01.05.2026

SRG

Mehr Profil, mehr Publikum

Das Kulturradio von RSI bietet weiterhin ein wortlastiges Vollprogramm. Rete Due erreicht damit konstant eine breitere Nutzung als SRF 2 Kultur und auch Espace 2, die beide auf Durchhörbarkeit getrimmt wurden.
SRG: Mehr Profil, mehr Publikum
Das zweite Programm des Tessiner Radios bietet weiterhin ein Vollprogramm. (Bild: Keystone/Ti-Press/Elia Bianchi)

Dem Deutschschweizer Radioprogramm von SRF 2 Kultur soll es an den Kragen gehen. Das berichtete jüngst der SonntagsBlick. Der Sender solle abgeschafft, respektive in ein nationales Kulturprogramm mit sprachregionalen Fenstern umgeformt werden. Die SRG dementiert die Pläne nicht. Aufgrund der Hörerverluste der vergangenen Jahre gibt es Pläne, «das Angebot stärker am Nutzungsverhalten auszurichten.»

Wortsendungen als Störung

Offenbar hat die Umgestaltung des Programms hin zu einer besseren Durchhörbarkeit einen Teil des Publikums vergrault – und keine neuen Hörer dazugewonnen. Längere Sendungen wie «Kontext», «52 beste Bücher» oder «Wissenschaftsmagazin» wurden gestrichen. Generell gibt es nur noch kürzere Wortbeiträge. Das Publikum nutze heute das Radio vor allem als Begleitmedium. Längere Wortsendungen empfände es deshalb als Störung, begründeten die Verantwortlichen den Umbau des Kultursenders.

Dass die Ausrichtung des Programms an den vermeintlichen Publikumsbedürfnissen zu weiteren Hörerverlusten führte, überraschte Kritiker nicht. Sie sahen darin die Gleichung bestätigt: weniger Profil gleich weniger Publikum. Wenn das zutrifft, dann müsste auch das Gegenteil gelten, wonach ein profilierteres Angebot mehr Hörer erreicht.

Einen Hinweis darauf, dass das zutreffen könnte, liefert Rete Due. Das zweite Radioprogramm von RSI erreichte in seinem Sendegebiet in den letzten Jahren konstant eine breitere Nutzung als SRF 2 Kultur und Espace 2.

Wenig Wort in der Westschweiz

Der aktuelle SRG-Geschäftsbericht für 2025 zeigt die unterschiedlichen Profile der drei Kulturradios. Bei Rete Due hielten sich im vergangenen Jahr Wort und Musik ziemlich genau die Waage. Espace 2 dagegen kommt noch auf einen Wortanteil von gut 20 Prozent. SRF 2 Kultur liegt dazwischen mit knapp 40 Prozent Wortanteil.

Rete Due bietet weiterhin ein Vollprogramm, wie man es den Schwesterprogrammen in Deutsch- und Westschweiz ausgetrieben hat. Das gleiche Schicksal hatte dem Tessiner Sender ebenfalls gedroht. Vor fünf Jahren wollten die Verantwortlichen den Kultursender zu einem Musikanal umbauen nach dem Vorbild von Espace 2. Nach breitem Protest gegen die Pläne verzichtet RSI auf den radikalen Schritt. So sendet Rete Due auch 2025 mehrere Stunden pro Woche Beiträge zu Literatur, Film, Bildenden Künsten und Wissenschaft. Zudem bietet der Sender ein stilistisch breit gefächertes Musikprogramm.

Dreimal besserer Wert im Tessin als in der Romandie

Dieses Profil zahlt sich auf dem Hörermarkt aus. Mit einer Reichweite von 3,55 Prozent liegt der Wert des Tessiner Senders zwar auch auf tiefem Niveau, aber fast drei Mal höher als jener von Espace 2 in der Westschweiz (1,16 Prozent). Radio SRF 2 Kultur liegt mit 2,25 Prozent dazwischen. Einen starken Einbruch verzeichneten alle drei Programme nach der UKW-Abschaltung Ende 2024. Ob die angekündigte Rückkehr der SRG zur analogen Programmverbreitung diese Werte wieder verbessern wird, hängt zuerst einmal davon ab, ob die zweiten Radioprogramme überhaupt wieder aufgeschaltet werden.

Ob die Tessiner Ausnahme die «Enavant»-Reform der SRG überleben wird, ist höchst ungewiss. Im Sog der jüngst bekannt gewordenen Gedankenspiele zu einem einzigen nationalen Kulturkanal mit regionalen Fenstern, wäre Rete Due in seiner heutigen Form Geschichte.

Korrekturhinweis:
In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hiess es, «Passage» von Radio SRF 2 Kultur sei wie andere Sendungen in den letzten Jahren eingestellt worden. Das stimmt nicht. Die Sendung wird weiterhin produziert und im Radio ausgestrahlt und als Podcast bereitgestellt.


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KOMMENTARE

Hans Fischer
04.05.2026 10:53 Uhr
Bei Rete 2 wird wie auch bei den meisten italenischsprachigen Sendern viel mehr moderiert, was wohl den höheren Wortanteil erklärt und hat wohl auch weniger Konkurrenz..