Herr Huwyler, Ihr Dokumentarfilm «Überrannt», der am Donnerstag, 7. Mai, auf SRF gezeigt wird, beschäftigt sich mit dem Overtourism in Ihrer Heimatstadt Luzern sowie in der angrenzenden Region. Was hat Sie bewegt, diesen Film zu drehen?
Ich bin mit Luzern verbunden, bin hier geboren und aufgewachsen, zum Teil am Grendel - dem Tor zur Altstadt. Der Grendel war für uns ein erweitertes Wohnzimmer, wo man sich beim Café oder im Restaurant traf, wo es eine Bäckerei, eine Apotheke und andere Läden für den täglichen Gebrauch gab. Sie alle sind seit langem verschwunden. Heute gibt es dort nur noch Uhren-, Schmuck- und Schoggiläden, die primär von Touristen frequentiert werden. Touristen gehören seit eh und je zum Stadtbild, doch der Besucherstrom wird immer grösser. Letztes Jahr wurde in Luzern zum dritten Mal in Folge ein Rekord bei den Logiernächten verzeichnet.
In Luzern hat sich die Besucherzahl in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Was bedeutet dies für die Stadt und deren Bewohnerinnen und Bewohner?
An den touristischen Hotspots fühlt man sich als Stadtbewohner zuweilen selbst als Fremder. Und muss sich seinen Weg durch Scharen von Gruppenreisenden bahnen, die einem kaum wahrnehmen. Der Tourismus bringt viel Verkehr - auch wenn die Stadt seit rund einem Jahr eine Anhaltegebühr von CHF 100 für Cars am Schwanenplatz erhebt. 2024 waren es noch 35’000 Reisebusse, die ihre Passagiere direkt vor die Uhren- und Souvenirgeschäften chauffierten. Seit der Einführung der Gebühr hat sich die Zahl der Reisebusse um 50 Prozent reduziert - ein Erfolg. Cars parkieren andernorts - lassen Reisende aber auch an Bushaltestellen aussteigen und blockieren so den ÖV. Ein privat initiiertes Projekt einer Metro, die Touristen und Einheimische vom Autobahnanschluss direkt in die Innenstadt gebracht und damit viel zur Verkehrsentlastung beigetragen hätte, wurde vor Jahren von der Regierung und vom Volk abgelehnt. Für mich persönlich eine verpasste Chance! Nun wartet ein neues Projekt, das die Innenstadt teilweise mit einer Seilbahn verbinden will und über das diesen Herbst abgestimmt wird.
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Noch nie haben so viele Touristen und Touristinnen die Schweiz besucht wie 2025 - der dritte Rekord in Folge, auch in der Stadt Luzern
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Reiseleiter Chong aus Singapur führt seine Gruppe in drei Tagen durch die Schweiz
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Immer mehr reisen individuell und mit ÖV – die Zentralbahn beförderte 43 Prozent mehr Passagiere als noch vor Corona
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Die Ordensfrau Sr. Linda Guerriero aus den Philippinen besucht wegen einer Netflix-Serie das Obwaldner Dorf Lungern
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Die Bevölkerung von Lungern wehrte sich mit Verbotstafeln gegen den Besucherstrom. Nun wird nicht mehr verboten, sondern gelenkt.
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Fahnenschwingen der anderen Art in einem Touristenlokal in Interlaken
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Nach der Eröffnung des neuen Titlis-Towers erwarten die Bergbahnen 1,5 Millionen Gäste pro Jahr
Wie fest profitiert die Stadt vom Tourismus?
Der Anteil der städtischen Uhren- und Schmuckbranche am gesamten Steuerertrag der Stadt betrage weniger als drei Prozent, wie die städtische Finanzdirektorin Franziska Bitzi in einem Interview mit Fernsehen SRF im Sommer 2025 erklärte. Und der Tourismus insgesamt macht lediglich gut sieben Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt aus, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco errechnen liess. Diese Zahlen erstaunen doch sehr für die Touristenstadt Luzern!
Wie sieht es für die restliche Schweiz aus?
Mit fast 44 Millionen Logiernächten übertraf die Hotellerie im Jahre 2025 die Rekorde der beiden Vorjahre erneut. Durch die Parahotellerie kommen nochmals 16 Millionen Übernachtungen dazu. Insgesamt generiert der Tourismus jährlich eine direkte Wertschöpfung von rund 17 bis 20 Milliarden Franken. Und doch trägt der Tourismussektor nur gerade drei Prozent zum nationalen Bruttoinlandprodukt bei, wobei der Anteil in Berggebieten weit höher, zuweilen bis zwanzig Prozent betragen kann.
Sie sind während mehrerer Tage mit einer asiatischen Reisegruppe nach Interlaken, auf das Jungfraujoch und den Titlis mitgereist. Wo stellten sich dabei die grössten Herausforderungen?
Es war zunächst nicht ganz einfach, eine Gruppe zu finden, die einwilligte, dass ich sie begleiten konnte. Immerhin tangierte mein Vorhaben ihre Privatsphäre. Zu Beginn waren die Reisenden meiner Gruppe aus Singapur denn auch sehr zurückhaltend. Sie mussten sich an meine Präsenz gewöhnen und es galt, ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch schon am zweiten Tag war der Kontakt mit ihnen ungezwungener und sie beantworteten bereitwillig meine Fragen. Und beim Abschied in Engelberg haben sie alle in die Kamera gewunken.
