01.06.2026

Lothar Schupet

«Über allem steht die Konsistenz»

Als der langjährige BMW-Manager Europa-Chef beim chinesischen Autohersteller Zeekr wurde, löste er damit Kopfschütteln und Verwunderung aus. Mittlerweile dürfte sich die Stimmung geändert haben: Zeekr ist auf dem Automarkt ein Erfolgsprodukt, das von Emil Frey vertrieben wird. Wir haben uns mit Lothar Schupet unterhalten.
Lothar Schupet: «Über allem steht die Konsistenz»
«Unser Fokus liegt auf weiterem Wachstum in Europa», so Lothar Schupet, CEO von Zeekr Europe. (Bild: Zeekr)

Herr Schupet, Sie waren 23 Jahre lang bei BMW tätig. Was hat Sie zu Zeekr geführt? War es eine Art Ausstieg?
Keineswegs. Ich blicke auf eine sehr prägende und intensive Laufbahn in der klassischen Automobilindustrie zurück. Gleichzeitig bin ich ein sehr ambitionierter Mensch, der stets neue Herausforderungen sucht. Als sich die Möglichkeit bot, am Aufbau einer Premium-Elektromobilitätsmarke in Europa mitzuwirken, hat mich das stark motiviert. Ich wollte die Zukunft der Mobilität aktiv mitgestalten und meine Erfahrungen in ein Unternehmen einbringen, das die Kundinnen und Kunden bewusst ins Zentrum stellt und das Potenzial besitzt, die Branche mit herausragenden Produkten und einer agilen Denkweise nachhaltig zu verändern. Entscheidend war für mich die Kombination aus Unternehmergeist, überzeugenden Produkten und hoher Umsetzungsgeschwindigkeit, verbunden mit einem klaren Anspruch, echten Mehrwert und greifbare Qualität für die Kunden zu liefern. Hinzu kommen ein ausgeprägter Ehrgeiz sowie ein langfristiges Bekenntnis zu Europa. Das machte den Schritt für mich besonders reizvoll.

Worin liegen die Unterschiede zwischen der chinesischen und der europäischen Unternehmenskultur?
Der markanteste Unterschied ist das Tempo. Entscheidungen werden oft schneller gefällt, Entwicklungszyklen sind kürzer, und die Bereitschaft, sich rasch anzupassen, ist ausgeprägter. In einem sich so dynamisch wandelnden Markt wie der Automobilindustrie ist das ein klarer Vorteil. Gleichzeitig reicht Tempo allein in Europa nicht aus, um Erfolg zu haben. Europa ist sehr heterogen. Regulatorische Rahmenbedingungen, Kundenerwartungen und Fahrbedingungen unterscheiden sich von Land zu Land. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dieses Tempo mit einem profunden Verständnis der lokalen Marktgegebenheiten zu verbinden. Genau darauf legen wir unseren Fokus.

«In gewissen Marktsegmenten gibt es nach wie vor Zurückhaltung»

Wie haben die deutschen Wettbewerber auf Zeekr reagiert?
Inzwischen ist allen Marktteilnehmern bewusst, dass sich das Wettbewerbsumfeld grundlegend gewandelt hat. Das Premium-EV-Segment wird nicht mehr ausschliesslich von traditionellen europäischen Herstellern geprägt. Unser Ziel ist in erster Linie, Vertrauen aufzubauen, ein überzeugendes Kundenerlebnis zu bieten und zu zeigen, dass wir im Premiumsegment mit echtem Mehrwert und Substanz bestehen können.

Nehmen Sie weiterhin Vorbehalte gegenüber chinesischen Fahrzeugen wahr?
Ja, in gewissen Marktsegmenten gibt es nach wie vor Zurückhaltung, was ich durchaus nachvollziehen kann. Wie in anderen Branchen basiert auch im Automobilbereich vieles auf Vertrauen. Kunden erwarten Transparenz hinsichtlich Qualität sowie langfristigen Support. Dieses Vertrauen entsteht durch ein starkes Vertriebs- und Servicenetz, sehr hohe Sicherheits- und Prüfstandards sowie durch eine nachhaltige Marktpräsenz. Wir investieren massiv in Tests, um sicherzustellen, dass unsere Fahrzeuge sowohl den EU-Vorgaben als auch den Erwartungen europäischer Kunden entsprechen.

