Monsieur Favre, warum fokussiert lematin.ch neu auf Meinungsformate? Davon gibt es doch auf Social Media schon sehr viel.
Gerade weil Social Media keine redaktionellen Räume sind. Der grundlegende Unterschied liegt in der professionellen Einbettung der Debatte. Die auf lematin.ch veröffentlichten Beiträge unterliegen einer Identitätsprüfung der Autorinnen und Autoren sowie klar definierten Publikationsregeln. Ziel ist es, ein Umfeld zu bieten, in dem Meinungen verantwortungsvoll vertreten und begründet werden.
Ist dieser Entscheid finanziell motiviert? Meinungsbeiträge kosten weniger als aufwendige Recherchen.
Nein. Auch eine qualitativ hochwertige «Opinion» erfordert im Hintergrund einen erheblichen Aufwand: die Überprüfung der Autorinnen und Autoren, die Kontrolle der Inhalte, den Austausch mit den Beitragenden, die Anpassung an digitale Formate und die redaktionelle Freigabe. All das verursacht Kosten. Zudem ersetzt die neue Rubrik die Information nicht, sie ist ein zusätzliches redaktionelles Angebot.
Warum haben Sie Roger Köppel als Kolumnisten gewählt?
Unser Ansatz besteht gerade darin, unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander bestehen zu lassen. Pluralismus beruht auf der Vielfalt der veröffentlichten Stimmen – mal übereinstimmend, mal widersprüchlich. Roger Köppel gehört zu den Persönlichkeiten, die zur öffentlichen Debatte beitragen können, ebenso wie andere Autorinnen und Autoren mit sehr unterschiedlichen Hintergründen.
Welche Angebote verschwinden mit dieser Neupositionierung?
Kein Informationsangebot wird abgeschafft. Die Neupositionierung besteht darin, einen Bereich zu stärken, der historisch zur DNA von Le Matin gehört: Meinungen, Kolumnen und Stellungnahmen. Die aktuelle Berichterstattung bleibt ein zentraler Bestandteil des Angebots.
Sprechen lematin.ch und 20min.ch/fr unterschiedliche Zielgruppen an?
Die beiden Marken bleiben komplementär. 20 Minutes behält seinen Fokus als allgemeines Nachrichtenmedium und hält sich strikt an die Prinzipien journalistischer Neutralität. lematin.ch positioniert sich stärker als Plattform für Analysen, Kommentare und Debatten. Die neue Rubrik soll diese Differenzierung zwischen den beiden Marken weiter schärfen.
Hat sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden Marken durch die Neupositionierung verändert?
Die Zusammenarbeit bleibt eng, insbesondere bei der Berichterstattung über aktuelle Ereignisse. Die Neupositionierung stellt diese Kooperation nicht infrage. Sie ermöglicht es vielmehr jeder Marke, ihre jeweilige Besonderheit stärker hervorzuheben.
Hat die Neupositionierung zu weiteren Stellenstreichungen geführt?
Nein, im Gegenteil: Wir haben das Team im Juni sogar um eine zusätzliche Stelle verstärkt.
lematin.ch hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich an Reichweite und Besuchen verloren. Was ist das Ziel der Neupositionierung?
Das erste Ziel ist, das Engagement der Nutzerinnen und Nutzer zu erhöhen, indem wir eine Community rund um Ideen und Debatten aufbauen. Die Auswirkungen auf die Reichweite werden sich in einem zweiten Schritt zeigen. Wir sind überzeugt, dass persönlichere und interaktivere Inhalte die Attraktivität der Plattform langfristig stärken.
Wie lange beabsichtigt die TX Group, die Marke lematin.ch weiterzuführen?
Die Lancierung dieser neuen Rubrik und die damit verbundenen Investitionen zeigen gerade den Willen, die Marke lematin.ch weiterzuentwickeln und ihre eigenständige Identität in der Medienlandschaft der Suisse romande zu stärken.


