27.10.2025

Jahrbuch Qualität der Medien

Studie sieht News-Deprivation als Gefahr für Demokratie

In der Schweiz informieren sich immer weniger Menschen über journalistische Medien: Seit 2009 hat sich der Anteil dieser sogenannten News-Deprivierten beinahe verdoppelt. Forschende der Universität Zürich sehen darin ein grundlegendes Problem für die Demokratie.
Jahrbuch Qualität der Medien: Studie sieht News-Deprivation als Gefahr für Demokratie
Daniel Vogler und Linards Udris vom Fög stellten die Ergebnisse der Studie vor. (Bild: Screenshot)

Der Anteil News-Deprivierter nahm verglichen mit dem Vorjahr um 0,7 Prozentpunkte zu. Dies geht aus dem diesjährigen «Jahrbuch Qualität der Medien» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich hervor. Demnach zählen 46,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung inzwischen zu dieser Gruppe: ein Allzeithoch.

In der am Montag veröffentlichten Studie kamen die Forschenden ausserdem zu dem Schluss, dass die Nachrichtennutzung direkt mit dem Wissen über aktuelle Geschehnisse zusammenhängt. Im Vergleich zur restlichen Bevölkerung wiesen jene, die selten oder kaum journalistische Medien konsumieren, ein deutlich geringeres Wissen über politische und gesellschaftliche Themen auf.

Soziale Medien reichen nicht

In einem Wissensquiz beantworteten die News-Deprivierten im Durchschnitt 6,6 von 16 Politikfragen richtig. Von den acht Soft-News-Fragen wussten sie zu durchschnittlich 3,5 die Antwort. Etwas besser schnitten jene Subgruppen ab, die Nachrichten (News) ausschliesslich oder mehrheitlich via soziale Medien konsumieren. Verglichen mit den anderen Repertoires fielen aber auch diese Gruppen ab.

Abgesehen vom Wissen erkannte das Fög auch bei weiteren demokratierelevanten Faktoren Muster. So vertrauen News-Deprivierte der Politik und den Medien weniger, beteiligen sich seltener am politischen Prozess und fühlen sich der demokratischen Gesellschaft weniger verbunden. Eine generelle Ablehnung demokratischer Werte entnahmen die Forschenden diesen Resultaten aber nicht.

KI profitiert vom Journalismus

Weiter untersuchte das Fög im Rahmen der jährlichen Studie erstmals, auf welche Datengrundlage Chatbots mit künstlicher Intelligenz (KI) wie ChatGPT oder Perplexity bei Fragen zu aktuellen Themen zurückgreifen. Fazit: Mindestens zwei Drittel der ausgewiesenen Quellen stammen von journalistischen Medien. Teilweise würden auch Medien zitiert, die den Zugriff für Chatbots blockieren.

Damit sei KI für den Journalismus Chance und Gefahr zugleich. Zwar würden 87 Prozent der Medienschaffenden KI-Tools zur Unterstützung nutzen. Gleichzeitig «profitieren KI-Anbieter in hohem Masse von journalistischen Inhalten – ohne dass Medienhäuser eine Entschädigung dafür erhalten», liess sich Fög-Direktor Mark Eisenegger zitieren.

nzz.ch mit der besten Note

Ausserdem bestätigte die Studie eine Reihe von Langzeittrends: Die publizistische Qualität sei zwar verglichen mit dem Vorjahr stabil geblieben, langfristig zeigten sich aber Einbussen bei den Einordnungsleistungen und der geografischen Vielfalt. Auch sind Beiträge immer weniger sachlich, sondern werden stärker emotionalisiert.

Den höchsten Qualitätsscore unter den privaten Zeitungen und Newsportalen erreicht die Onlineplattform der NZZ, wie dem Jahrbuch 2025 zu entnehmen ist. Bei den öffentlichen Medien erreicht die Mittags-Nachrichtensendung von Radio RSI den besten Wert. «Léman Bleu Journal» ist die beste Nachrichtensendung auf einem privaten Fernsehsender.

Die finanzielle Lage von publizistischen Medien bleibe zudem angespannt, bemerkt die Studie. Dies, obwohl die Zahlungsbereitschaft für Online-News erstmals seit vier Jahren um fünf Prozentpunkte gestiegen sei.

Debatte über die Regulierung von Big Tech

Anschliessend fand eine Podiumsdiskussion statt zum Thema «No news, no problem?» Die Runde, die bei den Gründen für die News-Deprivation anfing, wurde schnell zu einer Debatte über Medienförderung und Regulierung von Big Tech. Unternehmen wie Google, Meta oder OpenAI profitieren von journalistischen Inhalten, ohne sie fair zu vergüten, erklärte Fög-Direktor Mark Eisenegger. Für Pia Guggenbühl, Geschäftsleiterin des Verlegerverbands Schweizer Medien (VSM), ist es wichtig, dass der Gesetzgeber schnell handelt, um journalistische Inhalte zu schützen.

Als eine «Nebelpetarde» bezeichnete Simon Jacoby, Chefredaktor der Plattform Tsüri.ch, die Position des VSM. Die Regulierungsabsichten sollen nicht von einer progressiven Medienförderung ablenken, die Neugründungen erlaube. Camille Lothe vom Nebelspalter machte auf Fragen bei der Verteilung von Vergütungen aufmerksam. Zum Beispiel: Welche Inhalte sollen vergütet werden, welche nicht? 

Für Mark Eisenegger ist klar: Journalismus kommt fundamental unter Druck von Tech-Giganten. Trotz kniffeliger Fragen, die es zu lösen gilt, «sollten wir nicht wegen Umsetzungsproblemen eine grundlegend richtige Stossrichtung jetzt schon torpedieren». (spo/sda)


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KOMMENTARE

Erich Zaugg
28.10.2025 18:24 Uhr
Man sollte vielleicht mal den Fehler bei sich suchen. Solange es CH Media nicht gelingt ein funktionierende App anzubieten anzubieten wird es immer weniger Leser geben. Ich selber bin von der NZZ auf die FAZ umgestiegen. Ist günstiger und im internationalen Bereich sicher besser.
Max Röthlisberger
28.10.2025 08:52 Uhr
@Roland Maeder. Sie haben vollkommen recht! Das ist bei "Nachrichten" schon lange so. Es wird "nachgerichtet".
Roland Maeder
28.10.2025 08:27 Uhr
Die Studie schreibt, dass jene, die Medien konsumieren, deutlich mehr wissen über politische und gesellschaftliche Themen. Wissen? Sie wissen das, was ihnen, je nach Couleur, aufgetischt wurde.
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