Die Migration ist ein Phänomen, das die Schweiz bewegt. Und zwar mehr oder weniger alle: die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer, die Bürger und Bürgerinnen, die Politiker, die Konsumenten, die Steuerzahler, die Einheimischen, die Zuwanderer selbst. Nicht erst seit heute, sondern seit vielen Jahren, davon zeugen zahlreiche Volksinitiativen. Aber was wissen wir eigentlich heute zu den Effekten der anhaltenden Zuwanderung in die Schweiz? Wer kommt? Und warum? Was ist Wahrnehmung, was sind die Fakten?
Wahrnehmung 1: Es kommen hauptsächlich Asylsuchende
In den letzten zehn Jahren wurden im Schnitt 22 000 Asylgesuche pro Jahr gestellt, inklusive Gesuchen um Familiennachzug, aber ohne ukrainische Staatsangehörige. Rund 6000 oder 27 Prozent der Asylsuchenden erhielten jeweils Asyl, wobei dieses Viertel auch die Gesuche um Familiennachzug mit einschliesst. Weiteren circa 6000 Personen wurde eine vorläufige Aufnahme gewährt, von denen später wiederum einige als Härtefälle ein permanentes Aufenthaltsrecht erhielten. In den letzten zehn Jahren waren dies im Schnitt 3000 Personen pro Jahr. Zusammengenommen waren Asyl- und Härtefälle somit für 15 Prozent der Nettozuwanderung (Einwanderung minus Auswanderung) von insgesamt 60 000 Personen pro Jahr verantwortlich. Viel gewichtiger war die Zuwanderung im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens (FZA) mit der EU/EFTA, die rund zwei Drittel der Gesamtzuwanderung ausmachte: 40 000 Personen pro Jahr.
Wahrnehmung 2: Die Zuwanderung beflügelt das Wirtschaftswachstum
Um 50 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit dem Jahr 2000 gestiegen. Allerdings wuchs seither auch die Bevölkerung stark. Pro Kopf wuchs das BIP seit 2000 «nur» um 23 Prozent. Damit lag die Schweiz im europäischen Mittelfeld. Ernüchternd ist, dass das BIP pro Kopf in Ländern wie Deutschland oder Dänemark ähnlich stark wuchs, bei deutlich geringerer Zuwanderung.
Es ist schwierig, wissenschaftlich zu berechnen, wie stark die Zuwanderung das BIP pro Kopf gesteigert hat. Dies dürfte mit ein Grund dafür sein, weshalb die Meinungen dazu so weit auseinandergehen. Drei Studien, die es trotzdem versuchen, finden, dass die Zuwanderung in den Nullerjahren das BIP-pro-Kopf-Wachstum jährlich um 0,09 bis 0,15 Prozentpunkte gesteigert habe – also ein positiver, aber relativ bescheidener Beitrag.
Die Zuwanderung verlieh dem Wachstum also positive Impulse. Doch auch Ökonomen wie Tobias Straumann geben zu bedenken: «Man holt mehr Leute, als man effektiv braucht.» Es stellt sich deshalb die Frage, ob man das gleiche Wachstum nicht auch mit weniger, dafür selektiverer Zuwanderung hätte erreichen können.
Wahrnehmung 3: Die Zuwanderung hilft gegen den Fachkräftemangel
Es klingt paradox: Trotz hoher Zuwanderung hatten Firmen angeblich noch nie grössere Mühe, Fachkräfte zu finden, als heute. Dies legt zumindest der Index für Rekrutierungsschwierigkeiten des Bundesamtes für Statistik nahe. Doch wäre der Fachkräftemangel ohne Zuwanderung nicht noch grösser? Zuwanderer sind zwar häufig in Branchen mit Fachkräfteknappheit beschäftigt. Es spricht aber einiges dagegen, dass mehr Zuwanderung stets zu weniger Fachkräftemangel führt.
Erstens kommen Arbeitskräfte selten allein – etwa 40 Prozent der Zuwanderer geben in Umfragen an, dass sie primär aus familiären Gründen in die Schweiz zögen. Zweitens sind Zuwanderer nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Konsumenten. Was konsumiert wird, will produziert werden. Damit schafft sich die Zuwanderung ihre eigene Nachfrage nach Arbeitskräften. Der sich selbst verstärkende Effekt dürfte ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, dass der Bundesrat bei der Einführung des FZA das Ausmass der Zuwanderung deutlich unterschätzte.