Wie entsteht eine starke Marke?
Über allem steht die Konsistenz. Produkt, Kauferlebnis, Kundendienst und digitale Erlebnisse müssen ein einheitliches Markenversprechen vermitteln. Für uns sind die Grundpfeiler klar definiert: innovative Ingenieurskunst, zukunftsorientierte Technologie und hervorragende Leistung. Diese Werte übersetzen wir gezielt in einen europäischen Kontext.

Warum fiel die Wahl für den ersten europäischen Markt auf Schweden?
Schweden bot sich aufgrund seiner fortgeschrittenen Elektromobilität, seiner Innovationsfreude und seines starken Interesses an Premiummobilität als idealer Ausgangspunkt an. Zudem bündeln wir dort wesentliche Kompetenzen in Entwicklung und Design. Strategisch wie operativ war es daher sinnvoll, den zentralen europäischen Standort unserer Marke als einen der ersten Märkte zu wählen.

Sie möchten Kunden frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbinden. Was verstehen Sie darunter?
Für mich bedeutet das, Kundenfeedback schneller in die Produktentwicklung einfliessen zu lassen. Früher arbeitete die Branche oft in sehr langen Zyklen. Heute besteht die Möglichkeit, diese deutlich zu verkürzen, insbesondere bei elektrischen und softwaredefinierten Fahrzeugen. Wir hören früher zu, lernen schneller und entwickeln uns kontinuierlich weiter, indem wir in Europa in einem einzigartig agilen Umfeld mit unseren F&E- und Designteams arbeiten. Kundenrückmeldungen fliessen unmittelbar in die Weiterentwicklung ein und werden regelmässig über OTA-Updates in die Fahrzeuge eingespielt.

«Für eine junge Marke wie die unsere ist es entscheidend, Bekanntheit und Vertrauen parallel aufzubauen»

Welche nächsten Schritte planen Sie?
Unser Fokus liegt auf weiterem Wachstum in Europa – mit einer klar langfristigen Perspektive. Diese umfasst nicht nur neue Produkte, sondern auch den Ausbau von Vertrieb, Service und Kundenvertrauen – Schritt für Schritt in jedem Markt. Dieses Jahr sind wir in Italien, Spanien, Portugal und Frankreich gestartet, der Markteintritt in Grossbritannien folgt. Das Potenzial ist erheblich, und wir bauen unsere Präsenz konsequent und nachhaltig aus.

Welche Marketingmassnahmen setzen Sie ein, um die Bekanntheit von Zeekr zu steigern?
Für eine junge Marke wie die unsere ist es entscheidend, Bekanntheit und Vertrauen parallel aufzubauen. Deshalb verfolgen wir einen ganzheitlichen Marketingansatz mit dem Ziel, klar zu vermitteln, wofür Zeekr steht und welche Relevanz wir im Premium-EV-Segment haben. Dazu zählen Markenkommunikation, physische Präsenz, Probefahrten, Kontaktpunkte im Handel, digitale Kanäle und das gesamte Kundenerlebnis.

Was bedeutet eigentlich dieser ungewöhnliche Name Zeekr?
«ZE» steht für Zero – den Ausgangspunkt aller Möglichkeiten, «E» für Evolving the Electric Era und «Kr» für das chemische Symbol Krypton, ein Edelgas, das bei Elektrifizierung Licht ausstrahlt. Der Name ist markant und verschafft einer jungen Marke einen klaren Wiedererkennungswert. Entscheidend ist für mich jedoch, wofür der Name in der Praxis steht: nämlich für einen klaren Fokus auf Leistung, Technologie und Nutzererlebnis. Seine eigentliche Bedeutung erhält er letztlich durch das Produkt und die Erfahrungen, die wir unseren Kunden bieten.


Das ausführliche Interview mit Lothar Schupet ist in der persönlich-Printausgabe vom April erschienen.


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