Simona Boscardin, Sie haben das Crowdfunding-Ziel von 40'000 Franken vorzeitig erreicht. Wie fühlen Sie sich?
Ich fühle gerade alles gleichzeitig – Freude, Erleichterung, Dankbarkeit. Die letzten 72 Stunden waren unglaublich intensiv, da kamen nochmals über 10’000 Franken zusammen. Wenn man so ein Projekt startet, weiss man nie, ob es wirklich zündet, ob Leute bereit sind, dafür Geld auszugeben – vor allem junge. Dass genau diese Gruppe so stark mitgezogen hat, hat mich extrem berührt.
Waren Sie überrascht von der Resonanz?
Ich hatte gehofft, dass es Resonanz geben würde, aber dieses Ausmass hätte ich mir nie ausmalen können.
«Aufgeben kam für mich nie infrage»
Die Halbzeit des Crowdfundings bezeichneten Sie gegenüber persoenlich.com als «Tal der Tränen». Wie haben Sie diese Phase erlebt?
In der Mitte war es wirklich hart. Obwohl mir erfahrene Leute sagten, dass diese Durststrecke normal sei, kamen in mir natürlich Zweifel hoch. Ich habe extrem viel Arbeit reingesteckt und meine Anstellung dafür aufgegeben. In diesem Projekt steckt so viel von mir selbst drin – dann lassen einen solche Phasen nicht einfach kalt. Trotzdem habe ich nie aufgehört, daran zu glauben.
Was hat Ihnen den Mut gegeben weiterzumachen?
Aufgeben kam für mich nie infrage. Natürlich war das Crowdfunding auch ein Test: Gibt es wirklich Interesse an solchen Formaten? Das Ergebnis spricht für sich. Die Nachfrage ist da, laut und deutlich. Das zu erleben, war sehr bestärkend. Und sie gibt mir wahnsinnig viel Energie und Lust, jetzt richtig loszulegen und mutige, neue Inhalte zu produzieren.
Haben Sie eine Strategie entwickelt, um durch die zähen Phasen zu kommen?
Ich habe mich mit Menschen umgeben, die mir guttun, und bewusst den Fokus auf all die Rückmeldungen gelegt, die uns erreicht haben. Viele junge Menschen haben mir geschrieben, dass sie auf genau so etwas gewartet haben. Besonders berührt haben mich Nachrichten von jungen Medienschaffenden, die sagten, «On Fire» gebe ihnen Mut, sich nicht mit dem Status quo in der Branche abzufinden. Solche Nachrichten geben mir nicht nur viel, sondern machen mir auch klar, dass dieses Projekt gebraucht wird. Und dass es nicht nur mein Anliegen ist, sondern das vieler.
Das Geld soll zur Finanzierung für das journalistische Projekt «On Fire» eingesetzt werden. Das Projekt begann als Bachelorarbeit an der ZHdK in Koproduktion mit SRF. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Das Projekt lief über den «Pacte de l’audiovisuel». Die SRG unterstützt jährlich drei Bachelorarbeiten am Studiengang Cast / Audiovisual Media der ZHdK, und meine war eine davon. Später konnte ich eine ganze Staffel beim Commissioning Board einreichen, die aber aus Budgetgründen abgelehnt wurde. Trotzdem blieb der Kontakt über die Jahre bestehen. Ich schätze diesen Austausch sehr und fände es nach wie vor spannend, «On Fire» und die Formate, die wir damit planen, mit dem SRF weiterzudenken. Das Projekt hat sich weiterentwickelt und die Türen sind weiterhin offen.
«Viele junge Menschen interessieren sich sehr wohl für gesellschaftliche Themen»
Was war die ursprüngliche Vision vor zwei Jahren und wie hat sie sich entwickelt?
Vor zwei Jahren war es eine satirische Pilotfolge, inspiriert von Formaten wie John Olivers «Last Week Tonight» oder Jan Böhmermanns «Magazin Royal». Ich fand, der Schweiz fehlt ein Format in dieser Art. Besonders wichtig war mir damals, mehr Frauen in der Satire sichtbar zu machen, vor und hinter der Kamera. Inzwischen sind wir wieder näher am Journalismus, aber mit dem Anspruch, ihn unterhaltsam und anders zu erzählen. Viele junge Menschen interessieren sich sehr wohl für gesellschaftliche Themen, aber sie brauchen neue Zugänge. Genau da wollen wir ansetzen – mit einer Erzählweise, die das veränderte Mediennutzungsverhalten junger Menschen ernst nimmt.
Als erstes Format nannten Sie den Podcast «Zu hot für'd Tagesschau». Was macht ein Thema denn «zu hot für'd Tagesschau»? Können Sie Beispiele nennen?
Es geht weniger um die Themen selbst als darum, wie wir sie erzählen. Unser Podcast soll ein Newsformat sein, das sich nicht wie ein klassischer Newspodcast anhört. Wir wollen aktuelle Themen frecher und zugänglicher aufbereiten. Dies alles in einer Sprache, einem Ton und einer Ästhetik, die sich nach unserer Zielgruppe richtet. Für viele junge Menschen, die sich primär über soziale Medien informieren, wollen wir News verständlich herunterbrechen – mit Humor, Haltung und auf Augenhöhe.
«Wir möchten dazu beitragen, den Schweizer Journalismus für die junge Generation neu zu denken»
Jetzt, wo das Projekt zustande kommt – was ist Ihr allererster Schritt, dieses zu realisieren?
Zusammen mit Co-Host Linda Leuenberger und unserer Podcastproduzentin Laura Bachmann werden wir das Konzept finalisieren. Danach arbeiten wir an der visuellen Gestaltung, der Redaktion und nehmen eine erste Pilotfolge auf. Diese testen wir mit unserer Zielgruppe, werten das Feedback aus. Zuletzt starten wir nach dem Sommer mit «Zu hot für’d Tagesschau». Parallel bauen wir das grössere «On Fire»-Projekt weiter aus, sprechen mit Medienhäusern und Stiftungen. Denn wir haben noch sehr viel mehr vor.
Das nächste Ziel sind 120'000 Franken für eine komplette Videostaffel. Wie realistisch ist das nach diesem ersten Erfolg?
Ich bin sehr zuversichtlich. Wir haben mit dem ersten Crowdfunding gezeigt, dass junge Menschen bereit sind, in Journalismus zu investieren, wenn er sie wirklich anspricht. Jetzt liegt es an uns, abzuliefern und dieses Vertrauen zu bestätigen. Wenn der Podcast gut startet und unsere Community weiter wächst, sehe ich gute Chancen, auch die Videostaffel zu finanzieren. «On Fire» soll langfristig als Schirm für verschiedene journalistische Formate und Projekte stehen. Wir möchten aktiv dazu beitragen, den Schweizer Journalismus für die junge Generation neu zu denken – und ihn gemeinsam mit Medienhäusern und Institutionen weiterentwickeln, die genauso an seine Zukunft glauben wie wir.