Wahrnehmung 4: Die Zuwanderung «saniert» unsere Altersvorsorge
Es stimmt zwar, dass Zuwanderer aktuell mehr in die AHV einzahlen, als sie daraus an Leistungen beziehen. Das ist nicht überraschend, da die Zuwanderung meist an eine Erwerbstätigkeit geknüpft ist und der durchschnittliche Zuwanderer im Alter von 30 Jahren in die Schweiz zieht. Doch wie sieht es aus, wenn die zukünftigen Leistungsbezüge berücksichtigt werden?
Hier zeigt sich sowohl für Einheimische als auch für Zuwanderer ein anderes Bild. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg bezieht eine durchschnittliche Person mehr Leistungen aus der AHV, als sie selbst zu deren Finanzierung beiträgt. Je Franken Lohnbeiträge beziehen EU/EFTA-Zuwanderer 1.76 Franken an Rente, Schweizer 1.83 Franken und Nicht-EU/EFTA-Zuwanderer mehr als 2 Franken. Mit den aktuellen Lohnbeiträgen und Rentenansprüchen lässt sich das System auf Dauer nur bei einem Altersquotienten von etwa 38 Rentnern auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter finanzieren. Damit der Altersquotient dauerhaft bei etwa 38 bliebe, müsste jede nachkommende Generation grösser sein als die vorangehende. Wir haben deshalb ein Gedankenexperiment gemacht: Wie hoch müsste das Bevölkerungswachstum ausfallen, damit der Altersquotient stabil bei 38 bliebe?
Hinweise: Der Altersquotient wird in den nächsten fünfzehn Jahren stark ansteigen, weil die Babyboomer-Generation in Rente geht. Es wird deshalb eine sanfte Annäherung an den Quotienten von 38 modelliert.
Unsere Berechnungen zeigen, dass die Schweiz im Jahr 2050 11 Millionen Einwohner und im Jahr 2100 16 Millionen Einwohner brauchte – dabei handelt es sich um ein Mindestszenario. Auch nach 2100 müsste das Wachstum weitergehen, damit die AHV finanziell im Lot bliebe. Das Gedankenexperiment zeigt: Es ist wohl einfacher, die künftig erwartete Finanzierungslücke der AHV durch strukturelle Reformen zu beheben als über anhaltendes Bevölkerungswachstum.
Wahrnehmung 5: Schweizer werden durch Zuwanderung arbeitslos
Seit 2002 nahm der Schweizer Arbeitsmarkt 1,2 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte auf. Trotz rekordhoher Zuwanderung sind heute prozentual mehr Personen zwischen 20 und 65 Jahren erwerbstätig, und die Arbeitslosenquote ist stabil geblieben. Inzwischen existieren diverse Studien, welche die Auswirkungen der Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt untersuchen. Die Studien sind sich uneinig, ob etwa hochqualifizierte oder geringqualifizierte Arbeitskräfte von der Zuwanderung profitiert haben oder unter Druck kamen. Die Studien sind sich allerdings nahezu einig darin, dass die Zuwanderung im Durchschnitt eher geringe Effekte auf die Löhne und die Beschäftigung hatte.
Dies dürfte zwei Gründe haben: Erstens hat die Zuwanderung selbst, wie schon beschrieben, eine Nachfrage nach neuen Jobs generiert. Zweitens nehmen Ausländer häufig Jobs am unteren oder oberen Ende der Lohnskala wahr; Jobs, für die sich wenige Inländer finden lassen. Dadurch sind Zuwanderer und Schweizer nicht immer Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, sondern sie können sich mit ihren Fähigkeiten und Berufsprofilen ergänzen.
Die fünf Mythen zeigen, dass die Zuwanderung weder der Rolle als Schreckgespenst noch jener als Heilsbringer gerecht wird. Für die Forschung bleiben jedoch noch einige Rätsel zu lösen. Beispielsweise gibt es für die Schweiz kaum Studien, die untersuchen, ob und wie die Zuwanderung zum sogenannten Dichtestress und zur Überfüllung der öffentlichen Infrastruktur beiträgt. Für das IWP heisst das: Wir bleiben dran.


