02.12.2023

IWP

«Uns geht es um die Wissenschaft»

Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) lanciert einen neuen Preis für Wirtschaftsjournalismus. Geschäftsführer René Scheu über die Beweggründe, die Jury und die Geldgeber.
IWP: «Uns geht es um die Wissenschaft»
«Konkret sind alle Journalistinnen und Journalisten angesprochen, die sich um wirtschaftspolitische Belange kümmern und an die Öffentlichkeit wenden», sagt IWP-Geschäftsführer René Scheu im Interview. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

René Scheu*, warum ein weiterer Preis für Wirtschaftsjournalismus?
Der Journalismus ist von zwei Seiten unter Druck: einerseits durch Fake News, anderseits durch ein Übergewicht an persönlichen Wahrnehmungen und gefühlten Wahrheiten. Für Journalisten wird es immer anspruchsvoller, Tugenden wie Faktentreue, kritische Distanz und Sachkompetenz in der Berichterstattung hochzuhalten. Dabei sind gerade verlässliche Zahlen, Daten und Fakten in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten für die Bürger eine unverzichtbare Entscheidungsgrundlage. Diese Faktentreue in der will das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern mit der Vergabe des Preises für exzellenten Wirtschaftsjournalismus stärken.

Was heisst für Sie exzellent?
Exzellent kommt von lateinisch «excellere», «herausragen». Wir vom IWP haben Exzellenz anhand von fünf Kriterien definiert. Herausragend ist ein journalistischer Beitrag, der sich 1. durch hohe Faktentreue, 2. durch Stringenz, 3. durch Verständlichkeit, 4. durch Relevanz und 5. durch Originalität auszeichnet.

Wer vergibt denn den Preis – das IWP letztlich nach Lust und Laune?
Der Preis wird von einer eigens bestellten Jury vergeben. Die Jury ist in ihrer Entscheidungsfindung autonom und unabhängig, das IWP hat darauf keinen Einfluss. Alle Mitglieder üben ihr Amt ehrenamtlich aus und erhalten dafür keinerlei Vergütung. Sie versammeln wissenschaftliche und journalistische Kompetenz gleichermassen.

In der Jury sitzen bekannte Namen. Lars Feld und Alexandra Janssen sind zugleich im akademischen Beirat des IWP. Ein Interessenkonflikt?
Nein, warum? Der akademische Beirat begleitet uns ja wissenschaftlich – die wirtschaftspolitische Expertise von Lars Feld und Alexandra Janssen ist unbestritten. Es ist ein Glücksfall, dass wir sie für die Jury gewinnen konnten. Beide sind grosse Kaliber und unabhängige Köpfe, sie entscheiden so frei wie die anderen Mitglieder auch.

Wen wollen Sie mit Ihrer Ausschreibung ansprechen?
So viele wie möglich. Um es mit Immanuel Kant zu sagen: Alle «Gelehrten», die sich öffentlich äussern und zum «eigentlichen Publikum» sprechen – zur «Leserwelt», die heute zugleich eine Seh- und Hörwelt ist. Konkret sind also alle Journalistinnen und Journalisten angesprochen, die sich um wirtschaftspolitische Belange kümmern und an die Öffentlichkeit wenden. Dabei sind alle Darstellungs- und Darreichungsformen grundsätzlich gleichwertig, ebenso wie Formate und Kanäle. Es kann sich also um eine animierte Datengeschichte handeln, einen Leitartikel, eine Recherche oder einen Podcast. Jeder kann einen eigenen Beitrag einsenden – oder den von Kollegen.

Neben Exzellence – welche Kriterien werden bei der Preisvergabe sonst noch berücksichtigt?
Die Preisträger werden konsequent nach den eben genannten sachlichen Kriterien ausgewählt. Was zählt, ist das Ergebnis, also die journalistische Leistung. Für die Jury spielen Geschlecht, Alter, Nationalität oder politische Überzeugung keine Rolle. 

