01.07.2024

Jung von Matt

«Im Bereich Craft sehe ich viel Potenzial»

Jung von Matt will Zürich zu einer Kreativmetropole wie London oder Berlin machen. Dafür holt CEO Roman Hirsbrunner Christian Kies als Chief Creative Officer für die ganze Agenturgruppe an Bord. Im Interview sagen die beiden unter anderem, wie sie dieses Ziel erreichen wollen.
Jung von Matt: «Im Bereich Craft sehe ich viel Potenzial»
Der CEO und der neue CCO von Jung von Matt: Roman Hirsbrunner und Christian Kies. (Bild: Antonio Pedro)

Roman Hirsbrunner, kein ADC-Gold – dafür aber immerhin drei Shortlist-Platzierungen bei den Cannes Lions. Wie zufrieden sind Sie mit dem kreativen Output Ihrer Agentur der letzten Monate?
Roman Hirsbrunner: Mit dem kreativen Output bin ich zufrieden, ein paar Würfel oder Löwen mehr hätte ich mir natürlich gewünscht. Aber Award-Ausbeute und Output-Qualität korrelieren nicht zwingend – das wissen wir aus vergangenen, sehr erfolgreichen Award-Jahren.

Nun holen Sie mit Christian Kies einen neuen Kreativchef ins Haus. Was erhoffen Sie sich von ihm?
Hirsbrunner: Jung von Matt hat sich in den letzten zehn Jahren stark entwickelt. Aus einer kreativen Kampagnenagentur ist ein Verbund von einzelnen spezialisierten Einheiten geworden. Wir decken heute neben der Werbung auch Bereiche wie Branding, Digital, Online-Marketing oder gar Business Building ab. Was uns alle zusammenhält, ist die Überzeugung, dass Kreativität den Unterschied macht. Die Leitung und Entwicklung dieses Kreativ-Ökosystems sollen vermehrt durch die kreative Brille geschehen. Und diese zieht sich Christian jetzt an.

Welche konkreten Zielvorgaben hat er bei seiner Anstellung erhalten?
Hirsbrunner: Die Schweiz kreativ wach küssen. Ich habe ihm gesagt: Lass uns darauf hinarbeiten, dass Zürich in den kommenden Jahren zu einer Kreativmetropole wie Amsterdam, London oder Berlin wird. Und Top-Talente sich überlegen, zu uns an die Limmat zu kommen.

«Meine Ziele sind langfristiger angelegt»

Christian Kies, Sie übernehmen den neuen Posten im September und setzen die Messlatte hoch. Sie wollen «die Schweizer Kreativbranche auf ein neues Level heben». Mit welcher Strategie, mit welchen Massnahmen wollen Sie das schaffen?
Christian Kies: Sicherlich wäre es jetzt ein Leichtes, sich für kurzfristigen Erfolg nur auf Awards zu konzentrieren und in ein bis zwei Jahren die Rankings zu bestimmen. Meine Ziele sind aber langfristiger angelegt: sichtbare Markentransformationen, mit progressiven Kampagnen Schweizer Marken internationalisieren und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit unserem Daily Business eine globale, kreative Strahlkraft verleihen, die den Schweizer Werbemarkt auch für internationale Marken und Talente interessant macht. Vor allem im Bereich Craft sehe ich noch viel Potenzial, das ich gern wecken würde. Die Basis dafür sehe ich in neuen Produktionswegen und -ansätzen sowie in der Verknüpfung der internationalen Kreativ-, Kunst- und Produktionsszene mit dem Schweizer Werbemarkt.

Erfolge an Award Shows sind also nicht Ihr Hauptfokus. Wann sind für Sie die oben erwähnten Ziele erreicht?
Kies: Cannes-Löwen oder ADC-Würfel sollten nie das Ziel sein, sondern die positive Randerscheinung von erfolgreichen Kampagnen. Für mich ist es viel spannender, Kampagnen zu entwickeln, die Popkultur werden. Kampagnen, über die die Welt spricht. Kampagnen, die in der Branche sowie in marken- und zielgruppenrelevanten Blogs gefeiert werden. Kampagnen, die grosse organische Reichweite generieren und somit Marke, Agentur und die beteiligten Personen gleichermassen pushen. Wenn man in der Kreativszene Zürich in einem Atemzug mit London, New York, Berlin, Paris, Amsterdam nennt – dann ist mein Ziel erreicht.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits mehrere Löwen oder Pencils gewonnen. Ist es das, was die Kunden am Schluss überzeugt mit einer Agentur zusammenzuarbeiten?
Kies: Nein. Im Grossen und Ganzen sollten vor allem die Arbeit, die Agenturwerte und die Menschen, die in den entsprechenden Agenturen arbeiten, die Kundinnen und Kunden überzeugen. Eine vielfach ausgezeichnete Goldidee oder ein vorderer Platz im Ranking basierend auf Fake-Cases sind am Ende nur bedingt aussagekräftig, ob die Agentur auch ein komplexes Kundenbriefing auf internationalem Top-Niveau lösen kann.

