Die Medienbranche befindet sich in einer turbulenten Umbruchphase. Ein konjunkturell schwieriges Umfeld und eine strukturelle Krise zwingen die Branche zum Umdenken. Unter dem Titel "Schöne neue Medienwelt - ratlose Branche" lud die Zürcher Public Relations Gesellschaft (ZPRG) und der Zürcher Presseverein (ZPV) die Branche zum Communication Summit. Das Keynote-Referat durfte Mathias Müller von Blumencron halten. Der Journalist, der es vom Online-Chef zum Co-Leiter der "Spiegel"-Printausgabe gebracht hat, hielt zu Beginn seines Referates fest, dass auch nach 15 Jahren Interneteuphorie hochwertiger Journalismus immer noch auf Papier statt findet. Es gäbe genügend Erfolgsgeschichten ("Zeit", "Spiegel", "Economist"), die das beweisen.
Obwohl viele Zeitungen viel mehr Geld erwirtschaften als ihre Onlineprodukte, sieht der "Spiegel"-Chef die Medien in absehbarer Zeit vor eine neue Realität konfrontiert. Die digitale Welt verwebe sich Tag für Tag stärker mit der realen. Der Grossteil der Bevölkerung pflege inzwischen einen "digitalen Lebensstil". Ein Blick in die USA verdeutliche dies: Die Jugend würde sich pro Tag rund 7.5 Stunden mit elekronischen Medien beschäftigen. Und: Der Onlinebuchhändler Amazone habe im letzten Dezember mehr digitale als physische Bücher verkauft.
Wenngleich sich die Gesamtreichweiten dank Web erhöht haben und das Internet ein machtvoller Verstärker geworden sei, stimme die journalistische Mission und verlegerische Arithmetik bald nicht mehr. Die Businessmodelle stecken in einer Krise. Das Internet habe sich von einem Informationsmedium, der passive Nutzen stand bis vor kurzem noch im Vordergrund, zu einem leistungsfähigen Kommunikationsmedium gewandelt. Unter dem Motto "Ich poste also bin ich" wachse die sogenannte I-Generation Tag für Tag. Dabei verändere sich das Autoritätsgefühl der Medienkonsumenten. Die jeweiligen Communities seien heute mächtiger als das einzelne Medium.
Müller von Blumencron sieht im "gewaltige Gemurmel" im Netz, er bezog sich u.a. auf Facebook, eine grosse Gefahr für die Medienhäuser. "Was wir an Einfluss gewonnen haben, werden wir wieder verlieren, wenn wir nicht mitmachen", betonte der "Spiegel"-Chef. Die Kunst wird es sein, die Menschen mit relevanten Geschichten zu bedienen. Nichts sei schlimmer, wenn die Inhalte nicht zum "Küchenbrüller" würden, meint Müller von Blumencron. Damit meint der Journalist, dass man als Medium Inhalte so aufbereiten sollte, welche die Leser untereinander mit der Aufforderung "Musst du lesen" verschicken.
"Unsere Texte dürfen nicht an Relevanz verlieren", appellierte Müller von Blumencron. Mit Recherche und klugen Berichten müsse die Branche die Leser überzeugen. Die Medien müssen Debatten einheizen und die Leser müssten diese gestalten. Von Bezahlschranken und "Paid Content" hält der "Spiegel"-Chef wenig. Die Gesetzte der analogen Welt dürften nicht in die digitale kopiert werden, denn der Hypertext und die Vernetzung definieren das Internet.
Was Google betreffe, der Erzfeind vieler Verleger, so meinte Müller von Blumencron, müsse man einen partnerschaftlichen Weg gehen. Um an Relevanz zu gewinnen, müssten die eigenen Inhalte gut auf Google zu finden sein. Zudem sagte der "Spiegel"-Chef, dass die gedruckte Zeitung nicht gratis verteilt werden dürfe. Sie müsse im Gegenteil sogar teurer werden. Abschliessend machte Müller von Blumencron der Branche Mut: Obwohl die Zeiten der Traumrenditen vorbei seien, würden man in einer Zeit leben, die nach wie vor gehaltvollen Journalismus zulasse.
Was in der Panelrunde anschliessend diskutiert wurde, lesen Sie hier.

