05.11.2026

Tamedia

Eine Stunde Stillstand auf den Redaktionen

Am Donnerstagvormittag haben Tamedia-Mitarbeitende in der ganzen Schweiz gestreikt. Sie legten wegen 41 ausgesprochener Kündigungen die Arbeit nieder. Der Verleger bot kurz vor Streikbeginn ein Gespräch an, die Belegschaft hält an ihren Forderungen fest.
Tamedia: Eine Stunde Stillstand auf den Redaktionen
Löcher in der Zeitung als Symbol für die Lücken in den Redaktionen: Warnstreik vor dem Tamedia-Hauptsitz in Zürich. (Bilder: persoenlich.com/cbe)

In Zürich versammelten sich rund 150 Mitarbeitende und Unterstützer um 11 Uhr vor dem Hauptsitz von Tamedia an der Werdstrasse. Die Gewerkschaften unterstützten die Aktion. Auch in Bern, Lausanne und Genf verliessen Journalistinnen und Journalisten die Gebäude. Aus Bern, Basel, Genf und Lausanne sowie von Korrespondentinnen und Korrespondenten waren Mitarbeitende per Video nach Zürich zugeschaltet.

Beschlossen hatte die Belegschaft den Warnstreik am Dienstag an einer Versammlung, mit 105 zu 19 Stimmen bei 27 Enthaltungen (persoenlich.com berichtete). Gleichzeitig sprach sie der Geschäftsleitung mit 124 zu 7 Stimmen bei 15 Enthaltungen das Misstrauen aus. Bereits am 20. Oktober hatten gegen 400 Personen vor dem Hauptsitz der TX Group gegen den Abbau protestiert. Die Geschäftsleitung hielt trotzdem an den Kündigungen fest.

In Zürich, wo persoenlich.com einen Augenschein nahm, ergriffen am Donnerstag Mitarbeitende aus Redaktion und Produktion das Wort. Sie wiesen darauf hin, dass auch Kolleginnen und Kollegen gekommen seien, die gegen den Streik gestimmt hatten. Diese seien aus Solidarität mit den entlassenen «Gspänli» da und weil sie sich grosse Sorgen um den «Tagi» und um den Journalismus machten. Unter den Anwesenden befanden sich auch einige der 41 Gekündigten. Zudem zeigten Aussenstehende ihre Unterstützung, darunter etwa der Komiker und Regisseur Patrick «Karpi» Karpiczenko.

Gesprächsangebot des Verlegers

Der Warnstreik soll ein Zeichen an Geschäftsleitung und Verwaltungsrat sein. Die Belegschaft hält an ihren fünf Forderungen fest. Konkret verlangt sie die Rücknahme aller im Oktober ausgesprochenen Kündigungen, ein ordentliches Konsultationsverfahren, einen Kündigungsstopp für die nächsten zwei Jahre sowie noch in diesem Monat eine grosse Mitarbeiterversammlung mit TX-Verleger Pietro Supino. Für die Zukunft fordert sie Verhandlungen über einen Firmen-GAV, der schon ab fünf Entlassungen ein Konsultationsverfahren und ein Freiwilligenprogramm vorsieht.

Wenige Minuten vor Streikbeginn sei eine Mail von Supino eingegangen, in der er ein Gespräch anbiete, gab ein Redaktionsmitglied bekannt. «Wir wissen dieses Angebot zu schätzen.» Interessierte könnten sich bei der Personalkommission melden. Es sei ein «schönes Entgegenkommen», doch die Belegschaft sei noch immer nicht zufrieden damit, «wie das hier läuft und was hier passiert mit uns und unseren Kollegen». Deshalb wiederhole man die Forderungen nun «mit noch grösserer Dringlichkeit».

Die Art und Weise, wie die jüngste Kündigungswelle umgesetzt worden sei, habe die Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit «schwer beschädigt». Man sei aber weiterhin an einem «aufrichtigen Dialog» mit Geschäftsleitung und Verleger interessiert. «Kündigungen und stetige Abbaurunden sind keine Zukunftsvision für den Qualitätsjournalismus, zu dem sich Tamedia bekennt», sagte ein Mitarbeiter. Organisiert wurde der Streik zusammen mit der Gewerkschaft Syndicom und dem Berufsverband Impressum.

