Die Radioschule Radial hat mit dem Unterricht gestartet. Wie viele Kurse wurden bereits durchgeführt und wie viele Personen haben insgesamt teilgenommen?
Die Radioschule Radial führt seit Januar Kurse durch, während die Schule noch im Aufbau war. Das war für Luca Moser und mich von der Geschäftsstelle eine grosse Herausforderung, ganz nach dem Motto: «Building an airplane while flying it». Von Januar bis Ende Mai fanden 17 Kurse, teils mehrtägig, statt. Sie waren verteilt in Aarau (Kanal K), Bern (RaBe) oder Zürich (LoRa). Daran haben 98 Personen teilgenommen. Für das zweite Halbjahr sind rund 30 weitere Kurse geplant. Gleichzeitig treiben wir den Aufbau unseres Angebots in Genf voran.
Die Schule wird von einer Genossenschaft getragen, die von unabhängigen Radios gegründet wurde. Was motivierte diese Radios zu diesem Schritt?
Nach der Schliessung der Radioschule Klipp+Klang bestand kein Angebot mehr, um die Radiomachenden bei den komplementären Radios aus- und weiterzubilden. Für die Programmqualität der Radios ist Aus- und Weiterbildung jedoch unverzichtbar. Nach dem Aufbau dieses Grundangebots werden wir andere Tätigkeitsfelder erschliessen – das braucht aber noch ein bisschen Zeit. Über allem steht das Ziel, den Zugang zu gutem Journalismus für alle zu ermöglichen. Gerade in Zeiten von Fake News oder KI-generierten Informationen.
Was unterscheidet die Ausbildung bei Radial von den anderen Journalismus-Lehrgängen?
Viele journalistische Karrieren haben in einem komplementären Radio begonnen, die Liste derer wäre lang. Dieser Weg ist beinahe ein Klassiker, nebst Ringier-Schule, dem trimedialen Lehrgang bei CH Media oder beim MAZ. Um dort in den Genuss einer Ausbildung zu kommen, muss man eine Anstellung vorweisen oder genug finanzielle Mittel haben, um in Vollzeit den Lehrgang besuchen zu können. Im komplementären Radio anzufangen bedingt keine Matur, kein langes Studium und keinen finanziellen Aufwand. Den theoretischen Input hat früher die Radioschule Klipp+Klang abgedeckt und heute wir. Unser Angebot orientiert sich deshalb in erster Linie an den Bedürfnissen der komplementären Radios, die unsere Genossenschaft tragen.
«Wir haben keine hohen Mietkosten und keine aufgeblähte Organisation mit entsprechend hohen Lohnkosten»
Was ist das Profil der Leute, die den Grundkurs besuchen und was erhoffen sie sich von der Ausbildung?
Die Kursteilnehmer:innen arbeiten meistens nicht im Journalismus, sie möchten eine eigene Sendung in einem komplementären Radio machen oder einen guten Podcast produzieren. Die Praktikant:innen hingegen streben einen Weg in Journalismus, Publizistik oder vermehrt nun auch in Multi-Media-Production an. Letzterer verlangt ein mehrmonatiges Praktikum vor dem Studium. Viele unserer Kurse sind so ausgerichtet, dass zum Beispiel Print-Journalist:innen eine Vertiefung in Recherche oder Medienethik besuchen können, einfach, um wieder à jour zu sein.
Journalismus steckt in einer Krise. Die Ausbildungsstätten wie das MAZ haben es auch nicht leicht. Die Radioschule Klipp+Klang, die Sie erwähnt haben, ist vor zwei Jahren Konkurs gegangen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es mit Radial klappt?
Gerade weil der professionelle Journalismus in einer Krise steckt, sehen wir eine grosse Notwendigkeit und auch grosses Potenzial in der Schulung von journalistischem Wissen. Bei ausser- wie auch nebenberuflich tätigen Medienschaffenden. Die Struktur von Radial ist der Schlüssel für das Gelingen, meiner Meinung nach. Wir sind schlank aufgestellt, die Geschäftsstelle ist aktuell mit 70 Stellenprozent bestückt, verteilt auf zwei Personen, und ist in den Strukturen von Radio RaBe integriert. Das heisst, wir haben keine hohen Mietkosten für Schulungsräume und keine aufgeblähte Organisation mit entsprechend hohen Lohnkosten. Der finanzielle Druck ist also aushaltbar. Das Kursprogramm richtet sich – wie gesagt – nach den Bedürfnissen und Wünschen unserer Genossenschafter:innen und wird in den Räumen unserer Genossenschaftsradios durchgeführt. Und weil Radial so klein ist, können wir schnell auf einen Wunsch reagieren und ihn möglich machen. Die rund 40 Kursleiter:innen sind alle hochmotiviert und sehr engagiert. Ohne sie alle wären wir nie so weit gekommen.
