Eine hochkarätige Referentenrunde diskutierte vergangene Woche am Europäischen Trendtag im GDI über die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz und der sozialen Medien auf den Alltag. Fazit: Durch die permanente Ablenkung verliere man den Blick auf das Wesentliche, das Ziel sei es, den Fokus zurückzugewinnen. So sei die Glaubwürdigkeit mittlerweile zu einer echten Herausforderung geworden. Dies bestätigte auch der Zürcher Werber David Schärer, der an einem hochkarätigen Podium teilnahm. Schärer war in den letzten Tagen wegen seiner erfolgreichen SRG-Kampagne und der verlorenen Zürcher Stadtpräsidentenwahl im Fokus. Schärer hatte den Wahlkampf für den unterlegenen FDP-Kandidaten Përparim Avdilli gemacht. Schärer betonte, dass Glaubwürdigkeit einer der wesentlichen Faktoren für eine erfolgreiche Kampagne sei.
Autorität der Professoren nicht mehr so stark
In seiner Keynote zeigte Gian-Luca Savino, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut, auf, dass sich die Glaubwürdigkeit massiv gewandelt habe. Ein Faktor sei Kompetenz. Obwohl Fachwissen, Erfahrung und Leistungsnachweise weiterhin relevant sind, haben sie an Bedeutung eingebüsst. So ist etwa die unangefochtene Autorität von Doktoren und Professoren längst nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren. Der zweite Faktor sei Integrität, die sich durch Ehrlichkeit, Transparenz und Konsistenz auszeichnet. Im digitalen Zeitalter ist Darstellung als sehr relevanter dritter Faktor dazugekommen. Darin sei künstliche Intelligenz besonders gut. Mit einem einzigen Prompt liefert sie gut strukturierte und schön dargestellte Ergebnisse auf Knopfdruck. «Und alle drücken gerade diesen ‹generate›-Knopf», so Savino. Das führe dazu, dass die Darstellung künftig an Stellenwert verliere und dafür Integrität einen Aufschwung erhalte. «Wie das jüngste Beispiel von Anthropic zeigt, ist das Einstehen für Werte besonders dann erfolgreich, wenn der Einsatz hoch ist.» Die Firma hat den Einsatz ihres KI-Systems «Claude» zur Massenüberwachung oder für autonome Waffensysteme abgelehnt, womit ein Auftrag über 200 Millionen US-Dollar mit der US-Regierung vom Tisch war.
Comeback der starken Marken
Klare und konsistente Signale von Marken schaffen für Konsumentinnen und Konsumenten Orientierung. Davon ist auch Dennis Herhausen, Professor für Digital Marketing & Analytics und Leiter des Marketingdepartments an der Vrije Universiteit Amsterdam, überzeugt. Unternehmen müssen nicht lauter werden, sondern wie ein Leuchtturm konsistent das immer gleiche Signal versenden. Das reduziere Komplexität, da man bei Kaufentscheidungen auf Produkte setzen könne. Dies schaffe Emotionen und auch eine Identität. Dies sei ein ökonomischer Wettbewerbsvorteil gegenüber der künstlichen Intelligenz, die sich weder für Emotionen noch Identität interessiere.
Wissenschaft im Dilemma
Zuviel Aufmerksamkeit könne auch für ein Thema schädlich sein. Dies ist die These von Mai Thi Nguyen-Kim, einer promovierten Chemikerin und prominenten Wissenschaftsjournalistin. Gerade die Coronazeit habe bewiesen, dass oftmals der Fokus auf falschen Thesen und auch Personen gelegen habe. Für die Wissenschaft werde es immer schwieriger, ihre Erkenntnisse im Tiktok-Zeitalter zu präsentieren und die notwendige Aufmerksamkeit zu generieren. Auch Vereinfachung müsse korrekt sein: «Clickbait ist in Ordnung, solange der Titel auch ohne den Videoinhalt keine Desinformation enthält», so ihre These. Was schlussendlich dem Wesen der Wissenschaft aber widerspreche.
KI als «schwarzer Schwan»
Für den Trendberater Heiko Hebig – genannt «Aussenminister von Instagram» – ist ChatGPT der berühmte «schwarze Schwan, der die Branche überraschte.» Bereits 60 Tage nach dem Launch habe das Tool über 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer gehabt. Von jenem Moment an sei der KI-Wettlauf eröffnet gewesen. Für das laufende Jahr hätten die vier grossen öffentlichen Tech-Firmen (Amazon, Google, Meta und Microsoft) Investitionen in der Höhe von mehr als 650 Milliarden US-Dollar eingeplant, um den Aufbau von KI-Infrastrukturen voranzutreiben.
Ermüdungserscheinungen
Die Autorin und KI-Expertin Nathalie Nahai stellt auch eine gewisse Ermüdung fest. So zögen sich immer mehr Menschen aus den sozialen Medien zurück. Gemäss einer Umfrage der British Standards Institution wünschten sich mittlerweile die Hälfte der Befragten, in einer Welt ohne Internet zu leben. So gewinne das reale Leben für viele wieder an Bedeutung. (GDI/ma)

