Herr Maissen, Sie sind seit zehn Jahren SDA-Chefredaktor. War es 2005 einfacher als heute, eine Nachrichtenagentur zu führen?
Mein Einstieg bei der SDA war nicht gerade hoffnungsvoll. Wenige Tage bevor ich als Chefredaktor das Amt antreten konnte, kündigte der Blick seinen Vertrag mit der Depeschenagentur. Das war kein einfacher Start, sofort mit einer Sparrunde vor die Redaktion treten zu müssen.
Hat sich die Situation mittlerweile wieder eingerenkt?
Ja, Ringier verzichtete während rund zwei Jahren auf die SDA, dann kamen sie wieder zurück, weil es ohne Nachrichtenagentur nicht ganz so einfach ist, guten Journalismus zu machen. Doch solche Diskussionen gibt es ständig. Vor gut zwanzig Jahren kündete die Berner Zeitung unseren Dienst, nach Ringier stiegen die Aargauer und die Luzerner Zeitung aus. Mittlerweile sind wieder alle Verlage im Boot. Natürlich auch, weil es im Moment keine andere Nachrichtenagentur mit einem umfassenden Schweizer Dienst gibt und auch weil keine andere Agentur mehr aus der Schweiz berichtet.
Dann muss es Ihnen ja hervorragend gehen …
(Lacht.) Nein, überhaupt nicht. Auch wir spüren die Veränderungen im Mediengeschäft. Als Nachrichtenagentur befindet man sich in einem ständigen Restrukturierungsprozess und überlegt sich permanent, wie man weitere Kosten einsparen kann. Dadurch unterscheiden wir uns überhaupt nicht von anderen Verlagen. Tröstlich ist nur, dass wir nun auch schon seit 120 Jahren bestehen und unsere Hausaufgaben damit immer rechtzeitig gemacht haben.
Wie hat sich die digitale Revolution auf die SDA ausgewirkt? Als Gefahr oder als Chance?
Ursprünglich war die ganze Digitalisierung sicherlich eine Chance. Dies nicht zuletzt wegen neuer Onlineanbieter, die wir als Neukunden gewinnen konnten. Dies führte auch intern zu einer Dynamisierung, da wir plötzlich die Bedürfnisse von Internetredaktionen abdecken mussten und einen bimedialen Dienst aus Text und Bild herstellten. Doch der grosse Boom ist ausgeblieben. Neben den klassischen Medienkunden, die neu auch noch online unsere Inhalte nutzen wollten, sind wenig neue Player übrig geblieben. Wegen des Internets sind plötzlich alle Texte frei verfügbar.
Gab es deswegen nie Copyright-Probleme?
Wir hatten wegen dieser Frage ursprünglich sicherlich Bedenken. Da unser Markt aber überschaubar ist und sich die Verleger auch fair verhalten, gab es sehr selten Probleme. Wir haben Tools installiert, die uns Copyright-Verletzungen sofort melden. In der Regel sind dies Einzelfälle. Oftmals handelt es sich um kleinere Seiten, die aus Unwissenheit SDA-Meldungen übernehmen, ohne zu wissen, dass diese zahlungspflichtig sind. Im grossen Stil wird bei uns aber nicht geklaut.
Was wird von der SDA am meisten verlangt?
Verlangt wird eine möglichst breite, vollständige und rasche Abdeckung. Abgedruckt werden dann von den grossen Medien eher die kleineren Themen, die sie nicht selbst behandeln. Doch auch bei den grossen Storys darf die Bedeutung der Agentur nicht unterschätzt werden. Wir üben dort eine Alarmierungs- und Kontrollfunktion aus. Viele Redaktionen stützen sich auf unsere Berichterstattung und checken ihre Fakten nochmals mit den unsrigen ab. Geschätzt wird also nicht nur unsere Effektivität, sondern auch unsere Faktentreue.
Welche Themen werden bevorzugt?
Natürlich stossen Meldungen aus den Kernbereichen Politik und Wirtschaft auf grösstes Interesse. Auffallend ist aber auch, dass die Nachfrage nach Meldungen aus dem Kulturbereich deutlich zugenommen hat. Dies ist wohl auf die Einsparung vieler Redaktionen in den Kulturressorts zurückzuführen.
