19.11.2024

Verbandspartner

Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor wächst

Die Schweiz wächst. Im Jahr 2024 hat die ständige Wohnbevölkerung erstmals die 9-Millionen-Marke überschritten. Die Schweiz verzeichnet einen anhaltenden Fachkräftemangel. Das zweite Quartal 2024 war das elfte Quartal in Folge, in dem das Bundesamt für Statistik über 100 000 offene Stellen verzeichnete. Der Spardruck beim Bund wächst. 2024 wird mit einem Defizit von 1,6 Milliarden Franken gerechnet. Das IWP nahm diese drei Entwicklungen zum Anlass, die neuesten Zahlen im Bereich der öffentlichen Beschäftigung anzuschauen.
Ausgabe 10/2024: Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor wächst
Nach oben keine Grenzen: Der Schweizer Staat ist nicht so schlank wie allgemein angenommen.

Text: Marco Portmann  Bild und Grafik: IWP

Stetiges Wachstum der staatlichen Personalausgaben pro Einwohner

Gemeinhin wird die Schweiz als ein Land mit einem schlanken Staat wahrgenommen. Im europäischen Vergleich rangiert die Schweiz mit Staatsausgaben von 33 Prozent und staatlichen Personalausgaben von 7,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) hinter Irland auf dem zweiten Platz. Das zeigen die Daten von Eurostat für das Jahr 2022. Etwas anders sieht die Rangierung beim Blick auf die staatlichen Personalausgaben pro Einwohner aus. 

Im europäischen Vergleich mit 30 Ländern und unter Berücksichtigung der Kaufkraft liegt die Schweiz auf dem 20. Platz. Am wenigsten geben bei dieser Betrachtung Länder wie Bulgarien und Griechenland aus. Reiche Länder können es sich leisten, mehr für den Staat und das Staatspersonal auszugeben. Die Schweiz gibt pro Einwohner und unter Berücksichtigung der Kaufkraft allerdings auch 24 Prozent mehr für Staatsbedienstete aus als das Nachbarland Deutschland, aber 11 Prozent weniger als Österreich.

Auch hinsichtlich des Personalausgabenwachstums liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld. Wir betrachten den Zeitraum von 2008 bis 2022, für den die Daten einen Vergleich zulassen. Real gibt die Schweiz pro Einwohner 16 Prozent mehr für das Staatspersonal aus. Im Vergleich dazu senkten die Schweizer Nachbarn die Ausgaben pro Einwohner im gleichen Zeitraum oder hielten sie konstant.

Dies mag vor dem Hintergrund der starken Zuwanderung in die Schweiz erstaunen. Schliesslich erlaubt die Zuwanderung zunächst, gegebene Staatsausgaben auf mehr Einwohner zu verteilen. Die Zuwanderung führt zu einer direkten Belastung der öffentlichen Infrastruktur, beispielsweise Strassen, Schwimmbäder und Schulen. Bei vielen Verwaltungstätigkeiten ist allerdings eher damit zu rechnen, dass die Kosten nicht im Gleichschritt mit der Bevölkerung wachsen werden. Im Gegenteil, die Kosten der Investitionen in die Digitalisierung und andere Effizienzsteigerungen liessen sich auf mehr Einwohner verteilen.

Die Beschäftigung beim Staat und bei staatsnahen Unternehmen wächst

Statistisch gut verbrieft ist das Stellenwachstum von 17 Prozent im Sektor Staat von 2011 bis 2021. So geht es aus der im Jahr 2011 etablierten Statistik der Unternehmensstruktur hervor, welche die Vollzeitäquivalente der Unternehmen erfasst. In der Privatwirtschaft wuchs die Beschäftigung im gleichen Zeitraum um lediglich 10 Prozent. Zum Wachstum des Sektors Staat trägt einerseits der Personalbedarf im Bildungssektor bei. Aber auch die Verwaltungen wachsen. Jene der Gemeinden wuchsen mit 18 Prozent am schnellsten, gefolgt von den Kantonen mit 14 Prozent und dem Bund mit 5 Prozent. Dabei gibt es allerdings eine Diskrepanz zwischen der Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten und den Personalkosten. Die Kosten stiegen beim Bund nämlich am stärksten, gefolgt von den Kantonen und den Gemeinden. 

