Die National- und Ständeratswahlen sind der Grosskampftag des Politikjournalismus. Auf die Redaktionen wartet ein mehrstündiger Marathon. Wie sie dafür gewappnet sind, wollte persoenlich.com von den elf grössten Medienunternehmen erfahren, deren Berichterstattung für die Deutschschweiz relevant ist.
Beim Personaleinsatz zeigen sich grosse Unterschiede. Das Spektrum reicht von 250 bis 8 Journalistinnen und Journalisten, die sich am Sonntag um die Wahlen kümmern werden. An der Spitze steht erwartungsgemäss SRF, das am Fernsehen, Radio und online berichten wird. Dicht dahinter folgt CH Media. Alle Redaktionen zusammengezählt, von Zeitungen über Regionalfernsehen und Lokalradio bis Online-Portale, stehen beim Aargauer Medienunternehmen am Sonntag mehr als 220 Medienleute im Einsatz. Ebenfalls mit einem dreistelligen Aufgebot bestreitet Keystone-SDA den Wahltag, wobei die nationale Nachrichten- und Bildagentur mit diesem Etat für alle Landesteile in Text, Bild und Video berichten wird. Vom Agenturangebot profitieren insbesondere jene, die selbst am Wahlsonntag wenig Personal einsetzen, aber dennoch eine umfassende Berichterstattung anbieten wollen. So stehen bei den Newsportalen Nau.ch und Blue News nur acht, respektive fünf eigene Redaktorinnen und Redaktoren im Einsatz am Wahlsonntag.
Von der personellen Dotierung her bewegen sich die Redaktionen und Ressorts von NZZ, Tages-Anzeiger, Blick, Watson und 20 Minuten im Mittelfeld. Sie alle setzen zwischen 20 und 30 Journalistinnen und Journalisten ein. Ein entsprechend höherer Wert ergibt sich beim Tages-Anzeiger, wenn man das Personal bei den Tamedia-Bezahlzeitungen im Kanton Zürich sowie den Städten Bern und Basel dazu zählt.
Wahrscheinlich mehr als 2019
Insgesamt kommt man so auf rund 600 Journalistinnen und Journalisten, die am Sonntag für Deutschschweizer Medien über die Eidgenössischen Wahlen berichten werden. Das sind wahrscheinlich mehr als 2019. Beziffern lässt sich das aber nicht mit den Zahlen, die persoenlich.com von den Medienunternehmen erhalten hat. Jene Medien, welche die entsprechende Frage beantwortet haben, geben an, diesmal mehr Personal für die Berichterstattung am Wahlsonntag einzusetzen als vor vier Jahren.
Im Vergleich zur Wahlberichterstattung 2019 haben die meisten Redaktionen neue Formate entwickelt, sowohl für den Wahltag selbst als auch im Vorfeld. Watson zum Beispiel bietet erstmals eine sogenannte Wahlbörse («funktioniert wie eine Finanzbörse») an, die das Portal zusammen mit dem Politologie-Professor Oliver Strijbis umgesetzt hat. Dort kann man sich darüber informieren, welche Kandidatinnen und Kandidaten die grössten Chancen haben, ins Parlament einzuziehen. Der Blick adaptierte das Bachelorette-Format als Polit-Verkupplungsshow. Blue News lud politische Kontrahentinnen und Kontrahenten zur gemeinsamen Minigolfpartie. Telebärn wiederum ging mit Kandidierenden Fondue essen, und ArgoviaToday setzte sie auf den Polit-Schleudersitz. «Die Formate kreieren wir alle vier Jahre gezielt neu», erklärt Oliver Steffen, Chefredaktor Regionale Elektronische Medien von CH Media. Ausserdem habe man bewusst auf zu viel Verspieltheit verzichtet und kein SwissDinner mit Parteipräsidentinnen und -präsidenten veranstaltet oder Ähnliches. «Die Bevölkerung muss aufgrund der politischen Inhalte entscheiden und nicht der Expertise am Herd», so Steffen weiter. Das ist natürlich ein Seitenhieb gegen die Kolleginnen und Kollegen der Konkurrenz von SRF, wo sich die Spitzen der sechs grössten Schweizer Parteien am Herd duellierten. Eine Sendung, die SRF auf die Frage von persoenlich.com nach neuen Formaten für diese Wahlen nicht erwähnte. Dafür die Vorwahlsendung «Bitte auf den Punkt», in der «Arena»-Moderator Sandro Brotz als Anwalt des Publikums und der Wählenden den Parteipräsidenten auf den Zahn fühlte.
