14.09.2025

Verbandspartner

Interview-Serie mit Schweizer Filmschaffenden – Folge fünf: Wo kommen die guten Ideen her?

Wo holen sich Schweizer Filmschaffende die Inspiration für ihre Produktionen? Was tun, wenn bei einem Dreh plötzlich alles schiefgeht? Und welche Rolle spielt Swissness in einer zunehmend globalisierten Branche? Um diese Themen kreist die fünfte Folge unserer Interview-Serie mit Schweizer Filmschaffenden.
SWISSFILM ASSOCIATION: Interview-Serie mit Schweizer Filmschaffenden –  Folge fünf: Wo kommen die guten Ideen her?
Luzius Fischer, Executive Producer und Partner bei Dynamic Frame und Simon Tolnai, Geschäftsführer und Produzent bei Kollektiv Oskar.

Wo holst du dir die Inspiration für deine Produktionen?
Luzius Fischer: Von überall her: Aus Filmen, Büchern, dem aktuellen Weltgeschehen in den Nachrichten, aber auch von Kolleg:innen und der Konkurrenz. Da kommt viel Material zusammen. Aus diesem riesigen Pool die guten Ideen auszusortieren und die anderen fallen zu lassen, das fällt mir manchmal nicht leicht.

Simon Tolnai: Auf Instagram haben wir verschiedene Shared Albums, in die wir unsere Banger-Projekte speichern. Hier finden wir ein grosses Repertoire an Inspiration. Auch bei ShotDeck (weltweit grösste Filmdatenbank, Anm. d. Red.) holen wir uns Ideen. Und dann natürlich im richtigen Leben: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, beobachte die Menschen, denen ich begegne, erfinde ihre Geschichten … Und last but not least: auch bei ChatGPT. Ich schreibe ein paar Mal hin und her – und schon komme ich selber auf eine Idee. 

Auf welche Produktion bist du besonders stolz – und warum? 
Simon Tolnai: Auf eine der jüngsten Produktionen für die Olma Messen. Vor allem auf die Art und Weise, wie sie entstanden ist, aber natürlich auch auf das Resultat. Der Auftrag kam an einem Freitagnachmittag herein und eilte … Ich war damals in den Flitterwochen in Lateinamerika und unser Creative Director, Robin Lohnke, voll ausgelastet. Trotzdem hat er es geschafft, noch am gleichen Abend ein Konzept zu erarbeiten, am folgenden Montag ein Meeting zu halten und innert kürzester Zeit das Projekt alleine zu realisieren. Pünktlich zum Beginn der Frühlingsmesse Offa und zur Generalversammlung der Olma Messen war der Film fertiggestellt. 

Luzius Fischer: Zwischen Dezember 2024 und Mai 2025 haben wir eines unserer komplexesten Projekte umgesetzt: die Produktion der «Postcards» für den Eurovision Song Contest in Basel. Die Videos sind einem he-rausragenden Team und der reibungslosen Zusammenarbeit mit der SRG zu verdanken. Und dann sind da auch unsere ersten beiden Langfilme: Der Dokumentarfilm «Vracht» von Max Carlo Kohal und der Spielfilm «Wolves» von meinem Geschäftspartner Jonas Ulrich. Beides starke Erstlingsfilme, die sich nicht verstecken müssen und auf die ich unglaublich stolz bin. 

Gab es schon einmal einen Moment während einer Produktion, in dem alles schiefzugehen schien, und wie hast du ihn überwunden?
Luzius Fischer: Hm, spontan kann ich gerade keinen bestimmten Dreh nennen, aber He-rausforderungen gibt es natürlich immer. Zum Beispiel, als während der Pandemie wegen einer Änderung der Regeln die Regie unerwartet in Quarantäne musste. Oder wenn ein Skript einen Tag vor dem Dreh umgeschrieben wird. Da gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren – nicht immer einfach! Und manchmal hilft auch, sich einfach daran zu erinnern, dass wir keine Ärzte sind …  Es geht «nur» um Film, nicht um Leben und Tod. 

Simon Tolnai: Da fällt mir eine Interrail Workation in Wien ein, bei der wir an einer TFP-Produktion gearbeitet haben. Eine Stunde vor Drehbeginn gerieten wir intern in eine hitzige Auseinandersetzung über das Konzept. Wir hatten wenig geschlafen, waren am Vorabend im Ausgang. Dennoch klappte schliesslich alles so, wie wir es uns gewünscht hatten. Mit guten Vibes und etwas Erfahrung ist fast alles möglich.

Machen wir einen Zeitsprung … Wie wird die Filmproduktion in zwanzig Jahren aussehen?
Simon Tolnai: Ich sehe zwei verschiedene Wege in der Filmproduktion. Einerseits die Produktion mit KI, bei der man Locations, Darsteller, Equipment und so weiter frei zusammenstellen kann. Celebrities, denen man Rechte abkauft, und – wie immer – gutes Storytelling verhelfen hier zu etwas Einzigartigkeit. Andererseits wird die echte Filmproduktion, diejenige mit Menschen, weiter bestehen und mit einem Zertifikat versehen, wonach sie zu hundert Prozent ohne KI realisiert wurde.

Luzius Fischer: Ah, wer weiss das schon? Zu KI mache ich mir keine allzu grossen Sorgen, obwohl sie sicher vieles verändern wird. Letztendlich ist es ein Tool wie andere auch. Ich glaube, dass wir uns wieder vermehrt nach authentischen Geschichten mit echten Menschen sehnen, und das wird sich auch in der Werbung spiegeln.  

Wie engagierst du dich für mehr Swissness in der Filmproduktion?
Luzius Fischer: Gerade die Werbebranche ist sehr stark globalisiert. Da ist es umso wichtiger, bewusst lokale Talente und die Industrie hier in der Schweiz zu fördern – sonst gibt es sie irgendwann nicht mehr. Wir versuchen, die Balance zwischen Swissness und Wirtschaftlichkeit zu halten und arbeiten, wo immer möglich, mit lokalen Partnern zusammen. Das haben wir beispielsweise bei der Produktion der «ESC Postcards» getan, bei der die Wertschöpfung zu ca. 99 Prozent in der Schweiz lag. 

Simon Tolnai: Wir haben da grosses Glück: Bisher sind wir noch von keinem unserer Kunden mit dem Wunsch konfrontiert worden, einen Film ausserhalb der Schweiz zu produzieren oder zu schneiden.

Was ist das absolut Beste am Filmemachen?
Simon Tolnai: Der Flow, der kreative Rausch, in den man beim Filmemachen kommt. Wenn alles andere vollkommen unwichtig wird und man in eine Geschichte eintaucht, rumfantasiert, Dinge ausprobiert, bespricht, verbessert, zusammen lacht – und dann einmal mehr realisiert: So nice, dass wir das machen dürfen!

Luzius Fischer: Der Weg vom leeren Blatt Papier zum fertigen Film! Aus nichts als einer Idee etwas zu erschaffen – das ist grossartig.


Download als PDF-Dokument
Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen