Der Rückzug kam per Mitteilung in der Nacht auf den 1. August – wenige Tage nachdem sich die Mehrheit der 211 Fifa-Mitgliedsverbände gegen das Projekt gestellt hatte. «Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmass der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen», erklärte Gianni Infantino. «Unser Ziel war es stets, und wird es auch immer bleiben, zu vereinen und zu verbessern. Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt.» In den kommenden Tagen und Wochen wolle er alle interessierten Akteure «im Geiste des gemeinsamen Interesses an unserem Sport» wieder zusammenbringen.
Verkauf hätte 4.2 Milliarden Dollar eingebracht
Es waren Infantinos Pläne. Vorgesehen war, die kommerziellen Rechte an Turnieren wie der Männer-, Frauen- und Klub-WM in eine neue Tochtergesellschaft namens «Fifa Forward Enterprise» (FFE) auszugliedern. Investoren hätten Minderheitsanteile ohne Kontrollrechte übernehmen sollen: rund 20 Prozent der auf 20 Milliarden Dollar bewerteten Gesellschaft, was der Fifa bis zu 4.2 Milliarden Dollar verschafft hätte. Gemäss Fifa-Mitteilung sollte der Fonds Thrive Eternal von Joshua Kushner – dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner – die Investorengruppe anführen. Den Mitgliedsverbänden versprach die Fifa im Gegenzug Sonderzahlungen. Als Stichtag für deren Zustimmung war der 19. September vorgesehen.
Infantino betonte, die Fifa behalte die alleinige Kontrolle über die FFE und die ausschliessliche Autorität über Governance, Wettbewerbe, Spielkalender sowie alle regulatorischen und sportlichen Entscheidungen. Kritiker befürchteten dennoch, private Geldgeber könnten Druck erzeugen, Turniere weiter aufzublähen oder häufiger auszutragen. Brisant war zudem: Nach dem Ende seiner Amtszeit als Fifa-Präsident hätte Infantino 2031 gemäss Medienberichten an die Spitze des neuen Unternehmens wechseln können.
Uefa: «Fussball steht nicht zum Verkauf»
In einer Stellungnahme vom Samstag begrüsste die Uefa den Entscheid, den Verkauf eines Anteils an den Fifa-Wettbewerben einschliesslich der Weltmeisterschaft nicht weiterzuverfolgen. Sie dankte Fans, Ligen, Vereinen, Spielern, Verbänden und Konföderationen, die sich gegen das Vorhaben gestellt hätten – ebenso Regierungschefs, Staatsoberhäuptern und Kommentatoren, die dem Fifa-Präsidenten gezeigt hätten, «dass Fussball nicht zum Verkauf steht».
Erledigt ist die Sache für den europäischen Verband damit nicht. «Wir können nicht so weitermachen mit geheimen Plänen auf schnellen Zeitplänen, die von gesichtslosen Individuen erfunden werden und dem Spiel zweifelhaften Nutzen bringen», schrieb die Uefa. Die Verantwortlichen müssten identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden.
Auch gegenüber Infantino persönlich fand die Uefa harte Worte: Die derzeitige Fifa-Führung habe nicht nur das Vertrauen der Uefa verloren, sondern auch jenes vieler anderer Mitglieder der Fussballfamilie. Über den Fifa-Präsidenten schrieb der Verband: «Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschliessend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz.» Gemeinsam mit den Mitgliedsverbänden und in enger Zusammenarbeit mit den anderen Konföderationen wolle man nun analysieren, wie es dazu kommen konnte, um eine Wiederholung auszuschliessen.
Presseschau: Schlappe für den Fifa-Boss
In der Presse fiel das Urteil fast einhellig aus: Der Rückzug ist eine schwere Niederlage für den Fifa-Präsidenten. In der Schweiz bezeichnete der Blick den Entscheid als ungewöhnlichen Rückzieher eines Präsidenten, der seine Vorhaben in den vergangenen Jahren meist ohne grösseren Widerstand durchsetzen konnte. International fiel die Bewertung ähnlich deutlich aus: Der britische Guardian sprach von einem «sensationellen Scheitern», die Daily Mail wertete den Vorgang als demütigende Niederlage und peinliche Kehrtwende.
Die spanische Marca bezeichnete den Rückzug als «totale Niederlage» für den Fifa-Präsidenten. El País schrieb, der Fussball mit seinen Millionen Fans habe über externe Akteure gesiegt – verloren habe die Fifa. Die italienische Gazzetta dello Sport begrüsste den Rückzieher mit der Formel «Die Vernunft hat gesiegt», L'Équipe ordnete die Entwicklung als Ausdruck einer Fifa-Krise ein.
Kritik aus dem eigenen Haus
In den letzten Tagen wurde auch klar, dass das Projekt selbst innerhalb der Fifa-Spitze nicht breit abgestützt war. Zwei hohe Funktionäre aus Infantinos Umfeld wandten sich noch vor dem Rückzug öffentlich gegen den Plan – beide betonten, nicht eingeweiht gewesen zu sein.
Carlos Cordeiro, leitender Berater des Fifa-Präsidenten und früherer Präsident des US-Verbandes, trat aus Protest gegen das Vorhaben zurück. Auf LinkedIn schrieb er, er könne «nicht tatenlos zusehen», wie die Fifa den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft erwäge. Cordeiro, der seit 2021 für den Weltverband arbeitet, war nach eigenen Angaben an den Plänen nicht beteiligt und lehnte sie entschieden ab.
Ähnlich äusserte sich Kevin Lamour, ein hoher Fifa-Funktionär aus Infantinos Umfeld. Niemand sei in den WM-Plan eingeweiht gewesen, kritisierte er. Es könne sein, dass er nun seinen Job verliere – dann könne er zumindest «nachts ruhig schlafen».
Breite Front gegen Infantino
Vorausgegangen war der stärkste Widerstand, den Infantino in seiner Amtszeit erlebt hat. Bereits am 30. Juli hatte die Uefa in einem gemeinsamen Statement ihrer 55 Mitgliedsverbände den Plan einstimmig abgelehnt und mit einem Boykott gedroht: Keine europäische Nationalmannschaft werde an Fifa-Wettbewerben teilnehmen, solange der Vorschlag nicht vollständig aufgegeben und verbindlich zugesichert werde, dass die Fifa ihre Wettbewerbe nie wieder für Privateigentum öffne.
Am 31. Juli lehnten auch die Mitgliedsverbände der Concacaf den Vorschlag ab. Die asiatische Konföderation AFC solidarisierte sich mit Uefa und Concacaf und äusserte ernsthafte Bedenken.
Für den Schweizerischen Fussballverband (SFV) äusserte sich Präsident Peter Knäbel gegenüber SRF. Es sei eindrücklich gewesen, wie geschlossen die europäischen Verbände den Plänen widersprochen hätten. Für den SFV sei klar, dass die WM nicht wie ein Anlageprodukt behandelt werden dürfe. (nil)
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01.08.2026 12:43 Uhr