Bauen Sie in diesen Bereichen aus?
Nein, dazu fehlen uns die Mittel. Unser Ziel ist es, das bestehende Angebot auf diesem Niveau zu halten. Sollte uns dies gelingen, werden wir auch weiterhin sehr gut genutzt, vor allem von grossen Titeln, die jetzt verstärkt wieder auf die SDA zurückgreifen. Ausserdem suchen wir nach kreativen Finanzierungsmodellen, um den Kunden einen Mehrwert bieten zu können. So haben wir mit der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung ein Projekt gestartet, mit dem wir mehr Themen aus dem Bereich Literatur vertieft behandeln können.
Wie viele Leute beschäftigt die SDA im Bundeshaus?
Im Bundeshaus beschäftigen wir zwei deutsch- und französischsprachige sowie einen Italienisch sprechenden Journalisten. Während der Sessionen helfen jeweils noch zwei bis drei Mitarbeiter aus jeder Sprachenredaktion aus. Unser Vorteil ist zweifelsohne, dass sich sowohl die deutsch-, die französisch- als auch die italienischsprachige Zentralredaktion in Bern befinden. Dadurch kann man sich besser austauschen und einen Output erzeugen, der anderweitig nicht möglich wäre.
Die Medienkommission schlägt nun staatliche Unterstützung für die SDA vor. Nimmt dadurch nicht die Abhängigkeit zu?
Also, zunächst wissen wir noch nicht, ob wir überhaupt je eine solche Unterstützung erhalten. Wenn es eine gäbe, erfolgte sie unter dem Titel der Sprachverständigung, da wir in drei Landessprachen gleichwertige Dienste zum gleichen Tarif anbieten. Die Märkte in der Romandie und im Tessin tragen die Kosten ihrer Dienste nie. Bisher haben die Kunden in der Deutschschweiz die entsprechenden Defizite bezahlt und die französisch- und italienischsprachigen Dienste quersubventioniert. Das ist im aktuellen Umfeld nicht selbstverständlich. Die Medienkommission und der Bundesrat haben das erkannt. Sie schlagen deshalb vor, dass die Defizite dieser Dienste unter dem Titel des Sprachengesetzes von der Eidgenossenschaft übernommen werden. Dies würde mit einer klaren Leistungsvereinbarung einhergehen. Die SDA müsste sich verpflichten, auch in Zukunft drei gleichwertige Dienste zum gleichen Preis zu produzieren. Damit könnten indirekt alle Medien gefördert werden, und gleichzeitig wird der Austausch zwischen den Sprachregionen sichergestellt. Unser Verwaltungsrat hat lange darüber diskutiert, ob dies ein gangbarer Weg wäre, denn die Unabhängigkeit ist gerade für eine Nachrichtenagentur ein sehr hohes Gut. Wir sind aber sicher, dass wir mit der Eidgenossenschaft einen guten, verlässlichen Partner hätten, der zwar eine Leistung einfordert, aber die redaktionelle Unabhängigkeit der Agentur nicht antastet.
Inwiefern nehmen die Verleger Einfluss auf die SDA?
Auf die Berichterstattung nehmen die Verleger keinen Einfluss. Die meisten Diskussionen führen wir aber mit Chefredaktoren anderer Medien, die sich bei uns beklagen, dass wir ihren Primeur nicht übernommen hätten. Es gilt immer noch als Bestätigung oder gar Auszeichnung, von der SDA zitiert zu werden. Doch dies ist aber vor allem unter Journalisten ein Thema und weniger bei den Endkonsumenten. Wir versuchen jeweils mit klar umschriebenen Kriterien aufzuzeigen, wann eine Meldung in den SDA-Dienst gehört und wann nicht. Wir würden sehr gerne noch viel mehr machen, aber unsere Manpower ist beschränkt und unser Korsett eng.
2010 mussten Sie Ihren Personalbestand um 10 Prozent reduzieren. Welche Auswirkungen hatte dies auf Ihre Arbeit?