Sie selbst werden eher dem bürgerlichen Lager zugeordnet. Hat ein linker Wirtschaftsjournalist auch eine Chance?
Uns geht es nicht um Weltanschauung, sondern um Wissenschaft. Das IWP vertritt keine parteipolitischen oder ideologische Positionen, sondern ist ein Wirtschaftsforschungsinstitut. Und das tut, was es zu tun hat: wahrheitsorientiert forschen, ganz old school. Abgesehen davon entscheidet die Preis-Jury sowieso unabhängig, ohne politische oder andere Agenda, nach den definierten Exzellenz-Kriterien. Ergo: alle haben eine Chance.

Die Preissumme beträgt 30’000 Franken. Eine beträchtliche Summe.
Es ist ein gutdotierter Preis, entsprechend der Bedeutung, die wir einer fundierten wirtschaftspolitischen Berichterstattung beimessen. Nur wer die Fakten kennt, kann informierte wirtschaftspolitische Entscheidungen treffen.

Wer übernimmt die Preissumme?
Der IWP-Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus wird von der Stiftung Schweizer Wirtschaftspolitik im Sinne des Stiftungsauftrags finanziert, zu dem die Wissenschaftskommunikation gehört. Sie Stiftung finanziert auch das IWP selbst. 

Woher kommt das Geld der Stiftung?
Das Geld stammt von allen, die Spenden zuhanden der Stiftung tätigen, es sind inzwischen über 30 Donatoren. Bisher sind es vor allem Privatpersonen, Vertreter von KMU, Institutionen und öffentliche Körperschaften, die das IWP unterstützen. Dank Crowdfunding über unsere App und Website kommen nun auch viele Kleinspender hinzu. Das IWP bietet Wirtschaftspolitik für alle – und arbeitet daran, auch finanziell möglichst breit abgestützt zu sein. Dabei ist klar: Die Finanzierung zieht keine Mitsprache bei der Preisvergabe oder den Tätigkeiten des IWP nach sich.

Wollen Sie sich mit dem Preis wohlwollende Berichterstattung erkaufen?
Das würde unserem Auftrag als unabhängiges Wirtschaftsforschungsinstitut widersprechen. Ausgezeichnet werden ja nicht Berichte über das IWP, sondern Beiträge über wirtschaftspolitische Themen, die durch wissenschaftliche Expertise überzeugen und für die Bürger relevant sind. Mit dem IWP-Preis wollen wir Journalisten wertschätzen, die sich durch ihre kritisch-unabhängige Arbeit hervortun und dadurch beweisen, dass sie sich von keinen Interessen vereinnahmen lassen.

Ist es das Ganze nicht unfair gegenüber staatlichen Hochschulen, die nicht über Millionäre verfügen, die solche Preise möglich machen?
Andere Wirtschaftshochschulen verfügen ebenfalls über Summen, um einen solchen Preis ins Leben zu rufen. Das ist kein Problem. Es wäre für unsere Demokratie und die Qualität unserer Meinungsbildungsprozesse gut, wenn heutzutage auch andere exzellenten Journalismus fördern und die Wissenschaftskommunikation stärken würden.

Wie ist der Fahrplan?
Einsendeschluss für den IWP-Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus ist der 31. März 2024. Preisvergabe und Feier an der Universität Luzern finden dann im Juni 2024 statt.

Haben Sie selbst schon einen Journalistenpreis gewonnen?
Ja, einen – den Förderpreis der Stiftung für abendländische Ethik und Kultur, im Jahre 2009, zusammen mit dem früheren NZZ-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz. Was mich in meiner publizistischen Arbeit aber stets am meisten freute, war und ist der Zuspruch und der Einspruch des Publikums. Man schreibt ja am Ende des Tages nicht für Kollegen oder Jurys, sondern für die Leute.

 

*René Scheu ist Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern, das er zusammen mit Christoph Schaltegger leitet. Zuvor war er sechs Jahre lang Feuilletonchef der NZZ.

 



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