Bei Radial kostet ein Tageskurs 150 Franken. Der dreitägige Grundkurs kostet 450 Franken. Wie schaffen Sie es, solch tiefe Preise anzubieten?
Wir haben das Privileg, vom Bund, der Stiftung für Medienvielfalt und der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft unterstützt zu werden. Diese Unterstützung ermöglicht es uns, die Kurskosten bewusst tief zu halten und damit den Zugang zur Ausbildung möglichst breit zu öffnen.
Mit den tiefen Preisen soll die Ausbildung für alle zugänglich sein. Viele Jobs in der Branche gibt es aber nicht. Ist das nicht ein Widerspruch?
Journalismus findet heutzutage nicht nur «in der Branche» statt. Denken Sie an die Blogger:innen, Podcaster:innen und YouTuber:innen etc. Wir sind überzeugt, dass bei ihnen eine journalistische Ausbildung sehr viel zur handwerklichen, aber auch inhaltlichen Qualität ihrer Erzeugnisse beitragen kann. Und jene, die – noch – in der Branche arbeiten, brauchen auch immer wieder Weiterbildungen, gerade im digitalen Bereich. Hier können wir Unterstützung anbieten. Wenn ich den Bogen zu unseren Genossenschaftsradios schlage: Die allermeisten unserer Teilnehmenden zielen nicht auf eine journalistische Karriere im klassischen Sinn ab. Sie möchten gute Radiosendungen oder Podcasts produzieren, mit der nötigen, journalistischen Sorgfalt. Auch eine Musiksendung bringt zwischendurch Interviews. Es ist dann von Vorteil, wenn das Gespräch fair, spannend und unterhaltsam ist. Nach allen Regeln der Kunst eben.
«Die Demokratisierung der Medienlandschaft durch Social Media grundsätzlich zu befürworten»
Richtet sich die Ausbildung also auch an Personen, die Content Creators werden möchten?
Bisher haben wir keine Kurse für diese Zielgruppe im Angebot, es ist jedoch etwas in Planung. Bis dahin finden Content Creators in unserem bestehenden Programm bereits das eine oder andere Angebot, das für sie spannend sein dürfte. Und falls jemand selbst einen solchen Kurs leiten möchte: einfach bei uns melden.
Im Ausland wird zur Zeit über die Content Creators debattiert. Traditionelle Medien sehen diese Konkurrenz als Gefahr. Wie sehen Sie diese neuartigen Berichterstatter?
Die Privatradios waren vor über 40 Jahren auch eine Gefahr für das Radio DRS und mussten in der Illegalität beginnen. Das Neue wirkt auf die Etablierten naturgemäss bedrohlich. Sollen wir jetzt die Köpfe in den Sand stecken und jammern oder hinhören, hinschauen und mitgestalten? Die komplementären Radios waren das «Social Media», bevor es das Internet gab. Es war ihre Vision, die Verhältnisse umzudrehen und das Volk an die Mikrofone zu lassen statt nur die etablierten Medien mit ihren etablierten Gästen. So gesehen ist die Demokratisierung der Medienlandschaft durch Social Media grundsätzlich zu befürworten. Als Bildungsstätte können wir die Perlen aus dem Content-Sumpf finden, heraufholen und sie als gutes Beispiel in unseren Kursen vorstellen, jedes Jahr an mehrere hundert Personen. Wenn wir dann ein Angebot gezielt für Content-Creators aufbauen, kommt für uns auch noch der Punkt hinzu, dass die Plattformanbindung der Contents an ganz wenige US-Techkonzerne gebunden ist. Das ist sehr bedenklich. Die nicht-kommerziellen Plattformen im Fediverse bilden eine wichtige Alternative. Und hier wären wir wieder: die etablierten (US)-Giganten und das – gefährliche – Neue (schmunzelt).