Das Sparprogramm 2010 war sehr einschneidend. Wir mussten Regionalredaktionen zusammenlegen oder schliessen, Präsenzzeiten kürzen, einzelne Posten ausserhalb der Stammressorts streichen und nicht nur im redaktionellen Bereich Stellen und damit auch Dienstleistungen abbauen. Wir haben uns bemüht, mit Effizienzsteigerungen das Angebot nur dort schmaler werden zu lassen, wo die Kunden es am wenigsten merkten. Dank des grossen Einsatzes aller ist es uns sicher gelungen, dass die Grundversorgung nicht gelitten hat. Aber der Teppich ist vielleicht etwas weniger eng gewoben.
Wie viele Meldungen publizieren Sie täglich?
An einem normalen Tag produzieren wir pro Sprache zwischen 250 und 300 Meldungen.
Früher gab es in der Schweiz noch andere Agenturen wie SPK, AP oder UPI. Seit einigen Jahren hat die SDA das absolute Monopol. Wurde dadurch die Situation für Ihre Agentur einfacher?
Nein, im Gegenteil. Journalistisch gesehen, ist Konkurrenz immer gut. Namentlich die AP hat einen hervorragenden Job gemacht, obwohl sie weit weniger breit aufgestellt war als die SDA. Es ist immer einfacher, eine Redaktion zu führen und auch zu motivieren, wenn man ein Gegenüber hat. Es ist aber eine Tatsache, dass ein kleiner Markt wie die Schweiz nur eine Nachrichtenagentur trägt. Doch es ist keineswegs so, dass wir absolut konkurrenzlos wären. Mittlerweile verfügen viele Schweizer Redaktionen über eigene Newsräume und bilden im Internet das tägliche Geschehen mit Live-Tickern rund um die Uhr ab. Dies zwingt uns wieder zu einer schnelleren Berichterstattung und garantiert auch den journalistischen Wettbewerb.
Aber das macht langfristig eine Nachrichtenagentur überflüssig.
Überhaupt nicht. Unsere Stärke ist nicht nur die Qualität unserer Berichte, sondern auch die Breite der Berichterstattung. Wir haben in der ganzen Schweiz dreizehn verschiedene Büros mit vollamtlichen Korrespondenten, die uns die regionale Verankerung garantieren. Unser Vorteil ist doch, dass wir dies während 24 Stunden garantieren können. Natürlich hat das seinen Preis, aber wenn ein Unternehmen das gleiche Angebot selbst herstellen möchte, kostet es deutlich mehr. Solche Berechnungen wurden auch schon angestellt.
Wie reagieren Sie als SDA auf die neuen Bedürfnisse wie beispielsweise Internet- oder Mobileberichterstattung, die sich oftmals sprachlich ganz anders ausdrückt?
Wir produzieren einen Dienst für alle Mediengattungen. Das zwingt uns natürlich zu einigen Kompromissen. Wir haben aber die Struktur und die Kadenz der Berichterstattung den Onlinebedürfnissen angepasst. Die Idee, wonach jede Meldung für Radio, Online oder Print anders geschrieben werden muss, hat sich für die Agenturinhalte nicht durchgesetzt. Aber natürlich überlegen wir uns im Tagesverlauf, für welche Mediengattung wir zu welchem Zeitpunkt am ehesten produzieren, und versuchen, den Dienst entsprechend zu gestalten.
Viele SDA-Meldungen sind bereits auf den Onlineplattformen zu lesen, bevor sie in den Zeitungen erscheinen. Dies führte bei einigen Verlegern zu Unzufriedenheit. Kann man dies überhaupt vermeiden?
Nein, ganz vermeiden lässt sich das nicht. Wir haben überlegt, mit einem Premium-Dienst, der den Zeitungen vorbehalten gewesen wäre, Print zu bevorzugen. Das ist aber auch wettbewerbsrechtlich schwierig. Jetzt haben wir gewisse Nutzungsbeschränkungen, die verhindern, dass der gesamte SDA-Dienst einfach online gestellt wird. Aber letztlich geht bei unseren Kunden die Tendenz Richtung «Total Audience». Es ist also egal, auf welchem Kanal ein Titel gelesen wird. Das dürfte auch für uns die Zukunft sein.
Interview: Matthias Ackeret, Fotos: Marc Wetli
Das vollständige Interview mit Bernard Maissen lesen Sie in der «persönlich»-Sondernummer 120 Jahre SDA. Abo-Informationen finden Sie hier.

