Im August 2024 kündigte Tamedia an, ihre Druckerei in Zürich per Ende 2026 zu schliessen. Der Entscheid zog Kreise über die Unternehmensgrenze und das Druckgeschäft hinaus. Als direkte Folge der Schliessung verliert Tamedia den Mantelauftrag eines langjährigen Kunden. Ein Vorgang, der sich danach bei CH Media wiederholt. Sowohl die Zürcher Oberland Medien (ZO) mit ihren Zeitungen Zürcher Oberländer und Anzeiger von Uster als auch Galledia mit dem Rheintaler und der Rheintalischen Volkszeitung beziehen ihre überregionalen Zeitungsseiten künftig bei Keystone-SDA und nicht mehr bei ihren langjährigen Lieferanten Tamedia, respektive CH Media (persoenlich.com berichtete). Dazu hätte es nicht kommen müssen. Beide Medienhäuser waren mit dem Mantellieferanten zufrieden und wollten eigentlich weiter mit dem langjährigen Geschäftspartner zusammenarbeiten.
«Pflegen weiterhin sehr gute Zusammenarbeit mit Tamedia»
«Wir haben die Chance für etwas Neues gepackt», sagt Ralph Brechlin, CEO der Zürcher Oberland Medien. Nach der Ankündigung, dass Tamedia das Druckzentrum Bubenberg in Zürich schliessen wird, machte sich Brechlin auf die Suche nach einer neuen Druckerei – und fand sie bei der Somedia Partner AG in Haag im St. Galler Rheintal. Dort müssen der Zürcher Oberländer und der Anzeiger von Uster ihre Seiten bereits vor 19 Uhr anliefern. Das ist deutlich früher als heute bei Tamedia. Nach einer erfolglosen Suche nach Lösungen mit Tamedia entschied man sich für einen neuen Lieferanten für die Mantelseiten. «Wir pflegen weiterhin eine sehr gute Zusammenarbeit mit Tamedia», betont Ralph Brechlin von ZO-Medien im Gespräch mit persoenlich.com. Bei Tamedia bedauert man das Ende der langjährigen Zusammenarbeit, gibt sich aber gelassen: «Ein solches Szenario gehört natürlich auch immer zu einer guten unternehmerischen Planung, sowohl wirtschaftlich als auch publizistisch», teilt Simon Bärtschi, Leiter Publizistik, auf Anfrage mit. Auch wenn der Mantel nicht mehr die Redaktion aus Zürich liefert, bleiben die Zürcher Oberland Medien über verschiedene Vektoren mit Tamedia verbunden. Zum Beispiel bei der nationalen Werbevermarktung, wo die ZO-Zeitungen weiterhin zusammen mit den Tamedia-Titeln Teil des Werbekombis ZRZ-Zürcher Regionalzeitungen bleiben, oder über das Aktionariat, wo Tamedia 38 Prozent der Anteile hält.
Das grundsätzlich gute Verhältnis zwischen Wetzikon und Zürich könnte sich allerdings schon bald trüben. Denn Tamedia kündigt Konkurrenz an. «Wir prüfen, ab 2026 mit eigenen Ressourcen die Region Zürcher Oberland journalistisch für unsere Leserschaft abzubilden», so Simon Bärtschi von Tamedia. Damit würden sich die ehemaligen Mantelpartner künftig im Wettbewerb um zahlendes Publikum begegnen. Der ZO-Chef will zu dieser Ankündigung vorerst nicht öffentlich Stellung nehmen.
Zeitungsproduktion ist kein neues Geschäft für Keystone-SDA
Dass die Zürcher Oberland Medien mit Keystone-SDA einen alternativen Anbieter für die Bereitstellung der überregionalen Seiten finden konnten, war kein Zufall. ZO-Medien-CEO Ralph Brechlin und Agentur-CEO Hanspeter Kellermüller standen schon länger in Kontakt und wälzten Ideen. Als das konkrete Bedürfnis entstand, handelte Keystone-SDA. Das Geschäftsfeld ist nicht neu. Schon in der Vergangenheit stellte die Nachrichtenagentur fixfertige Zeitungsseiten bereit, die sie Redaktionen lieferte, die selbst bestimmte Ressorts nicht mehr mit eigenen Ressourcen bespielen konnten oder wollten.
Wie mit Keystone-SDA so tauscht sich der ZO-Medien-CEO auch mit Kollegen aus anderen Verlagen aus, etwa mit Martin Oswald, Leiter Regionalmedien bei Galledia. Sowohl Brechlin als auch Oswald fanden Gefallen an der Idee, dass die nationale Nachrichtenagentur ins Mantelgeschäft einsteigt. Die drei Galledia-Tageszeitungen Rheintaler, Rheintalische Volkszeitung und Werdenberger & Obertoggenburger beziehen heute den Mantel von CH Media. Bei den beiden Rheintaler Titeln läuft der Vertrag per Ende 2025 aus und musste deshalb erneuert werden.
«Wir hatten zuerst nicht vor, den Mantelpartner zu wechseln», sagt Martin Oswald im Gespräch mit persoenlich.com. Als sich jedoch abzeichnete, dass das neue Angebot von CH Media inhaltlich und preislich nicht mehr den Bedürfnissen und Erwartungen entsprach, entschied man sich für den Wechsel zu Keystone-SDA.
Da CH Media nicht nur den Mantel liefert, sondern auch die Zeitungen druckt und die nationale Werbung organisiert, musste Galledia hierfür nach neuen Lösungen suchen – und fand beides bei Somedia. Warum CH Media die Konditionen nicht anpassen konnte oder wollte, um einen treuen Kunden zu halten, lässt das Unternehmen offen. Auf Anfrage weist CH Media darauf hin, dass es in geschäftlichen Beziehungen grundsätzlich unüblich sei, vertragliche Einzelheiten öffentlich zu kommentieren.
