Ein grauer Februartag 2024, Nieselregen, volle Inbox. Eigentlich ein ganz normaler Dienstag. Und doch war etwas anders: Ich hatte mein erstes Mentoring-Treffen. Nein, nicht als Mentee, sondern als Mentorin. Und mir gegenüber sass weder ein Praktikant noch ein Junior, sondern Alain Bichsel, damaliger Head Corporate Communications & Marketing der SIX Group.
Die Rollen sind hier bewusst vertauscht: Kommunikationschefs werden zu Mentees, die nächste Generation übernimmt das Challengen. Reverse Mentoring nennt sich dieses sechsmonatige Programm, initiiert vom HarbourClub, dem Schweizer Netzwerk für CCOs. Seit der Lancierung des Programms vor drei Jahren haben bereits mehr als 30 Kommunikationsverantwortliche aus Mitgliedsunternehmen des HarbourClub daran teilgenommen. Ein zentrales Merkmal dieses Formats ist seine Struktur: Während viele Mentoring-Initiativen innerhalb eines Unternehmens stattfinden, eröffnet dieser Austausch den Raum für einen Perspektivwechsel über den eigenen Firmen- und Branchenkontext hinaus.
Unser erstes Treffen fand digital statt. Ein vorsichtiges Annähern. Die Situation war ungewohnt, wir mussten uns in die neuen Rollen einfinden. Der HarbourClub hatte uns Leitfragen mitgegeben; eine gute Starthilfe. Doch wie das unter Kommuni-kator:innen oft der Fall ist, fanden wir schnell unseren eigenen Gesprächsfluss. Und so entstand im Verlauf unseres Dialogs etwas, das meinen von direktem Feedback und kontinuierlichem Coaching geprägten Berufsalltag wertvoll ergänzt: Raum für externe Perspektiven, für gemeinsame Reflexion mit fachlicher Expertise von aussen und für bewusstes Innehalten. Denn wann nehmen wir uns zwischen Mails, Calls und Entscheidungen noch die Zeit, unsere eigenen Denkmuster zu spiegeln?
Wir sprachen über digitale Kommunikation, über Führung und darüber, wie sich unser Beruf im Zeitalter von künstlicher Intelligenz verändert. Besonders beeindruckte mich, mit welchem echten Interesse und welcher Offenheit Alain sich auf diesen Austausch einliess und wie selbstverständlich er dabei vertraute Rollenbilder beiseitelegte. Auf das erste Treffen folgten weitere Gespräche. Bis heute. Alain ist für mich zu einem geschätzten Gesprächspartner geworden. Jemand, mit dem ich Themen offen reflektieren kann. Am Reverse Mentoring hat mich vor allem eines überrascht: Es verändert nicht nur die Antworten, die man findet, sondern vor allem die Fragen, die man stellt. So eröffnen sich neue Referenzpunkte, jenseits der vertrauten Routinen. Alain hat es einmal so formuliert: «Aus einem Programm wurde ein Austausch, der ermutigt, die eigene Führungsposition wieder stärker als Lernprozess zu begreifen.»
Und manchmal beginnt das ganz unerwartet an einem grauen Februartag, getragen von gegenseitigem Respekt, Offenheit und der Bereitschaft zum echten Austausch.
In diesem Jahr zeigt sich das für mich in einer neuen Konstellation: Roland Bischofberger, Head of Communications bei Siemens Schweiz und Initiator des Reverse-Mentoring-Programms, ist nun mein Mentee. Ein erneuter Rollenwechsel. Eine neue Gelegenheit, voneinander zu lernen. Dieses Mal mit der tollen Erfahrung aus der ersten Runde und mit der Vorfreude, wie wertvoll gerade der unternehmensübergreifende Austausch für beide Seiten sein kann.
Mein Dank gilt dem HarbourClub – insbesondere Roland – für die Initiative und das Engagement hinter diesem Format sowie Yannick Orto, Head of Communications & Marketing bei McKinsey & Company Schweiz, der als Mentee ebenfalls am Programm teilnahm.


