27.02.2026

Tamedia

Chefredaktorin setzt mit Veto «Pro & Kontra» durch

Trotz mehrheitlich ablehnender Haltung der Redaktion zur SRG-Initiative veröffentlichte der Tages-Anzeiger nicht nur einen Nein-Kommentar, sondern ein «Pro & Kontra». Wie es dazu kam und wie auch die anderen Tamedia-Titel mitgezogen haben.
Tamedia: Chefredaktorin setzt mit Veto «Pro & Kontra» durch
«Ich habe entschieden, dass wir ein ‹Pro & Kontra› bringen»: Raphaela Birrer, Chefredaktorin Tages-Anzeiger seit 2023. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)

Am vergangenen Samstag, gut zwei Wochen vor der Abstimmung vom 8. März, veröffentlichte der Tages-Anzeiger seine Positionierung zur SRG-Initiative. Die Redaktion brachte dazu je einen befürwortenden und einen ablehnenden redaktionellen Kommentar in Form eines «Pro & Kontra». Dieses Format kommt in der Regel dann zum Zug, wenn die Redaktionskonferenz keine eindeutige Haltung findet zu einer Vorlage.

Das sind die Spielregeln für Abstimmungskommentare

Vor zwei Jahren erklärte Raphaela Birrer, Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, wie die Redaktion dabei genau vorgeht. Vor den eidgenössischen Abstimmungen diskutiert die Redaktion über die anstehenden Vorlagen und befindet «in einem demokratischen Verfahren auch über die eigene Positionierung» dazu. Je nach Stimmenverhältnis in der Redaktionskonferenz wird dann eine befürwortende oder eine ablehnende Position definiert. Ergibt sich aus diesen Diskussionen «eine kontradiktorische Haltung», dann publiziert der Tages-Anzeiger ein «Pro & Kontra».

Wer in Kenntnis dieses Vorgehens am 21. Februar die Positionierung der Zeitung zur Halbierungsinitiative las, durfte demnach davon ausgehen, dass die Redaktion keine klare Haltung dazu hat und darum beiden Seiten gleich viel Platz einräumte. Nur: Das stimmt so nicht. Die interne Abstimmung ergab ein sehr deutliches Ergebnis mit 17 zu 3 Stimmen gegen die SRG-Halbierung. Das wäre ein klarer Fall für einen Nein-Kommentar gewesen. Doch Chefredaktorin Raphaela Birrer ergriff daraufhin das Veto und übersteuerte kraft ihres Amtes das übliche Vorgehen. «Ich habe entschieden, dass wir als grosse private Redaktion ein ‹Pro & Kontra› bringen, um unserer Leserschaft einerseits die Argumente beider Seiten darzulegen und andererseits unserer in diesem Fall speziellen Rolle als Branchenmitbewerberin gerecht zu werden», teilt Birrer auf Anfrage via Kommunikationsabteilung mit. Sie selbst hat den Kommentar gegen die Initiative verfasst. Andreas Kunz den Meinungstext dafür.

«Verleger hat sich nicht eingebracht»

Was Birrer genau meint mit der «speziellen Rolle als Branchenmitbewerberin», führte die Chefredaktorin nicht weiter aus. Klar ist aber, dass Tamedia, respektive dessen Mutter TX Group, als einziges der grossen Medienhäuser die sogenannte Grundsatzvereinbarung der Schweizer Verleger mit der SRG nicht unterzeichnet hat. Darin spricht sich der Verlegerverband Schweizer Medien gegen die Halbierungsinitiative aus. Tamedia-Verleger Pietro Supino findet derweil, die SRG könne ihren «Kernauftrag» auch mit 200 Franken pro Haushalt und Jahr erfüllen. Insofern überrascht es nicht, wenn seine Zeitungen dieser Position einen prominenten Platz einräumen. Auf die redaktionelle Positionsfindung habe Supino keinen Einfluss genommen. «Der Verleger hat sich nicht in diesen Prozess eingebracht», schreibt Tamedia-Kommunikationschef Edi Estermann auf Anfrage von persoenlich.com.

