06.10.2014

20 Minuten

«Diese professionelle Demutsheuchelei ist mir auf Dauer zu anstrengend»

Seit Dienstag ist die neue App von 20 Minuten erhältlich. Für persoenlich.com ein Anlass, sich von Peter Wälty das aufgefrischte App-Konzept erklären zu lassen. Zudem spricht der Leiter Digitalentwicklung über seinen Wechsel vom Tagi zu 20 Minuten (oder von «Pjöngjang nach Las Vegas») und das News-Portal Watson, welches ihm fast alle Mitarbeiter abgeworben hat.
20 Minuten: «Diese professionelle Demutsheuchelei ist mir auf Dauer zu anstrengend»

Herr Wälty, 20 Minuten lanciert eine neue App. Salopp gefragt: Braucht das die Menschheit?
Letztes Jahr war ich ein paar Wochen auf den Antillen, unter anderem um mein Französisch aufzupolieren. In der Schule haben sie mich in eine Mädchenklasse gesetzt – lauter Deutschschweizer Gymnasiastinnen. Das war an sich nicht besonders störend. Ausser, dass diese permanent auf der 20-Minuten-App waren… Das war für sie so selbstverständlich wie der Blick auf die Armbanduhr.

Wieso hat 20 Minuten diese Bedeutung bei den Digital Natives?
"20 Minuten" hat zweifellos sehr vieles richtig gemacht. Aber das Markenkonzept ist gleichzeitig ein unglaublicher Glücksfall. Man war mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und das zwei Mal nacheinander, zwei Mal mobil. Erst mit der Pendlerzeitung, dann mit ihrer digitalen Variante – der News-App. Niemand konnte diese Entwicklung im Jahr 1999 vorhersehen.

Was kann die neue 20-Minuten-App denn mehr als die alte?
Nicht viel. In dieser Version jedenfalls. Wir sind vorsichtig.

Vorsichtig? Das Layout sieht völlig anders aus. Was sofort auffällt, ist, dass Sie eine neue Schrift gewählt haben.
Die alte Typo war ein Relikt aus der Zeit der strikten Trennung von Print und Online. Das wollten wir nicht mehr. Sie ist nun sehr ähnlich derjenigen, die im Print verwendet wird. Und sie ist wesentlich besser lesbar auf Smartphone-Screens. Das war entscheidend.

Also ein rein kosmetischer Brush-up?
Das mag zunächst mal so aussehen. Aber da ist schon eine grössere Idee dahinter: Die 20-Minuten-App spielt mit 2,4 Millionen Downloads in der Liga von WhatsApp und Facebook. Und die zentrale Frage war: Wollen wir unseren Nutzern tatsächlich nur Inhalte anzeigen? Haben sie vielleicht noch andere Bedürfnisse, die wir bedienen könnten?

Zum Beispiel …
Also, ich hatte in der ersten Arbeitswoche nach meiner Rückkehr zu "20 Minuten" ein Schlüsselerlebnis: Ich sass im Newsroom und schaute aufs Agenturentool, da kommen auch Leserbilder rein, die werden aber nicht als Bilder angezeigt, sondern als blau hinterlegte Text-Zeilen. Vor der Redaktionssitzung hatte es zwei, drei solcher blauer Zeilen. Nach der Redaktionssitzung hingegen war das gesamte Browserfenster blau. Bevor ich eins der Leserbilder aufmachte, fragte ich mal beim Kollegen nebenan nach, was eigentlich los sei. Der zeigte zum Fenster hin, Richtung Schlieren, wo eine mega Rauchsäule in der Luft hing. Leserbilder kriegt heute jeder, aber wir hatten in einer halben Stunde 120 zu einem einzigen Ereignis, nämlich zum Brand in Schlieren. 20 Minuten funktioniert in beide Richtungen, von uns zum Leser, aber auch vom Leser zu uns. Und diese einzigartige Ausgangssituation bildet den Denkansatz für das neue App-Konzept.

