11.11.2002

"Zum Glück bin ich Unternehmer, das zwingt zur Bescheidenheit"

Für das Wirtschaftsmagazin Bilanz ist er der "mächtigste Schweizer": Seit über 20 Jahren prägt SVP-Nationalrat und Unternehmer Christoph Blocher das politische und wirtschaftliche Leben der Schweiz. Im "persönlich blau", das diese Woche erscheint, schildert er ausführlich seine Erfolgsstrategie, seine Nachfolgeregelung und den Grund, warum er eigentlich nichts von Wirtschaft verstehe. "persoenlich.com" bringt einen Ausschnitt.
"Zum Glück bin ich Unternehmer, das zwingt zur Bescheidenheit"

Christoph Blocher, was ist los mit unserer Wirtschaft? Alle unsere Traditionsfirmen wie Swissair, Credit Suisse, ABB, Zurich oder Rentenanstalt brechen auseinander oder haben gravierende Probleme.

Dies ist die Reaktion auf eine Hochkonjunktur, wie sie die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. In den USA dauerte sie ganze zwölf Jahre. In der freien Marktwirtschaft wird es immer solche Zyklen geben; auf gute Jahre folgen schlechte. Das ist ein Naturgesetz. In guten Zeiten wird überinvestiert – und wenn alle ihr Angebot vergrössert haben, herrscht ein Überangebot, welches die nächste Flaute einleitet. Im wirtschaftlichen wie im persönlichen Bereich ist nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe guter Tage. In solch guten Zeiten verlieren viele den Boden unter den Füssen oder investieren unsinnig. Man initiiert Aktionen, die man besser unterlassen würde. Wenn dazu noch Fehlmanagement und Grössenwahn kommen, beginnt die Katastrophe. Trotz allem Pessimismus: Die Wirtschaft ist nicht kaputt!

Warum haben viele Firmen in den letzten Jahren ihr Kerngeschäft verlassen?

Wenn es einem gut geht, handelt man unlogisch. Das ist wie im normalen Leben. Wer schnell reich wird, begeht schnell auch einen Blödsinn, weil er die Möglichkeiten dazu hat. Kürzlich habe ich das neue Haus eines Freundes besucht, der mit Bankgeschäften innert vier Jahren 40 bis 50 Millionen Franken verdiente. Überall goldene Griffel und eine immense Hausbar, ungemütlich, protzig. "Was soll das?" frage ich. "Du bist doch so ein vernünftiger Mensch. Früher konnte man mit dir eine Bratwurst essen!" Er antwortete: "Das mach ich auch heute noch gerne!" Ich lachte nur: "Wo? In deinen Salons? Das geht doch nicht!" Es fehlen die disziplinierenden Lebensbestimmungen, um im Kerngeschäft zu bleiben. Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin auch reich geworden. Zum Glück bin ich Unternehmer, das zwingt zur Bescheidenheit.

Sie haben sich vor fünf Jahren beklagt, dass Ihnen viele Leute gerne an das Bein "schiffen". Haben Sie das Gefühl immer noch?

Es ist klar, dass ich viele Gegner habe. Ich will ja etwas verändern. Alle, die anderer Meinung sind, nehmen gegen mich Stellung. Das ist in der Wirtschaft dasselbe. Meine Forderung, die Manager der börsenkotierten Firmen hätten ihre Saläre offen zu legen, ist für viele natürlich unangenehm; vor allem, wenn man fünf oder zehn Millionen Franken rauszieht, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Zurzeit bekomme ich aber viel Zustimmung. Die Leute schreiben mir, im Nachhinein hätte man besser auf mich gehört, nehmen wir nur Themen wie die Swissair oder die Uno. Aber das kann sich auch wieder ändern. In Kampfsituationen, wie bei der Goldinitiative, geht es hart zu. Die Gegner versuchen, mir immer wieder an das Bein zu schiffen.

Woran leiden Sie mehr – an der Wirtschaft oder an der Politik?

Eindeutig an der Wirtschaft, in der Politik habe ich eine viel kleinere Verantwortung. Wenn ich unser Land führen würde – was zum Glück in der Schweiz niemand muss –, wäre das anders. Das Unternehmen hingegen muss ich führen.


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