Frau Faulhaber, Sie betreiben eine Agentur für Luxushotels. Wie sieht deren wirtschaftliche Lage aus?
Wir sehen bei unseren Partnerhotels aktuell stabile Preise und eine konstante Nachfrage aus dem In- und Ausland.
Für wen arbeiten Sie momentan?
Wir arbeiten innerhalb der gehobenen Lifestyle-Hotellerie und mit ausgewählten Destinationen in der DACH-Region. Dazu zählen das The Chedi Andermatt, das Cervo Mountain Resort in Zermatt, das Grand Bellevue in Gstaad, Lustica Bay Montenegro, das Hotel Bareiss im Schwarzwald sowie neu die Lanserhof Gruppe. Zudem vertreten wir internationale Ultraluxus-Gesellschaften wie das Mandarin Oriental Savoy in Zürich. Es sind Häuser und Regionen mit einer starken Identität, die kontinuierlich in ihr Angebot, ihre Architektur und vor allem in ihre Servicekultur investieren. Diese konsequente Weiterentwicklung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
«Luxus definiert sich heute nicht mehr allein über Marmor, Sterne oder Kronleuchter»
Welche Ansprüche muss ein Hotel heute erfüllen, damit es zur Luxusklasse gehört?
Luxus definiert sich heute nicht mehr allein über Marmor, Sterne oder Kronleuchter. Ich spreche deshalb oft lieber von Lifestyle und Haltung als von Luxus. Wir sehen zunehmend Unterkünfte, die gar keine offizielle Klassifizierung anstreben und dennoch in der Liga der besten Hotels mitspielen. Ausstattung und Lage bleiben wichtig. Entscheidend sind jedoch Identität, Authentizität und die Fähigkeit, echte Erlebnisse zu schaffen. Gäste wollen sich selbst verwirklichen. Sie möchten Teil einer Geschichte werden und Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Luxus ist heute das Gefühl, als Gast wahrgenommen, verstanden und umsorgt zu werden.
Haben sich die Bedürfnisse in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, deutlich. Der Gast ist kritischer, informierter und sucht mehr als Komfort. Er vergleicht intensiver, recherchiert genauer und erwartet mehr als nur ein schönes Zimmer, ein gutes Restaurant oder einen grosszügigen Spa-Bereich. Hotels sind heute weit mehr als Orte mit ansprechendem Interior; sie sind Plattformen für Begegnung, Inspiration und Identität geworden. Einigen Betrieben gelingt es sogar, ein echtes Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Es entstehen Communities statt blosser Gästebeziehungen. Wir unterstützen die Hotels mit Ideen und arbeiten eng mit den Marketing-Teams zusammen. Dabei entstehen spannende Kooperationen mit anderen Marken oder Künstlern. Aktuell sehen wir auch eine wachsende Nachfrage nach Festivals im Bereich «Mindfulness». Entscheidend ist jedoch, dass all dies von innen heraus gelebt wird. Sobald es inszeniert oder aufgesetzt wirkt, verliert es an Glaubwürdigkeit. Authentizität ist die neue Währung, sie entscheidet darüber, ob ein Hotel berührt oder nur beeindruckt.
Welches sind für Sie als Spezialistin die führenden Locations in der Schweiz?
Führend sind jene Orte, die eine klare Positionierung haben und ein stimmiges Gesamterlebnis einer Destination schaffen. Ich denke dabei nicht nur an Hotels, sondern an Lebensräume. Für mich sind jene Orte führend, die ein rundes Konzept mit einer klaren Identität haben und offen sind für Weiterentwicklung.
Was zeichnet Schweizer Hotels und Destinationen im Vergleich zum Ausland aus?
In der Schweizer Ferienhotellerie gibt es vergleichsweise wenige grosse Ketten. Viele Häuser sind privat geführt und individuell geprägt. Das erfordert vielleicht etwas mehr Recherche bei der Planung, eröffnet aber die Möglichkeit, die Schweiz in all ihren Facetten kennenzulernen – mit sehr unterschiedlichen Handschriften, Gastgeberpersönlichkeiten und Konzepten. Aktuell sehen wir zudem Investitionen und spannende Neueröffnungen. Projekte wie das exklusive Refugium Cabane Tortin in Verbier zeigen, wie «WOW» die Schweiz ist. Wenn man dort oben auf rund 3000 Metern steht, fühlt man sich wie in einem James-Bond-Film mit spektakulärer Hochgebirgskulisse.