Roman Hirsbrunner: Sie sagten es zuvor – Ihr neuer Kreativchef soll «die Schweiz kreativ wach küssen». Schläft die hiesige Kreativbranche zurzeit?
Hirsbrunner: Schlafen tut niemand, aber sicher schlummert noch mehr Potenzial. In vielen Branchen wird die Schweiz mit Werten wie Zuverlässigkeit, Qualität oder Hochwertigkeit verbunden. Das haben wir als Kreativbranche noch nicht geschafft. Müsste ein internationaler Premiumbrand nicht eigentlich die besten Ideen in der Schweiz suchen?

«Gute Ideen brauchen ein Klima des Vertrauens und vor allem den Raum, wo sie mit Spass und ohne Druck entstehen können»

Mit der Ernennung von Christian Kies bauen Sie die Kreativspitze um. Im Herbst 2020 präsentierten Sie eine Dreierspitze mit Annette Häcki, Luitgard Hagl und Carsten Jamrow. Warum setzen Sie nun wieder auf eine Führungsperson?
Hirsbrunner: Ehrlich gesagt: wegen mir persönlich. Ein Unternehmen in der Kreativbranche gemeinsam mit einem oder einer Kreativen zu führen, macht auf Dauer mehr Sinn als alleine – und sicher mehr Spass.

Bei der Ernennung des damaligen Excellence Boards hiess es: «Gute Ideen brauchen keinen Chef, dafür umso mehr ein Klima des Vertrauens.» Was ist Ihre Haltung zu diesem Satz, Christian Kies?
Kies: Gute Ideen brauchen jemanden, der oder die dafür kämpft. Gute Ideen brauchen jemanden, der im Eifer des Gefechts die Ruhe bewahrt, eine Vision hat und vor allem die Verantwortung übernimmt, wenn die Dinge doch mal nicht so laufen wie geplant. Und ja, gute Ideen brauchen ein Klima des Vertrauens und vor allem den Raum, wo sie mit Spass und ohne Druck entstehen können. Und in meiner Verantwortung steht es, beides zu schaffen.

Sie arbeiten zurzeit als Executive Creative Director für Mercedes-Benz bei Antoni in Berlin. Warum haben Sie sich für einen Wechsel zu Jung von Matt Schweiz entschieden?
Kies: Ich habe jetzt fast neun Jahre für Antoni und Mercedes-Benz gearbeitet – für einen Kreativen ist das verdammt lang. Es war eine wunderbare Zeit, toller Kunde, tolle Briefings, tolle Menschen – wenn es am schönsten ist, sollte man gehen. Ich hatte immer das Ziel, irgendwann im Ausland zu arbeiten. Als sich bei Jung von Matt Schweiz die Möglichkeit bot, die kreative unternehmerische Gesamtverantwortung zu übernehmen, musste ich nicht lange überlegen, um diesen nächsten logischen Schritt zu gehen und wieder grünes Blut durch meine Adern fliessen zu lassen.

Wie viele Personen werden Sie als gruppenweiter Kreativchef unter sich haben?
Kies: 150 Menschen. Oder genauer: Alle Menschen, die hier in Zürich bei Jung von Matt arbeiten. Zwar arbeiten nicht alle im kreativen Kernbusiness, aber trotzdem tragen alle eine Mitverantwortung für das kreative Produkt.

Das Team in Zürich wurde am Montag informiert. Wann werden die Leute Sie erstmals persönlich kennenlernen?
Kies: Einige Leute durfte ich ja schon kennenlernen. Ab dem 1. August bin ich in Zürich, pünktlich zum Feiern. Da werde ich bestimmt dem einen oder der anderen über den Weg laufen. Für alle, die mich dann noch nicht gesehen haben, bin ich ab dem 1. September jeden Tag erlebbar.

Bald ziehen Sie von Berlin in die Schweiz. Auf was freuen Sie sich in Zürich am meisten?
Kies: Auf so vieles. Einfach gesagt, freue ich mich auf alle neuen Einflüsse und deren Effekt auf meine kreative Denkweise. Vor allem hoffe ich, dass ich mein Fahrrad nicht mehr ganz so sicher anschliessen muss.


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