Herr Schencke, herzliche Gratulation für die beiden Goldwürfel und den Grand-Prix für Ihre Migros-Kampagne. Das fühlt sich fast schon an wie Fussball- und Eishockeyweltmeister?
Merci vielmals! Aber ich muss auch sagen: Das ist nicht nur meine Kampagne, sondern unsere Kampagne. Da sind enorm viele Leute involviert, von Thjnk sowie von unseren Partnern, die das alles möglich gemacht haben. Aber zurück zum Thema Weltmeisterschaft: Natürlich ist es schön, wenn man von den besten Kreativen der Schweiz so viel Anerkennung bekommt. In unserer Branche ist ein Grand Prix beim ADC ein grosses Ding und entsprechend schwer zu gewinnen.
Hätten Sie erwartet, dass die Ortsschilder-Kampagne der Migros so einschlägt?
Paradoxerweise war es gerade das schwierige Briefing, das uns auf eine sehr einfache Idee gebracht hat. Die Schweiz hat so viele wunderbar absurde Ortsnamen und die Migros hat so viele Produkte, da ergibt sich die Kombination fast von selbst, und das macht echt Spass. Dann wussten wir, dass die Idee auch viel Mileage hat.
Gibt es jeweils Vorschläge von aussen für neue Ortsschilder?
Ja, enorm viele. Graubünden Tourismus hat angefangen, und dann hat gefühlt die ganze Schweiz mitgemacht. Manche Vorschläge waren sehr treffsicher, andere weniger. Aber das Faszinierende ist, wie viele Vorschläge über die Zeit eingegangen sind.
Wie viele Ortschaften wurden bis jetzt verwendet?
Mit allen vier Landessprachen sind es insgesamt rund 50 Motive. Im Film kommen noch einige weitere hinzu. Besonders stolz sind wir darauf, dass alle Schilder an den echten Orten fotografiert wurden.
Ist es irgendwann beschränkt oder haben Sie noch Namen in petto?
Die Herausforderung war immer, ein perfekt passendes Produkt zu finden, und unsere Texter haben weit über hundert Vorschläge erarbeitet. Wir haben also noch einiges in unserer Orts-Schublade.
Ihre Agentur Thjnk feiert diese Woche ihr 10-jähriges Jubiläum. Sie waren vorher schon für Publicis, 180 Grados und Leo Burnett in Santiago de Chile, Jung von Matt/9 in Hamburg, Spillmann Felser Leo Burnett und Jung von Matt/Limmat tätig. Welche Agentur hat Sie in Ihrem Berufsleben am meisten geprägt?
Ich habe von jeder Agentur das Beste mitgenommen. Überall habe ich grossartige Menschen kennengelernt, inklusive meiner Frau Stefanie bei JvM/9 und viele weitere tolle Kreative, mit denen ich bis heute in engem Kontakt bin. Aber natürlich schlägt mein Herz gerade für thjnk, und es ist wunderbar zu sehen, wie wir von Beginn weg mit vier Mitarbeitenden auf heute 48 leidenschaftliche Werbung-Lovers gewachsen sind.
Wie haben Sie den diesjährigen Jubiläums-ADC-Anlass erlebt?
Es war schön, wieder die besten Kampagnen der Schweizer Werbegeschichte zu sehen und sogar die Möglichkeit zu haben, bei 20 Minuten für die Favoriten abzustimmen. Die Mobiliar hat den Publikumspreis mehr als verdient. Das ist eine Kampagne mit enormer Strahlkraft, die alle lieben.
Und wie beurteilen Sie den Zustand der Schweizer Werbung?
Dazu könnte ich stundenlang reden, aber zusammengefasst: Ich glaube, wir befinden uns gerade in einer Phase der Neuorientierung. Die KI-Lawine ist so schnell über uns hereingebrochen, dass wir jetzt langsam wieder herausfinden müssen, wo wir stehen und wie wir sie einsetzen. Künstliche Intelligenz soll als Werkzeug dienen, nicht als Ersatz für Denken. Geschmack, guter Humor und starke Strategie in der Werbung werden weiterhin entscheidend sein und das bleibt unsere Aufgabe. Ich setze auch grosse Hoffnung in die neue Generation, die ausserordentlich talentiert ist und eine echte Leidenschaft für starke Ideen mitbringt.
Zuletzt: Wo kommen alle diese Würfel – die beiden kleineren und der Grosse für den Grand-Prix – hin?
Wir haben in der Agentur – ganz klassisch und fast retro – ein Trophäenregal. Da stehen Auszeichnungen, die uns wirklich etwas bedeuten. Aber es gibt dort immer einen speziell reservierten Platz für den ADC Grand-Prix-Wanderpokal, den wir jetzt wieder für ein Jahr behalten dürfen. Wir freuen uns riesig auf den grossen, extrem schweren Würfel.