Was nicht interessiert, kann weg
Nicht nur Neues wurde geschaffen, auch Altes gestrichen. So verzichtete etwa die NZZ auf Formate à la «Die jüngste und die älteste Kandidatin» oder Wahlvorschauen für alle 26 Kantone in Form einer Serie. «Das Interesse der Leserinnen und Leser an solchen Texten hält sich in Grenzen», heisst es bei der NZZ. Dafür bot die Zeitung als Vorgeschmack auf den Wahlkampf einen überraschenden Zugang mit der Interview-Serie «Alles ausser Politik» mit allen Parteipräsidenten.
Am Wahltag selbst läuft vieles in gewohnten Bahnen; die Bilder aus dem Bundeshaus werden jenen vor vier, acht, zwölf Jahren zum Verwechseln ähnlich sehen. Doch es gibt auch Neuerungen. So bringt das Schweizer Fernsehen am Hauptabend des Wahltags neu den «Patti Basler Talk», bei dem die Kabarettistin das Geschehen mit Gästen in gewohnt pointierter und sprachgewandter Manier diskutiert.
Das jüngere Publikum versucht SRF über die digitalen Kanäle zu erreichen. So bewirbt SRF seit Wochen schon die News App als zentrale Anlaufstelle für seine Wahlberichterstattung. Mit Wahlhilfen, Parteien-Porträts, Erklärstücken und Glossars wollte SRF insbesondere Neuwählende unterstützen, damit sie einen bewussten Entscheid treffen können, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.
Claude Longchamp bei Blick TV
Neben dem Schweizer Fernsehen bietet am Sonntag auch Blick TV eine mehrstündige Livesendung (und beweist damit, dass die Gerüchte vom Ableben des Senders übertrieben waren). Im Studio Zürich wird der Politologe Claude Longchamp das Geschehen kommentieren, in Bern ordnet Politikchefin Sermîn Faki ein. Mit einer sogenannten «Elefantenrunde» um 16.15 Uhr, direkt im Anschluss an die erste aussagekräftige Hochrechnung zum Wahlresultat, werden die Spitzen der grossen Parteien zuerst auf Blick TV die absehbaren Ergebnisse kommentieren – zwei Stunden bevor sie das bei Schweizer Fernsehen SRF noch einmal tun werden.
Keine «Elefantenrunde» senden die CH-Media-Regionalfernsehen. «Es gibt einen SonnTalk spezial, den wir im Wahlzentrum des Kantons Zürich aufzeichnen, aber ohne ‹Elefanten›, die ja in Bern sind», erklärt Oliver Steffen. Die Sender in Zürich, Bern und Aarau setzen bei ihren Talk-Formaten auf die lokalen Politikerinnen und Politiker. Überhaupt sei es der Anspruch, so Steffen, «in unseren Kantonen bezüglich Tempo und Analyse auf allen Vektoren am relevantesten zu sein». Konkurrenz erwächst den Radio- und TV-Sendern von CH Media vor allem aus dem eigenen Haus. Die Redaktionen von Aargauer Zeitung & Co. sehen ihre Kombination von regionaler und nationaler Perspektive als einzigartig, wie Doris Kleck, stellvertretende Chefredaktorin und Co-Leiterin Inlandredaktion, der CH-Media-Redaktion auf Anfrage erklärt.
Schneller geht es auch bei SRF
Tiefgang und Tempo wollen alle bieten. Der Tages-Anzeiger rechnet damit, bereits zwischen 13.30 und 15 Uhr eine eigene Trendberechnung der Wähleranteile nach schweizweit 500 ausgezählten Gemeinden liefern zu können. Schneller geht es auch bei SRF. Kantonale Hochrechnungen und Resultate werden nicht mehr auf die volle und halbe Stunde gezeigt, sondern dann, wenn sie in der Sendung relevant sind. Die nationalen Hochrechnungen kommen wie schon vor vier Jahren auf die volle Stunde. Und auch Keystone-SDA drückt aufs Tempo. «Wir wollen schneller berichten als 2019, ohne an Genauigkeit zu verlieren, aber gleichzeitig auch mehr Orientierung und Mehrwert bieten», formuliert die Nachrichtenagentur den Anspruch für den Wahlsonntag. Last but not least, wenn es um Geschwindigkeit geht, will Watson ein Wörtchen mitreden. «Natürlich verschickt niemand schneller Push-Nachrichten als Watson», schreibt Chefredaktorin Nadine Sommerhalder.
