Frau Schönenberger, Herr Schlittler – was reizt Sie daran, Weinmessen auf die Beine zu stellen?
Pascal Schlittler: Im Grundsatz bin ich als Unternehmer und Marketeer tätig – und die Gelegenheit, die Expovina zu leiten, sehe ich als spannende Herausforderung. Als Sohn von Walliser Hoteliers und Grosssohn eines Weinbauers liegt mir das Thema sowieso.
Alina Schönenberger: Die Verbindung von Tradition, Emotion und Innovation.
Mit Expovina* bauen Sie nicht etwas Neues auf, sondern übernehmen eine traditionelle Messe. Was war dabei die grösste Herausforderung?
Schlittler: Etwas Traditionelles, das seit 67 Jahren existiert, zu übernehmen, verpflichtet einerseits, andererseits ist es eine tolle Chance, die Sache zu modernisieren. Da vom ehemaligen Team niemand mehr verfügbar blieb, war es herausfordernd, die Abläufe kennenzulernen und gleichzeitig die Firma betriebswirtschaftlich neu aufzustellen.
In der Coronapandemie hat sich gezeigt, dass es schwierig ist, Messeveranstaltungen zu digitalisieren. Was haben Sie diesbezüglich bei den Weinschiffen unternommen?
Schlittler: Wir schauen uns die digitalen Ansätze in der Weinbranche natürlich an, und es hat auch ein paar Beispiele von Verkostungen zu Hause mit VC-Anleitungen gegeben, allerdings ist dies in keiner Art und Weise mit einer Live-Messe zu vergleichen. In diesem Sinn fahren wir sehr traditionell weiter, aber natürlich mit ein paar Vorkehrungen wie Electronic Ticket Tracing, mehr Platz, Foodstände im offenen Bereich oder Desinfektionsstationen. Das Fondueschiff bleibt die grosse Ausnahme, aber es ist auch das grösste mit dem besten Platzangebot. Last but not least haben wir den gesamten Messekatalog zusammen mit DeguVino digitalisiert – dies sehen wir als einen ersten Schritt an, die Infos auch digital weiterzugeben.
«Mittlerweilen zählt die Branche dutzende erfolgreicher Winzerinnen und Weinhändlerinnen»
Inwiefern merken Messebesucherinnen und Messebesucher zudem, dass Sie das Zepter übernommen haben?
Schlittler: Als Personen sind wir diesbezüglich eher bescheiden im Auftritt – am Event sind die Neuerungen wie beispielsweise der überarbeitete und einladende Eingangsbereich über der Ganymede-Terrasse zu erwähnen, das neu geschaffene Klubschiff für Firmenevents und geschlossene Gesellschaften oder Weinseminare. Auch bieten wir diverse Onlinetools von der Reservation auf dem Fondueschiff bis zum Onlinekatalog an. Im Backoffice ändert sich sehr vieles – zum Beispiel die Vertragskommunikation mit den Ausstellern. Dies läuft nur noch elektronisch ab.
Ein älterer, gut situierter Herr mit grauen Haaren und einem Glas Rotwein in der Hand: So stelle ich mir den typischen Expovina-Besucher vor. Liege ich richtig? Oder wie sieht Ihr Hauptpublikum aus?
Schlittler: Diesen Herren gibt es ganz bestimmt, aber die Partnerin vom gut situierten Mann ist meistens auch dabei. Sehr erfreulich ist aber die zunehmende Gruppe an 30- bis 45-Jährigen, die sich intensiv mit Wein beschäftigt und gerne mehr darüber erfährt. Auch sehen wir viele Frauengruppen, die mehr über ihre Lieblingsweine erfahren wollen. Und dann kommen unsere Winzerinnen sicherlich auch ins Spiel – mittlerweile zählt die Branche dutzende erfolgreicher Winzerinnen und Weinhändlerinnen.
Sie müssen das bestehende ältere Zielpublikum pflegen, aber auch ein jüngeres erreichen. Wie gehen Sie diesen Spagat an?
