Herr Meier, gäbe es das Format "Alltag" auch ohne den Erfolg der Doku-Soap Sahlenweidli?
Ja. Die ursprüngliche Idee zum Format Alltag stammt aus dem Januar 2004. Wegen Sahlenweidli haben wir mit der Lancierung unseres Projekts ein halbes Jahr zugewartet. Das Projekt ist herausgewachsen aus meiner fünfzehnjährigen Erfahrung im Lokaljournalismus. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass man als Zeitung dann Erfolg hat, wenn man über das berichtet, was den Menschen am nächsten ist: Der Alltag.
Ist Alltag eine Doku-Soap?
Das würde ich so nicht sagen. "Alltag" ist ein publizistisches Format, das es in dieser Form hierzulande noch nicht gegeben hat. Erstens ist das Projekt multimedial: Zeitung, Radio, TV und Internet berichten ihren Stärken entsprechend über das Leben der Familie und den damit verbundenen Themen. Zweitens wollen wir über eine Dauer von neun Monaten das Leben der Familie abbilden, nichts wird inszeniert. Drittens konnten wir notabene in einer Zeit, in der die Zeitungen im Anzeigenmarkt nicht auf Rosen gebetet sind sieben Partner finden, die das Projekt unterstützen.
Sie betreten mit "Alltag" Neuland. Birgt die lange Laufzeit dabei nicht ein erhebliches Risiko?
Ja und nein. Natürlich sind wir uns bewusst, dass eine gewisse Gefahr besteht, zu scheitern. Es ist durchaus möglich, dass wir schon vor Ablauf der neun Monate abbrechen müssen. Ein erstes Risiko besteht schon beim Casting der Familie: Es kann theoretisch sein, dass von den 120 000 Familien im Aargau keine bereit sein wird, mitzumachen. Dennoch sind wir überzeugt, dass sich das Wagnis lohnt. Und unsere kommerziellen Partner sind es auch.
Nach welchen Kriterien wird die Familie ausgesucht?
Die Familie muss erstens aus dem Einzugsgebiet der AZ stammen. Wir stellen uns eine spannende Familie mit Kindern vor, die Ecken und Kanten hat, sozial integriert, aktiv ist und dem Mittelstand angehört. Auch eine Patchwork-Familie wäre uns sehr willkommen. Unsere Partner haben natürlich ein Interesse daran, dass Familienmitglieder attraktiv sind. Eins der Kinder sollte deshalb nach Möglichkeit schon in der Berufswahl stehen.
Wie läuft die Berichterstattung: Werden rund um die Uhr Journalisten im Haus der Familie sein?
Es ist uns ein Anliegen, respektvoll mit der Familie umzugehen und die Kontaktnahme mit ihr auf ein Minimum zu beschränken. Deshalb ist die Zeitung, bei der die Informationsbeschaffung gelegentlich per E-Mail und Telefon geschehen kann, unser Leitmedium. Natürlich wird es aber auch Phasen intensiverer Berichterstattung geben müssen.
Wieviele Journalisten arbeiten am Projekt mit?
Für das Projekt haben wir eine Redaktion zusammengestellt, die ausschliesslich für Alltag engagiert ist und sich aus sieben Journalisten der Sparten Print, TV, Radio und Internet zusammensetzt. In der Zeitung werden wir täglich über das Familienleben berichten, ebenso strahlt Radio Argovia jeden Tag eine Sendung, die auch themenverwandte Beiträge aufnimmt. Dazu wird Tele M1 wöchentlich mindestens einen kürzeren Beitrag über die Familie senden. Alle diese Inhalte laufen auf der Website zusammen, wo das Publikum Diskussionsforen sowie Kontakte zu unseren Werbepartnern nutzen - und immer wieder von attraktiven Alltag-Angeboten profitieren und Preise gewinnen kann.
Bei herkömmlichen Doku-Soap-Formaten ist stets das Fernsehen Leitmedium. Ist es beim Print nicht viel schwieriger, eine emotionale Bindung zum Publikum herzustellen?
Voraussetzung für eine starke Emotionalisierung ist die Inszenierung. Sahlenweidli war ja eine Inszenierung im Minutentakt, bei der das Drehbuch vorschreibt, was passiert. Unser Ziel ist ein anderes. Natürlich steht die Familie auch bei uns vordergründig im Schaufenster. Doch das Schaufenster wird unvermittelt auch zum Spiegel: Fast alles, was der Familie im Alltag begegnet, begegnet den anderen Aargauerinnen u Aargauern in ähnlicher Form auch. Auch sie brüten über der Steuererklärung, leiden unter der Kälte, haben Eltern, die älter werden.
Alltag ist meines Wissens das erste Format dieser Grösse, das die Medien Radio, TV und Print eines Verlagshauses zusammenführt. Ist das die Zukunft der privaten Medienhäuser?
Die Unternehmensleitung der AZ-Medien hat genau aus diesem Grund zu diesem risikoreichen Projekt grünes Licht gegeben. Wir müssen lernen, unsere Kompetenzen zusammenzuführen. Dabei verstehen wir uns als Händler von Informationen. Unsere Aufgabe besteht darin, dass unsere Inhalte über die richtigen Kanäle in der richtigen Form die richtige Zielgruppe erreichen. Gegenwärtig bestehen aber noch erhebliche Schranken innerhalb der AZ Mediengruppe. Zumeist hat die eine Redaktion keine Ahnung, was die andere macht und oftmals stehen wir gar untereinander in einem Konkurrenzverhältnis. Alltag ist also ein Übungsfeld für uns.
Sind auch crossmediale Projekte in anderen Bereichen in Planung?
Ja, es sind diverse Detailprojekte in Ausarbeitung. Stichwort Reporterdienste: Ist es wirklich nötig, dass Radio Argovia, Tele M1 und die AZ je ein eigenes Reporterteam haben? Die Verteilung der Inhalte auf die verschiedenen Medien funktioniert überdies schon heute bei Kochen: Annemarie Wildeisen gibt für Kochen eine Zeitschrift heraus, kocht auf Tele M1, im AZ-Verlag erscheinen ihre Kochbücher und die Zeitung bringt Rezepte.
Überschätzen Sie die Austauschbarkeit der Inhalte nicht ein wenig?
Es ist unsere Aufgabe der nächsten Jahre, herauszufinden, wo die Grenzen liegen.
Alles über Alltag auf http://www.alltag.ch