Gerade die grösseren Redaktionen müssen ihr Angebot entlang der unterschiedlichen Vektoren differenzieren, die sie bespielen. Schweizer Radio und Fernsehen hat gegenüber der Wahlberichterstattung vor vier Jahren das publizistische Profil des Angebots online, im Radio und am Fernsehen geschärft. Online will SRF dieses Jahr noch mehr Orientierung durch Einschätzungen und optimierte Grafiken bieten. Das Radio solle noch mehr Emotionen und Stimmen vermitteln. Und das Fernsehen setze stärker auf publizistische Schwerpunkte sowie Gespräche mit Fachleuten, heisst es.
Routiniert im Mobile-First-Modus
Beim Tages-Anzeiger stellen sich ähnliche Fragen für die Vektoren Mobile, Print und Audio. Die Redaktion arbeite mittlerweile sehr routiniert im Mobile-First-Modus, «also konsequent digital», erklärt Chefredaktorin Raphaela Birrer. Anders als bei den Wahlen 2019 läuft die Printproduktion auf einer separaten Schiene mit einer Blattplanung vorab. «Am Sonntag wird Print weitestgehend autonom umgesetzt», so Birrer. Grösseres Gewicht erhalten die Podcasts. Zum einen am Wahltag selbst, zum anderen wird der Bundeshaus-Podcast Politbüro eine Woche nach den Wahlen an einem Live-Event vor Publikum Bilanz ziehen zu den Wahlen.
Bleibt schliesslich noch die Frage, wie es die Schweizer Medien bei der Wahlberichterstattung mit künstlicher Intelligenz KI und algorithmischem Journalismus («Roboterjournalismus») halten. Während eine Reihe von Redaktionen auf deren Einsatz komplett verzichtet, gibt es andere, die sehr weit gehen. Komplett darauf verzichten Nau.ch, Blue News, 20 Minuten, Watson, SRF und die elektronischen Medien von CH Media.
Führend beim Einsatz automatisierter Prozesse sind Keystone-SDA, NZZ und in etwas geringerem Mass als die anderen beiden auch der Tages-Anzeiger. Bei der nationalen Nachrichtenagentur kommt erneut Textroboter Lena zum Einsatz. 2019 lieferte Lena die Visualisierung der Gemeinderesultate. «Dieses Jahr haben wir das Angebot aber stark ausgebaut», teilt Keystone-SDA mit. Erstmals spiele die Automatisierung auch für den Basisdienst eine Rolle. «Ist ein Kanton ausgezählt, werden mit einem Klick Meldungen, Auswertungen und Visualisierungen für den Text-, Bild- und Grafikdienst ausgelöst», beschreibt die Nachrichtenagentur den Prozess. Diese Innovationen führten dazu, dass «wir spürbar schneller berichten können als in der Vergangenheit».
Lena arbeitet, Tobi hat frei
Was für Keystone-SDA Textroboter Lena, ist für den Tages-Anzeiger Tobi. Doch dieser Bot, der in der Vergangenheit bei Abstimmungen massgeschneiderte Texte für jede einzelne Gemeinde der Schweiz generiert hatte, kommt bei den nationalen Wahlen nicht zum Einsatz, dafür ein namenloser Prozess, der automatisch Grafiken generiert, personalisiert nach Wohngemeinde. Sogenannter Roboterjournalismus dient der Tagi-Redaktion zudem als Instrument für schnelle Datenanalysen. «Der echte Mehrwert unserer Berichterstattung liegt aber in unserer journalistischen Expertise, die weit über das hinausgeht, was Algorithmen leisten können», teilt Chefredaktorin Raphaela Birrer mit.
In vergleichbarem Mass wie die Tages-Anzeiger-Redaktion setzt man auch bei der Zentralredaktion von CH Media auf Automatisierung. Übersichten zu den Wahlergebnissen von Parteien und Kandidierenden sowie Texte zu den Resultaten in den Gemeinden werden automatisiert erstellt. «Diese werden mit Textvorlagen generiert, also nicht mit ChatGPT, und mit dazu passenden Grafiken für jede Gemeinde ergänzt», erklärt Doris Kleck, die stellvertretende Chefredaktorin.
Bei der NZZ wird das Datenteam personalisierte Artikel anbieten. «Mithilfe redaktioneller Textbausteine werden die Resultate für jede Gemeinde automatisiert beschreiben und eingeordnet», erklärt die NZZ auf Anfrage das Vorgehen. Zudem werde man am Wahlsonntag eine Hochrechnung publizieren, die mit Machine-Learning-Methoden lokale Resultate zu einem nationalen Trend hochrechnet. Die ausführliche Wahlberichterstattung der NZZ-Inlandredaktion und im Ressort Zürich komme aber ganz ohne KI und Algorithmen daher, versichert die Zürcher Zeitung.