Sie wollen also mehr Leserbilder?
Es geht um die Haltung. Wir kriegen 5'000 Leserbilder im Monat, davon zeigen wir vielleicht 50. Dasselbe bei den Leserkommentaren. Wir kriegen täglich um die 5'000, aber nur deshalb, weil wir die Kommentarfunktion nach 24 Stunden schliessen. Würden wir das nicht tun, hätten wir doppelt so viele. Würden wir die Leute noch dazu ermuntern, untereinander zu diskutieren, wären es wohl viermal so viele. Tatsache ist: Die Leser wollen sich mitteilen, sie wollen sich uns mitteilen und sie wollen sich untereinander mitteilen. Also helfen wir ihnen dabei und führen uns nicht auf wie ein Haufen schlecht gelaunter Türsteher.

Aber Gatekeeping ist doch grade die Aufgabe der Journalisten ...
Journalismus ist traditionellerweise ein Geschäft der Selektion, ein Geschäft der Reduktion im Grunde. Paradoxerweise multipliziert sich aber Information in dem Moment, wo sie vermittelt wird. Sie ist also nie ein knappes Gut, jede Verknappung ist künstlich. Wieso sollten wir unsere Frontpage auf so und so viele Storys limitieren? Eine App ist ja keine Zeitung. Unser Ansatz heisst Gateopening. Die Frontpage der neuen App ist deshalb endlos. Das heisst, sie enthält tatsächlich jede Story, die jemals geschrieben worden ist. Und jede Bildstrecke enthält jede andere Bildstrecke, die jemals erstellt worden ist. Es gibt kaum Sackgassen in dieser App. Der Leser soll selber entscheiden, wann er genug gelesen und gesehen hat.

Infinite Scrolling ist jetzt aber auch nicht wirklich neu.
Ich sag ja, wir sind vorsichtig. In der App, die wir am 8. Oktober herausgeben, wird erst ein kleiner Teil des gesamten Konzepts umgesetzt. The Big One kommt voraussichtlich per Ende Q1 2015. Dort werden wir radikal neue Wege gehen. Wege, die sich auch vom Geschäft des Journalismus «as we know it» fortbewegen. Der Benutzer wird dabei eine sehr zentrale Rolle spielen.

Sie haben sich ja in letzter Zeit kritisch über den Wert von Social-Media-Plattformen geäussert. Nun setzen Sie selbst auf Social?
Ja. Aber wir werden das eben genau nicht an Facebook und Twitter delegieren. Das machen nur solche, die entweder keine Ahnung oder keine Wahl haben. 20 Minuten ist in der komfortablen Situation, bereits jetzt als sozialer Titel wahrgenommen zu werden. Und in diese Richtung solls gehen: Wir wollen unsere Wahrnehmung als Social-Media-Marke bewirtschaften.

Wie viel Entwicklungsarbeit steht hinter einer solchen App?
Kollege Mike Herter und ich haben die grobe Konzeptarbeit im Januar dieses Jahres abgeschlossen. Danach wurde sie dem Verwaltungsrat von Tamedia präsentiert und in die nächste Runde geschickt. Seit Frühling programmiert die Firma iAgentur mit einem dedizierten Team von sechs Leuten an der Software. Genauso unsere Back- und Frontendentwickler im Haus.

Sie sind jetzt ziemlich genau ein Jahr zurück bei 20 Minuten. Viele Leute haben sich gefragt, ob das wohl ein Abstieg sei. War es einer?
Meine alten Newsnet-Kollegen sehen das teils so. Die haben mich immer wieder schmunzelnd gefragt, wie es denn so sei bei 20 Minuten. Um sie zu ärgern, hab ich gesagt, sie hätten sich das ungefähr so vorzustellen, wie wenn man in Pjönjang in den Nachtzug einsteigt und in Las Vegas aufwacht (lacht).