Schlittler: Sicherlich verschiebt sich einiges von den klassischen Medien zu Social-Media-Kanälen. Dort erreichen wir definitiv eine andere Kundschaft. Allerdings steckt hier noch viel Entwicklungspotenzial, da diese Art von Kommunikation in der Branche erst im Aufbau ist. Inhaltlich gibt es neue spannende Themen wie zum Beispiel alkoholfreie Weine oder Weingüter, die mit einem guten Produkt und sehr modern daherkommen. Diese Produkte haben auch gute Chancen eine jüngere Kundschaft zu motivieren. Last but not least wollen wir unser Augenmerk auch auf interessante Weindegustationen legen, wo auch Seminare zu besuchen sind – dies wird uns in der nächsten Zeit beschäftigen.
Schönenberger: Das tolle an der Expovina ist, dass wir eine Messe rund um ein Produkt organisieren, das in unglaublich breiten Kreisen Beliebtheit findet. Die Thematik geht noch viel weiter als nur Alt und Jung. Unsere Aussteller und Ausstellerinnen helfen uns diesen Spagat zu bewältigen: Denn auch sie präsentieren sich und ihre Weine in einer sehr grossen Diversität.
Eine Messe auf Schiffen ist eine Ausnahmeerscheinung. Was sind die besonderen Herausforderungen für die Organisation?
Schlittler: Die sind in der Tat sehr gross. Nur die Tatsache, dass wir die Messe auf den Schiffen halten, sorgt schon für Zuständigkeitsfragen der Behörden (Stadt, Kanton, Seerecht). Aber insbesondere die ganze Infrastruktur für eine 14-tägige Messe passgerecht bereitzustellen, wo kein Stand sich dem anderen gleicht, ist tough. Zum Glück konnten wir auf sehr viele Handwerker zurückgreifen, die dies schon seit langer Zeit machen. Alles auf den Schiffen ist schwieriger, es schwankt hin und her, auch ohne Alkoholgenuss.
«Wir wollen ein Angebot schaffen, dass über die Messezeit bestehen bleibt»
Themen wie Nachhaltigkeit und Energiekrise fordern Veranstalter heraus. Was machen Sie diesbezüglich?
Schlittler: Recycling der Flaschen ist ja klar, neu sammeln wir auch die Korken ein und haben mit Schneider Recycling einen guten Partner, der uns hilft, korrekt zu entsorgen. Ferner drucken wir an 25 Tonnen Papier – in diesem Jahr haben wir durch das konsequente Pushen von E-Flyers, E-Tickets oder der DeguVino App rund ein Drittel an Ressourcen sparen können. Nur eine kleine Anpassung des Flyers hat 30 Prozent weniger Papier bedeutet. Die Festbeleuchtung der Schiffe bleibt aber vorerst – ein bisschen Freude muss dann auch noch bleiben.
Mit Blick nach vorn: Wo schauen Sie sich um nach Inspiration für die Weiterentwicklung der Weinmessen?
Schlittler: Wir sehen sicherlich einen Ausbau des Angebotes – zum Beispiel Seminare, Gruppendegustationen oder Masterclasses – als einen gangbaren Weg. Mit unserem Programm Expovina 365 wollen wir auch ein Angebot schaffen, dass über die Messezeit bestehen bleibt (App, Reisen …). Auch schielen wir mit einem Auge auf geografische Expansion, um Skaleneffekte zu erzielen.
Nun startet die erste Expovina-Messe unter Ihrer Leitung. Welche Learnings aus der Organisation nehmen Sie mit für die kommenden Messen?
Schlittler: Fragen Sie uns nach dem Ende der Messe nochmals. Zurzeit fühlt es sich wie vor einer grossen Prüfung an. Wir haben geplant, gelernt und vorbereitet und jetzt brauchts noch ein Quäntchen Glück und ein kleines Schlücklein feinen Wein.
*Die Zürcher Weinausstellung auf den Expovina-Weinschiffen findet vom 3. bis zum 17. November am Zürcher Bürkliplatz statt.