Sie haben ausschliesslich selber gefilmt, meist sogar mit dem iPhone. Was waren dabei die Vorteile?
Ich habe mir lange überlegt, ob ich statt der konventionellen Filmkamera mit einem Smartphone drehen sollte. Immerhin ging es um einen 50-minütigen Dokfilm, in welchem nicht nur das Bild, sondern auch der Ton wichtig sein würde. Schliesslich habe ich das Wagnis auf mich genommen. Dies brachte die Vorteile mit sich, dass ich mit meinem iPhone in den engen Reisebussen und Seilbahnkabinen schlank unterwegs war und vor allem nicht wie ein professioneller Filmer daher kam. Sondern wie einer von ihnen, wie ein filmender Tourist, ohne, dass ich aufgefallen wäre. Und das hat es mir schliesslich auch erlaubt, noch näher an die Reisenden heranzukommen und Szenen festzuhalten, die ich mit einer Profikamera wahrscheinlich nicht hätte drehen können.
Schweiz Tourismus wirbt mit Millionen, dass die Leute in die Schweiz kommen, Sie zeigen die Kehrseite. Sind Sie gegen Tourismus?
Überhaupt nicht! Ich liebe das Reisen, den Austausch mit Menschen anderer Kulturen. Und ich freue mich, wenn ich in Griechenland oder Portugal zumindest ‹Guten Tag› sagen und in der jeweiligen Landessprache ‹Wie geht es Ihnen?› fragen kann. Nein, es war mein subjektiver Eindruck, dass Touristen in meiner Heimatstadt Luzern nach der Pandemie immer zahlreicher würden, was ja dann auch durch die Zahlen belegt wurde. Die Stadt führte vor rund einem Jahr die erwähnte Anhaltegebühr für Cars und gleichzeitig ein Airbnb-Gesetz ein, das die Kurzzeitvermietung von Wohnungen auf 90 Tage pro Jahr beschränkt. Ich war interessiert in meinem Dok zu zeigen, welche Wirkung diese Massnahmen haben. Aber primär geht es darum, zu dokumentieren, wie Touristen – Gruppen- und Individualreisende – in der Schweiz unterwegs sind, was sie erleben, wie man auf die Besucherströme reagiert und wo es zu Friktionen mit der lokalen Bevölkerung kommt. Dies mit einem kleinen Ausblick, was uns in Zukunft in Sachen Tourismus erwartet. Wichtig ist für mich, wie man reist, mit welchem Bewusstsein. Wünschenswert wäre, wenn sich Touristen, Reisende für Land und Leute interessieren, also auch für die Menschen und ihre jeweiligen Lebensumstände und nicht nur für die üblichen Sehenswürdigkeiten, Monumente, Berge, Seen usw. Dabei könnten gerade Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zur Völkerverständigung beitragen, was in Zeiten wie diesen nötiger denn je wäre.
Im Moment wird auch über die 10-Millionen-Initiative gestritten, die im Juni an die Urne kommt. Sehen Sie dabei einen Zusammenhang?
Die Idee zum Dok entstand vor etwas mehr als einem Jahr, als noch kaum jemand von der 10-Millionen-Initiative sprach. Geplant war, dass der Film bereits letzten Herbst gesendet würde. Weil Schweizer Fernsehen SRF im Sommer 2025 bereits eine Dokumentation zum Thema Tourismus in Grindelwald produzierte, haben wir gemeinsam entschieden, dass mein Film erst diesen Frühling ausgestrahlt werden sollte. Dass der Dok nun zeitnah zur 10-Millionen-Initiative gezeigt wird, ist Zufall. Die Debatte über Zuwanderung und die ständige Wohnbevölkerung hat denn auch nichts mit dem Thema meines Filmes zu tun: Touristen sind nur temporär hier, auch wenn sie punktuell zu Dichteeffekten beitragen mögen. Vor dem Hintergrund der akuten Wohnungsknappheit in unserem Land gilt es jedenfalls die Kurzzeitvermietung von Wohnungen an Touristen im Auge zu behalten. Die Stadt Luzern und auch andere Orte haben diesbezüglich ja schon Gesetze erlassen.
Mittlerweile herrscht Krieg im Iran, wodurch auch die reichen Golfstaaten betroffen sind. Hat dies Auswirkungen auf den Tourismus? Kommen nun weniger Leute nach Luzern?
Einen Monat nach Kriegsbeginn sprachen ein paar wenige Hotelbetreiber in Luzern von Annullationen. Es sind meines Wissens bis jetzt die einzigen geblieben. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass im Moment weniger Leute nach Luzern kommen. Sie haben vielleicht schon früher gebucht, vielleicht kommen sie aus anderen Ländern. Vielleicht kommen sie bewusst in die Schweiz, weil wir ein sicheres, wenn auch ein teures Reiseland sind. Die Frage bleibt jedoch, wie sich die Kerosinknappheit auf den Fernreisemarkt auswirken wird.
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06.05.2026 21:03 Uhr