War es tatsächlich so?
Natürlich nicht, es war in gewissen Bereichen eher wie Berlin im Mai 1945. Stellen Sie sich vor, 20 Minuten hat 40 Leute innerhalb von 12 Monaten verloren, die meisten von ihnen Onliner. In den ersten beiden Monaten als ich da war, kündigten 18 Leute…

… wegen Ihnen?
(lacht) Ich hoffe nicht! Jedenfalls hat das viel Online-Know-how weggespült. Da musste man einiges neu aufbauen. Aber ich habe auch etwas Einzigartiges angetroffen. Und das hat Chefredaktor Marco Boselli mit seinem Team umgesetzt. Diese Redaktion ist die einzige, die ich kenne, die das Adjektiv «vollkonvergent» verdient. Die Mitarbeiter stehen nämlich zur Konvergenz, die wollen das und handeln entsprechend. 20 Minuten ist nicht nur eine Newsroom-Konzept-Attrappe für Fans japanischer Architektur, sondern wir sind voll funktional im Tagesgeschäft. Über das reden wir leider viel zu wenig.

So toll kann das aber auch nicht gewesen sein. Fast alle der 40 Mitarbeiter gingen zu Watson. Was unternimmt 20 Minuten gegen Watson?
Das war neben «Wie gehts?» eine Zeit lang die mir am häufigsten gestellte Frage. Ich musste sie so oft beantworten, dass ich mir so Stehsatz-Phrasen ausgedacht habe. Zum Beispiel diese: «Fragen Sie doch mal Coca-Cola, was die tun würden, wenn Elmer Citro eine Brause mit Himbeer-Geschmack auf den Markt wirft.»

Das ist jetzt aber ziemlich überheblich …
Ach, diese professionelle Demutsheuchelei ist mir auf Dauer zu anstrengend. 20 Minuten ist nun mal ein grossartiger Brand und ich kann mich glücklich schätzen, dort zu arbeiten.

Geben Sie Watson eine Chance?
So viele Leute, die dort arbeiten, sind alte Weggefährten und gute Bekannte von mir, dass ich gar nicht anders kann, als denen viel Glück zu wünschen. Aber wissen Sie was? Vielleicht brauchen die gar kein Glück. Vielleicht sagt sich der Geldgeber ja: Das leiste ich mir jetzt einfach. Die Tageswoche funktioniert ja auch ohne echten Business Case.

Wie beurteilen Sie eine bereits andiskutierte Zusammenlegung der beiden Newsdesk-Redaktionen von 20 Minuten und Newsnet?
Was die Technik anbelangt, ist der Fall klar. Das macht total Sinn. Das hätten wir schon vor Jahren tun sollen. Auf der inhaltlichen Seite stellen sich jedoch schon ein paar Fragen mehr. Daran arbeiten wir derzeit.

Zur Glaubensfrage im Internet: Kann eine Paywall im Internet überhaupt funktionieren?
Der TA hat ja vor kurzem seine Abo-Zahlen bekannt gegeben. Die Frage ist, welcher Betrag nun dahintersteckt. Die Zahl, die ich gehört habe, ist ganz ordentlich. Aber die Frage ist auch, welchen Preis man für diesen Betrag auf der Traffic-Seite bezahlt hat.

Wo steht 20 Minuten in fünf Jahren? Gibt es dann noch eine Printausgabe?
Absolut keine Frage bei 20 Minuten. Für andere wird es in den nächsten fünf Jahren möglicherweise eng. Denn ich fürchte, dass das, was wir bis jetzt erlebt haben, erst der Anfang ist. Das kommt noch viel schlimmer.

Welche Schlagzeile wünschen Sie sich als nächstes auf 20 Minuten?
Wenn das eine verkappte Frage nach Hoffnungen oder Sorgen ist, kann ich Ihnen das auch so verraten. Die geopolitische Situation finde ich gegenwärtig höchst beunruhigend, man hat das Gefühl, weite Teile der Erde seien vollkommen aus den Fugen. Nicht das Gedankengut der Aufklärung scheint auf dem Siegeszug, sondern bizarr-archaische Weltbilder. Wer hätte schon gedacht, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts im Internet Videos mit Enthauptungen von Journalisten, Entwicklungshelfern und Bergführern kursieren? Oder Kinder, die die Köpfe der Enthaupteten lachend in die Kamera halten. Das Ganze hat was Albtraumhaftes.

Interview: Matthias Ackeret, Bild: zVg


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