Welches Hotel hat Sie im vergangenen Jahr am meisten überrascht?
Zwei Projekte kommen mir spontan in den Sinn – beide auf ganz unterschiedliche Weise beeindruckend. Zum einen The Chedi Andermatt und die gesamte Entwicklung von Andermatt Swiss Alps. Aus einer ehemaligen Militärregion ist innerhalb weniger Jahre eine internationale Destination entstanden. Eine solche Entwicklung «aus dem Nichts» aufzubauen, mit langfristiger Vision, architektonischem Anspruch und internationaler Positionierung, ist aussergewöhnlich. Zum anderen das Appenzeller Huus in Gonten im Appenzellerland. Begonnen hat alles klein mit dem Hotel Bären. Unternehmer Jan Schoch hat in den vergangenen Jahren rund 150 Millionen Franken investiert und damit nicht nur ein Hotel weiterentwickelt, sondern einem ganzen Dorf internationale touristische Aufmerksamkeit verschafft. Beide Beispiele zeigen, wie viel unternehmerischer Mut, langfristiges Denken und klare Vision in der Schweizer Hotellerie möglich sind.
«KI wird zunehmend in operativen Prozessen eingesetzt»
Beeinflusst KI die Luxushotels?
Ja, allerdings vor allem im Hintergrund. KI wird zunehmend in operativen Prozessen eingesetzt, um Abläufe zu optimieren und Mitarbeitende von administrativen Aufgaben zu entlasten. Dadurch entsteht mehr Zeit für das Wesentliche: den persönlichen Kontakt mit dem Gast. Ein spannendes Beispiel ist der Vitznauerhof am Vierwaldstättersee. Dort wurde unter der Initiative von Raphael Herzog ein eigenes KI-Tool entwickelt, das sowohl Gäste bei Fragen unterstützt als auch Mitarbeitende in internen Prozessen begleitet. Entscheidend ist: KI ersetzt im Luxussegment nicht den Menschen – sie stärkt ihn. Sie schafft Freiräume für echte Gastfreundschaft und individuelle Betreuung.
Welche Rolle spielen Zukunftsthemen wie Longevity?
Das Thema langfristige Gesundheit wird die Branche nachhaltig prägen – und weit darüber hinaus. Longevity ist kein reines Hospitality-Thema, sondern ein gesellschaftlicher Megatrend, der Medizin, Technologie, Ernährung, Arbeitswelt und Lifestyle branchenübergreifend beeinflusst. Gleichzeitig erleben wir derzeit eine gewisse Unübersichtlichkeit. Der Begriff Longevity wird sehr breit verwendet und teilweise inflationär eingesetzt. Für Konsumentinnen und Konsumenten wird es dadurch anspruchsvoller, unterschiedliche Konzepte einzuordnen. Gerade deshalb gewinnt Orientierung an Bedeutung. Einrichtungen wie die Lanserhof Gruppe verfolgen seit vielen Jahren einen medizinisch begleiteten Ansatz im Bereich Prävention und Regeneration. Sie stehen für eine strukturierte, ganzheitliche Herangehensweise – jenseits kurzfristiger Trends.
Wo verbringen Sie persönlich am liebsten Ihre Ferien?
Am liebsten in den Bergen oder am Meer. Beides sind für mich Orte zum Abschalten, idealerweise gemeinsam mit Freunden und meiner Familie. Die Natur gibt mir Energie und schafft Distanz zum Alltag. Und natürlich schauen wir uns dabei auch immer besondere Hotels und spannende Restaurantkonzepte an. Ganz loslassen kann ich beruflich wohl nie. Gute Ideen, Inspirationen und Geheimtipps gibt es dank meines Umfelds glücklicherweise immer genug (lacht).
Julia Faulhaber zählt zu den etablierten Unternehmerinnen, die mit ihren innovativen Ansätzen und Ideen seit Jahrzehnten den Schweizer Hospitality- und Lifestyle-Markt begleiten. 2011 gründete sie die Faulhaber Marketing GmbH und unterstützt seither Hotels, Resorts und Lifestyle-Marken weit über klassische Medienarbeit hinaus. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die nachhaltige Entwicklung von Unternehmen, deren Positionierung im Markt und eine konsistente Markenführung.
Dieses Interview mit Julia Faulhaber ist zuerst in der persönlich-Printausgabe vom März erschienen.

