28.05.2026

KI im Newsroom

Medienhäuser ringen um richtige Transparenz

Wann müssen Redaktionen deklarieren, dass KI an einem Text mitgeschrieben hat? An einem Webinar vom Donnerstag zeigte sich: Die Antwort ist einfacher, als man denkt – solange KI vollautomatisch produziert. Sobald der Mensch mitschreibt, wird es kompliziert.
KI im Newsroom: Medienhäuser ringen um richtige Transparenz
Diskutierten die Frage «Wie transparent müssen Medien im Umgang mit KI sein?»: (oben v.l.) Reto Vogt, Philip Kübler, Nadia Kohler, (unten v.l.) Thomas Benkö, Stefan Trachsel und Barnaby Skinner. (Bild: Screenshot)

Auf dem virtuellen Panel vom Donnerstag sassen Nadia Kohler, Director AI & Data bei Tamedia, Barnaby Skinner, stellvertretender Chefredaktor der NZZ, Thomas Benkö, AI Innovation Lead im Newsroom von Blick, Stefan Trachsel, Head of AI Transformation bei CH Media, sowie Rechtsanwalt Philip Kübler, CEO von Pro Litteris. Moderiert hat Reto Vogt, Journalist und Chief Product Officer beim MAZ, der die Veranstaltung zusammen mit der Initiative aiLights organisiert hatte.

Vogt eröffnete die Runde mit zwei konkreten Szenarien. Erstes Szenario: Eine Journalistin bekommt eine Medienmitteilung, lässt sie von KI umschreiben, entfernt alle Superlative und prüft jeden Fakt. Label oder kein Label? Die Antwort fiel deutlich aus: kein Label. Zweites Szenario: Ein Chefredaktor lässt kurz vor Redaktionsschluss ein Interview per KI für die Frontseite zusammenfassen – der zuständige Journalist ist bereits im Feierabend. Die Mehrheit sah kein Label als nötig an – Skinner betonte jedoch, dass die NZZ dieses Szenario nicht anwenden würde. Und falls doch: Label.

Die Runde war sich einig, dass erst dort deklariert werden muss, wo KI einen Text vollautomatisch – ohne wesentlichen menschlichen Eingriff – produziert. Das betrifft etwa Spielzusammenfassungen, Gemeindeinformationen oder automatische Kurzzusammenfassungen von Artikeln. Ebenso werden KI-generierte Bilder und Chatbot-Interaktionen mit Leserinnen und Lesern ausgewiesen.

Das Paradox aus Leserbefragungen

Keine Einigkeit herrschte darüber, ob auch der substanzielle Einsatz von KI als Schreibhilfe deklariert werden müsste. Kohler verwies auf ein Paradox aus Leserbefragungen: Sobald ein Text als KI-unterstützt bezeichnet wird, sinkt das Vertrauen – selbst wenn ein Mensch jeden Satz geprüft hat. Trachsel und Benkö betonten die Verantwortung des Journalisten als Leitprinzip: Wer seinen Namen unter einen Text setzt, steht dafür gerade – unabhängig vom eingesetzten Werkzeug. Skinner ergänzte, dass bei seiner Leserschaft die Erwartung klar sei: Jeder Inhalt beginne beim Menschen und ende beim Menschen.

Kübler mahnte, dass diese Haltung zwar pragmatisch, aber nicht hinreichend sei. Er plädierte für strukturelle Massnahmen auf Branchenebene und kritisierte den bestehenden Presserat-Leitfaden als zu defensiv und zu ungenau: Er empfehle, KI lediglich «zurückhaltend» einzusetzen, und lasse zentrale Begriffe wie «Sorgfalt» und «Verantwortung» ungeklärt. Auch der neue Branchenkodex des Verlegerverbands Schweizer Medien bewertete er als nützliche, aber rasch überholte Grundlage.

Am Ende zeigten sich die Diskutierenden gespalten: Die Newsroom-Vertreter blickten mehrheitlich optimistisch auf die KI-Integration, Kübler leicht pessimistisch. Vogt fasste die Stimmung treffend zusammen: Erst wer die Risiken verstehe, könne die Chancen nutzen – und das gelte für Journalistinnen wie Leserinnen gleichermassen. (cbe)


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