Auch die Personalkommission von Tamedia meldete sich zu Wort. Der erneute Stellenabbau habe die Belegschaft «zutiefst verunsichert und verärgert», schrieb sie in einer Stellungnahme. Die Peko fordert Geschäftsleitung und Verwaltungsrat dringend auf, Verhandlungen über die Forderungen der Belegschaft aufzunehmen.

Zeitungen mit Löchern

Vor Ort hingen Zeitungen mit herausgeschnittenen Löchern an einer Leine. Sie sollten zeigen, «was die Chefetage für Löcher in diese Redaktion gerissen hat», wie ein Mitarbeiter erklärte. «Wir sind immer weniger, und darum sind wir hier, weil wir es nicht mehr hinnehmen.» Mit Zeitungspapier, Stiften und Cuttern konnten die Streikenden während der Stunde eigene Botschaften gestalten. Auf Plakaten stand etwa «Journalismus statt KI», «noch hässiger» oder «Wir fordern eine Zukunftsperspektive». Dazu gab es Kaffee, Tee und Gipfeli.

Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin Syndicom und Leiterin Sektor Medien, versicherte den Anwesenden: «Ihr seid nicht allein.» Auch die Personalkommission von Keystone-SDA habe am Vorabend eine Solidaritätsbotschaft geschickt. Der Arbeitskonflikt bei Tamedia «geht die ganze Medienbranche an». Ziel sei, dass die Forderungen des Personals endlich ernsthaft gehört würden und dass nicht nur Gespräche stattfänden, «sondern auf Augenhöhe Gespräche und Verhandlungen». Die hohe Zustimmung zum Streik wertete sie als Zeichen des Zusammenhalts.

Ebenfalls vor Ort war Michael Burkard, Co-Geschäftsleiter von Impressum. «Eine Zukunft für den Qualitätsjournalismus entsteht nicht durch immer neue Abbaurunden, sondern durch verlässliche Arbeitsbedingungen und den Dialog mit den Redaktionen», lässt er sich in einer gemeinsamen Mitteilung mit Syndicom zitieren.

Protest in Bern und der Romandie

In Bern hörte ein grosser Teil der Redaktion die Reden aus Zürich per Liveschaltung mit und fertigte im Anschluss Transparente an. Mit diesen versammelten sich die Mitarbeitenden danach auf dem Bubenbergplatz vor dem Redaktionsgebäude. Gefordert wurde etwa «Menschen statt Margen», «IQ statt KI» oder «Stopp dem Ausverkauf des Journalismus». Auf einem Transparent stand: «Ihr zählt die Millionen, wir die Entlassenen.»

In Lausanne gingen rund 60 Personen vor das Redaktionsgebäude, in Genf waren es etwa 30. In Lausanne mischten sich auch die Waadtländer Staatsrätinnen Nuria Gorrite (SP) und Isabelle Moret (FDP) unter die Streikenden. Auf Plakaten stand etwa «Zur Inkompetenz gesellt sich Brutalität» oder «Tamedia tötet eure Medien». In einem Schreiben prangerten die Westschweizer Mitarbeitenden unter anderem zwei Entlassungen an, die sie als missbräuchlich empfinden. Die Entlassungen schafften ein Klima der Angst, die Situation sei inakzeptabel.

Trillerpfeifen zum Schluss

In Zürich ergriff Vonarburg kurz vor 12 Uhr nochmals das Wort. Wie es weitergehe, hänge stark davon ab, ob die Leitung ernsthafte Verhandlungen aufnehme. Syndicom und Impressum stünden an der Seite der Belegschaft, «was auch immer ihr entscheidet». «Der Kampf ist nicht fertig», sagte sie und verwies auf eine branchenweite Kundgebung gegen Medienabbau am 21. November um 15 Uhr in Bern unter dem Motto «Journalismus retten – Demokratie verteidigen». Die Belegschaft will zudem zeitnah an einer weiteren Versammlung über die nächsten Schritte entscheiden.

Man habe die Forderungen nochmals mit Nachdruck vorgetragen, so ein Mitarbeiter, «jetzt müssen wir auf die Antwort des Unternehmens warten». Dann endete der Streik mit einem ohrenbetäubenden Trillerpfeifenkonzert, das der Geschäftsleitung und dem Verleger «auf die Sprünge helfen» sollte.



Ergänzt mit Material der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.


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