Vor gut einem Jahr gründeten Sie die Wörterseh Second Opinion. Ab 13. Mai ziehen Sie mit einer One-Man-Show durchs Land. Läuft die Agentur so schlecht?
Unsere Agentur ist so klein, dass sie gar nicht schlecht laufen kann. Wir sind winzig -- eigentlich sind wir nur das Zitat einer Agentur...
...und die paar wenigen Budgets können Sie auch während den Pausen Ihrer Show betreuen...
Ich halte einfach nicht viel vom aufgeplusterten Agenturklamauk, von Alibisitzungen mit pomadisierten Prada-Beratern und deren Prada-Berater-Assistenten. Wenn ich Theater machen will, dann stelle ich mich auf eine Bühne. Wir haben zu unseren Kunden ein freundschaftliches Verhältnis. Wir würden nie für Kunden arbeiten, die wir nicht auch privat mögen.
Dennoch: Sie planen 50 Auftritte, das braucht doch ziemlich viel Zeit.
Das stimmt. Aber weil wir das Management und die Produktion des Programms samt Bewerbung und PR als ganz normalen Job betrachten, heisst das doch bloss, dass wir einen sympathischen Kunden -- nämlich mich -- mehr haben. Das Geheimnis liegt ganz einfach darin, dass in unserer Firma ausschliesslich Menschen mit Feu Sacré arbeiten. Ich setze mich dann jeweils in die wichtigen Sitzungen und versuche, auch einen Beitrag zu leisten. Ob ich aber abends Tennis spiele oder zu einer Show nach Luzern fahre, spielt doch keine Rolle. Am meisten Zeit brauchte ich sowieso für die Entwicklung des Programms. Daran habe ich seit Januar hauptsächlich gearbeitet.
Welche Budgets betreut Wörterseh ausser Sinalco und dem Grand Casino Baden?
Wir haben Ramseier Süssmost, Elmer Mineral und Elmer Citro. Neu haben wir einen grossen Factory Outlet gewonnen, den ich noch nicht nennen kann. Der gewichtigste Neu-Etat ist aber eigentlich wie gesagt mein Programm. Plakate drucken, Aushang organisieren und so weiter -- das alles gibt viel zu tun, und wir geben Vollgas: Zwei Mitarbeiterinnen sind hauptsächlich mit diesem Job beschäftigt.
Ist das Ihr Ausstieg aus der Werbung?
Ich akquiriere nicht, dieses Theater will ich nicht mehr. Überhaupt kann man es mit der Werbung auch übertreiben. Da wird so viel Scharlatanerie betrieben. Früher habe ich auch seitenlange Strategie-Papiere geschrieben, genützt hat das aber nichts lediglich zur Beruhigung der Kunden. Wer ein Produkt mag, der kauft es. Da reicht es, wenn man sich zusammensetzt und ohne künstlichen Stress einfach mal zwei, drei Gedanken macht. Für eine gute Idee braucht es keine hunderseitigen Booklets, in denen auf jeder Seite nur ein Satz steht. Für eine gute Idee braucht es in erster Linie einen guten Kunden. Einen der die selbe Sprache spricht -- und nicht bloss die gleiche. Mein Gott, was haben wir früher Strategiepapiere auf Ideen geschrieben, bloss um dem Kunden das Gefühl zu geben, wie seien das horrende Honorar wert.
Was hat das mit der angekündigten "Second Opinion" zu tun? Machen Sie nicht einfach weiterhin klassische Werbung?
Nein. Wörterseh Werbung betreut die Budgets, die wir bereits haben. Das war auch die Bedingung unserer bestehenden Kunden für die Gründung der "Second Opinion". Jetzt schauen wir auf die Arbeiten anderer Agenturen, manchmal mit und manchmal ohne deren Wissen. -- Die Firma habe ich ja sowieso nur ins Leben gerufen, weil ich weniger arbeiten wollte. Überhaupt ist die Werbung ja nix anderes als ein Auffangbecken für gescheiterte Existenzen: Die, welche früher in der Schule den Schreibtisch mit dem Zirkel zerkratzten, werden dann beispielsweise Grafiker.
Sie haben auch schon Kühe als Werbeträger vorgeschlagen. Nun ist bald Alpaufzug. Wie viele Buchungen sind bisher eingegangen?
Ich habe so unglaublich viele Anfragen bekommen, dass es mir unheimlich wurde. Sogar der Stern wollte eine Reportage machen. Ich war dann aber zu feige und habe gestanden, dass das Ganze nur ein Witz war. Eigentlich schade...
Die Schweizer Werbebranche ist am Jammern. Sie haben mit Ihrem Comedy-Programm die Diversifikation gefunden. Welche Möglichkeiten sehen Sie für Ihre KollegInnen?
Das grösste Problem der Werbung sind doch eigentlich die Rechtfertigung der wahnsinnigen Honorarforderungen. -- Im Ernst: Die Frage ist ganz schwierig zu beantworten. Das kommt auf die Agentur an: Wirz oder Publicis zum Beispiel, sind in ihrem Segment Spitze, und offensichtlich funktioniert deren Konzept. Für gewisse Aufgaben eignet sich W,H,S, besonders gut und für andere Ruf und Lanz. Früher wollte ich auch eine grosse Agentur, heute möchte ich möglichst klein sein. Ich will mich doch nicht Tag für Tag mit geigelten Klugscheissern abärgern, die weder mein Tempo noch meinen sonderbaren Humor verstehen. Was ich brauche ist ein flinkes Careteam. Und das muss aus fröhlichen Menschen bestehen, die gut aussehen und sich noch für ein, zwei andere Dinge im Leben interessieren, als für Werbung. Wer bei uns am Wörterseh mitmachen will, der muss absolut seetüchtig sein. Das begeistert die Kunden, ergibt eine gute Ausnützung und macht gleichzeitig auch viel Spass.