Nun gibt Tamedia neben dem Zürcher Tages-Anzeiger auch noch Zeitungen in Bern und Basel heraus. Auch dort sind an besagtem Samstag «Pro & Kontra» erschienen, obwohl Raphaela Birrer als Chefredaktorin des Tages-Anzeigers nicht weisungsbefugt ist gegenüber den Redaktionen von Berner Zeitung, Bund und Basler Zeitung. Wie kommt es also, dass alle vier Deutschschweizer Tamedia-Marken zu dieser medienpolitischen Abstimmung im Gleichschritt gehen, obwohl ihre Redaktionen eigentlich selbstständig über ihre Abstimmungskommentare befinden können?

Wohl nicht ganz freiwillig

Nach offiziellen Tamedia-Angaben hätten sich die Redaktionen in Bern und Basel aus freien Stücken entschieden, es den Kollegen in Zürich gleichzutun und auch im Sinne von Birrers Veto ein «Pro & Kontra» zu veröffentlichen. Doch es gibt Hinweise, dass das nicht ganz freiwillig geschehen ist. Angestellte der Berner Redaktion berichten gegenüber persoenlich.com von Druck des publizistischen Leiters. Simon Bärtschi habe gefordert, nicht nur einen Nein-Kommentar zur Halbierungsinitiative zu publizieren, sondern auch eine befürwortende Stimme. Bärtschi verfügt anders als Raphaela Birrer über Weisungsbefugnisse gegenüber den regionalen Tamedia-Redaktionen.

Die Chefredaktoren von Bund und Berner Zeitung liessen eine Anfrage zu den Vorgängen unbeantwortet. Die offizielle Sprachregelung lautet so: «Publizistische Leitung und Chefredaktoren tauschen sich natürlich regelmässig aus. Insbesondere im Vorfeld solch relevanter Abstimmungen mit derlei Tragweite für die ganze Medienbranche.» Das lässt offen, ob es im konkreten Fall einen solchen Austausch gegeben hat. Tatsache ist aber, dass in Bund und BZ ein «Pro & Kontra» erschienen ist und nicht nur ein Nein-Kommentar.


Korrigendum: In einer ersten Fassung des Artikels hiess es, das Ergebnis der redaktionsinternen Abstimmung zur Parolenfindung habe 20 zu 2 Stimmen gegen die SRG-Initiative betragen. Das stimmt nicht. Das korrekte Resultat lautete 17 zu 3.


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KOMMENTARE

Christian Maurer
27.02.2026 16:04 Uhr
Dass in diesem Fall die üblichen Regeln für Pro&Kontra nicht gelten können scheint mir evident. Es ist richtig und naheliegend, wenn ein Medium, das im gleichen Teich fischt wie die SRG, und damit mitbetroffen ist von einer Abstimmung, sich der Leserschaft kontradiktorisch zeigt. Es tut dem Tagi auch gut, sich wieder vermehrt eine Forumszeitung zu sein und nicht nur Ideologietransporteur. Übrigens: hat der Tagi nur noch 20 Redaktionsmitglieder (17+3), die an der Redaktionskonferenz stimmberechtigt sind?
Thomas Xaver Graf
27.02.2026 10:51 Uhr
Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich der Tagi unter der Ägide der Chefredaktor:innen seit Supino von der ehemals Linksliberalen zur Rechtsliberalen hin bewegt. Bei der SoZ längst vollzogen, beim Tagi noch nicht durchgehend – es könnte die Leserschaft vergraulen, die immer noch meinen, der Tagi sei ihre publizistische Heimat irgendwo leicht links der Mitte.
Hans-Ulrich Büschi
27.02.2026 09:37 Uhr
Jaja: Wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing‘. Pietro Supino kann sich ins Fäustchen lachen. .
Balz Bruppacher
27.02.2026 07:16 Uhr
Ein neuer Tiefpunkt im Niedergang des Tagi. On touche le fond.

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