Statistisch weniger gut verbrieft ist die Entwicklung bei den staatlichen und staatsnahen Unternehmen und Anstalten. Deren Beschäftigte werden nicht dem Sektor Staat zugerechnet. Zu den staatlichen und staatsnahen Unternehmen und Anstalten gehören unter anderem die Finma, die SBB, die Swisscom, die Post, die SUVA wie auch die Energieversorger und Kantonsspitäler. Leider ist davon auszugehen, dass die Erfassung dieser Unternehmen und Anstalten als staatlich oder staatsnah in der Statistik lückenhaft ist.

Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor wächst

Wir haben offensichtliche Lücken geschlossen und eine konservative Schätzung der Beschäftigung durchgeführt. Für das Jahr 2021 beträgt der Anteil der öffentlichen Beschäftigung – das heisst beim Staat sowie bei den staatlichen und staatsnahen Unternehmen und Anstalten – mindestens 17 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Das Wachstum liegt mit 16 Prozent von 2011 bis 2021 über jenem der Privatwirtschaft.

Höhere Löhne in den öffentlichen Verwaltungen

Für den Steuerzahler und den Arbeitsmarkt ist es ebenfalls von Interesse, zu welchen Löhnen der Staat seine Bediensteten anstellt. Das IWP hat dazu die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) und die Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts
für Statistik ausgewertet. Die beiden Statistiken enthalten einerseits Angaben über
die Bruttojahreserwerbseinkommen. Andererseits sind auch potenziell lohnrelevante Merkmale der Arbeitskräfte und Unternehmen wie Anstellungsdauer, höchste Ausbildung, Führungsverantwortung, Geschlecht und Studienrichtung erfasst. Das erlaubt es, für alle Verwaltungsmitarbeiter statistische Zwillinge aus der Privatwirtschaft zu suchen. So kann ermittelt werden, ob für vergleichbare Tätigkeiten unterschiedliche Löhne gezahlt werden.

Basierend auf der SAKE und den Daten der Jahre 2017 bis 2022, schätzen wir für die Bundesverwaltung eine durchschnittliche Lohndifferenz von 12 Prozent gegenüber der Privatwirtschaft. Die Lohndifferenz gegenüber der Privatwirtschaft fällt für die tiefsten 5 Prozent der Löhne in der Bundesverwaltung mit bis zu 19 Prozent am höchsten aus – für die höchsten 5 Prozent der Löhne wird eine Differenz von 4 Prozent geschätzt. Die Löhne der Kantonsverwaltungen liegen im Durchschnitt 5,4 Prozent und jene der Gemeinden 4,5 Prozent über jenen der Privatwirtschaft. Die Schätzungen der durchschnittlichen Lohndifferenz fallen auch gestützt auf die zweite Erhebung, die LSE, ähnlich aus.

Fazit

Der internationale Vergleich zeigt, dass der Schweizer Staat nicht so schlank ist, wie dies gemeinhin angenommen wird. Aufgrund des hohen BIP kann oder konnte sich die Schweiz diesen Staat bis anhin leisten. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch auch, dass die staatliche und staatsnahe Beschäftigung in den letzten Jahren schneller gewachsen ist als jene in der Privatwirtschaft. Ausserdem liegen die Löhne in den Verwaltungen im Schnitt über denen der Privatwirtschaft.

Dies wirft mit Blick auf die knappen Staatsfinanzen – insbesondere beim Bund –, den anhaltenden Fachkräftemangel und die anhaltend hohe Zuwanderung Fragen auf. Arbeitskräfte, die durch hohe Löhne und allgemein attraktive Anstellungsbedingungen in den öffentlichen Sektor gelenkt werden, verschärfen den Fachkräftemangel in der Privatwirtschaft. Wie die aktuelle Budgetdebatte beim Bund zeigt, ist die gesellschaftliche Diskussion um die staatliche Aktivität und damit die öffentliche Beschäftigung im Gange. Auch das IWP bleibt dran.


Download als PDF-Dokument