction-Thriller "Lucy" den zehntägigen Filmreigen eröffnet, haben ihren Besuch angekündigt. Den Ehrenleoparden nimmt die französische Regisseurin Agnès Varda persönlich entgegen.
Erstmals nummerierte Plätze
Präsident Marco Solari kündigte zudem eine Neuheit an: Erstmals in der Geschichte des 67-jährigen Festivals können Zuschauerinnen und Zuschauer nummerierte Plätze kaufen. Gegen 300 der etwa 8000 Plätze auf der Piazza Grande kann das Publikum im Vorfeld reservieren.
Im letzten Jahr zählte das Festival del film über 160'000 Zuschauer. Das Budget der diesjährigen Ausgabe beträgt 12,52 Millionen Franken - ein Betrag, den Solari steigern will. Schon im letzten Jahr kündigte er an, das Budget mittelfristig auf 15 Millionen erhöhen zu wollen. (Annina Hasler/sda)
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