«Wir können nun die beiden Angebote direkt vergleichen»
Den Regionalzeitungen aus dem Rheintal ging es indes nicht nur darum, den Mantelpartner zu wechseln. In Berneck nahm man den Schritt zum Anlass, das Blattkonzept zu überdenken. Künftig erscheinen die regionalen Themen im Rheintaler und in der Rheintalischen Volkszeitung im ersten Zeitungsbund. Die überregionalen Stoffe rücken nach hinten. Bei der dritten Galledia-Tageszeitung, dem Werdenberger & Obertoggenburger (W&O), bleibt derweil alles wie bisher. Deren Vertrag mit CH Media läuft noch bis Ende 2027. Sollte sich das Modell der Schwesterblätter bewähren, dann wird wohl auch der W&O-Mantel, Druck und Vermarktung wechseln. Regionalmedienchef Oswald will hier keinen Entscheid vorwegnehmen: «Wir können nun die beiden Angebote direkt am Lesermarkt vergleichen, dann entscheiden wir.»
CH Media muss sich also darauf einstellen, einen weiteren Titel zu verlieren. Das Unternehmen zeigt sich selbstbewusst mit Blick auf die neue Konkurrenz. «Unser publizistisches Profil hebt uns klar von einem agenturbasierten Modell ab», teilt Kommunikationschefin Catherine Mettler auf Anfrage mit. Tatsächlich umfasst der CH-Media-Mantel das volle Programm mit Nachrichten, Analysen, Kommentaren, Reportagen aus der Schweiz und der ganzen Welt. Man werde den angekündigten Markteintritt von Keystone-SDA «mit Interesse beobachten und das Angebot analysieren». Gleichzeitig wirft das Aargauer Medienunternehmen die Frage auf, «ob es Aufgabe einer Nachrichtenagentur ist, eine Zeitung zu produzieren.» Der CEO von Keystone-SDA, Hanspeter Kellermüller, verteidigt sein Mantelangebot als «klassische Agenturdienstleistung», ja als «das Kerngeschäft von Agenturen», das es den Verlagen erlaubt, «sich vermehrt auf das Lokale und Regionale zu konzentrieren.»
Im Rheintal und im Zürcher Oberland ist man sich bewusst, dass Keystone-SDA nicht das Gleiche bietet wie CH Media. «Wir sind uns bewusst, dass sich der neue Mantel von Keystone-SDA deutlich von jenen von CH Media und Tamedia unterscheiden wird», sagt Martin Oswald. Als konkretes Beispiel nennt er die Berichterstattung über den FC St. Gallen, die im Einzugsgebiet seiner Zeitungen durchaus interessiert. Matchberichte von der Redaktion des St. Galler Tagblatts finden heute via CH-Media-Mantel in die Galledia-Zeitungen.
«Wir sind wohl auf dem richtigen Weg»
Dass das Publikum den Keystone-SDA-Mantel als Qualitätsminderung wahrnehmen könnte, die auf das gesamte Produkt abfärbt, befürchten jedoch weder Oswald noch Brechlin. Der ZO-CEO will die unterschiedlichen Mäntel nicht qualitativ vergleichen. Er sagt: «Im Zürcher Oberland scheint man sich über den Wechsel des Mantelinhalts zu Keystone-SDA zu freuen. Wir haben nach der Ankündigung viele positive Rückmeldungen von der Leserschaft erhalten. Man freut sich auf die neuen Inhalte. Wir sind wohl auf dem richtigen Weg».
Gleichzeitig geben Ralph Brechlin und Martin Oswald zu bedenken, dass ihre Zeitungen vor allem wegen der regionalen Informationen abonniert und gelesen würden. Der Mantel verleiht der Zeitung Umfang und Haptik eines vollwertigen Printprodukts. Online verzichten dagegen sowohl Zürcher Oberländer als auch Rheintaler auf nationale und internationale Informationen und konzentrieren sich voll aufs regionale Kerngeschäft.
Kommt nun Bewegung in den Mantelmarkt? Die Anzahl unabhängiger Regionalzeitungen, die allenfalls einen Wechsel zu Keystone-SDA in Erwägung ziehen könnten, sind in der Deutschschweiz an einer Hand abzuzählen. Dabei handelt es sich um den Boten der Urschweiz, die Schaffhauser Nachrichten, das Bieler Tagblatt, den Walliser Boten und die Freiburger Nachrichten, deren unabhängige Verlage ihre Mantelseiten von CH Media beziehen.
In Freiburg beobachtet man die Entwicklung interessiert
Die Herausgeber von Bieler Tagblatt und Walliser Bote wollen sich nicht äussern. Die Freiburger Nachrichten geben sich offener. Marc Lehmann, publizistischer Leiter der Zeitung, sieht «für den Moment keinen Handlungsbedarf, weil wir uns mit dem Mantelangebot von CH Media gut bedient sehen.» Sowohl bei der Aktualität wie bei der Fülle an Hintergründen erfüllt das aktuelle Angebot die Erwartungen. Auch die Beilage «Schweiz am Wochenende» betrachtet man in Freiburg «als klaren Mehrwert». Gleichzeitig beobachtet man die Entwicklung interessiert. Einen Wechsel schliesst Lehmann nicht a priori aus. Wenn sich eine vergleichbare Situation ergibt wie im Zürcher Oberland, wo frühere Drucktermine zu einer Neuorientierung zwangen, könnten auch die Freiburger Nachrichten den Mantelanbieter wechseln. Wann der Vertrag mit CH Media ausläuft, nennt Lehmann aus Gründen der Vertraulichkeit nicht.

