28.10.2025

Jahrbuch Qualität der Medien

«Die Tech-Firmen sitzen am längeren Hebel»

Die Zahl der «News-Deprivierten» nimmt zu. Im Interview erklärt Fög-Medienforscher Daniel Vogler, warum die Schweiz trotzdem besser dasteht als andere Länder und weshalb TikTok-Videos von Medien nur begrenzt Leute abholen können.
Jahrbuch Qualität der Medien: «Die Tech-Firmen sitzen am längeren Hebel»
«Leute, die Inhalte produzieren – persönlich finde ich auch bei Musik, Literatur und Film – müssen entschädigt werden», so Daniel Vogler, Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög). (Bild: UZH/Pixelcut)

Daniel Vogler, wenn ich täglich TikTok- oder Instagram-Videos von 20 Minuten, Watson oder Tataki von RTS konsumiere, gelte ich dann als News-depriviert?
Social Media haben eine so hohe Durchdringung in der Gesellschaft, dass fast alle Gruppen mittlerweile eine hohe Social-Media-Nutzung haben. Aber wenn eine Person RTS & Co. wirklich nur auf Social Media konsumiert und keine anderen Newsquellen nutzt, dann würde sie in die Gruppe der News-Deprivierten fallen.

Und was ist, wenn ich meine Nachrichten von ChatGPT oder Perplexity bekomme? Gelte ich dann als News-depriviert? Immerhin basieren sie hauptsächlich auf journalistischen Quellen
Das ist ein sehr hypothetisches Beispiel, aber natürlich möglich. In der Regel nutzen Menschen, die sich grundsätzlich für Nachrichten interessieren, auch verschiedene Quellen. Die Nutzung von KI-Chatbots für News haben wir interessanterweise auch abgefragt, aber für die Berechnung der News-Repertoires nicht verwendet. Noch verwenden eher wenige der Befragten KI-Chatbots für Informationen. Das wird sich in Zukunft höchstwahrscheinlich ändern. Wie sich die Chatbots in die bestehenden Repertoires der Menschen einfügen, wird interessant sein, zu beobachten.

«In anderen Ländern, beispielsweise den USA, ist das Problem ausgeprägter»

Ist die Schweiz im Bereich News-Deprivation ein Sonderfall oder ist das Bild im internationalen Vergleich ähnlich?
Fast jede Studie zu diesem Thema kommt zu einem ähnlichen Resultat: Es gibt eine grössere Gruppe, die News nur sehr wenig oder gar nicht nutzt. In der Schweiz ist man sogar noch relativ gut unterwegs. Es gibt Länder, wo das Phänomen noch viel ausgeprägter ist.

Liegt es daran, dass die Schweiz immer ein bisschen hinterher ist?
In der Schweiz haben wir einige Vorteile: Wir haben ein relativ gut funktionierendes Mediensystem. Es gibt beispielsweise einen guten öffentlichen Rundfunk und hochwertige private Medien. In anderen Ländern, beispielsweise den USA, ist das Problem ausgeprägter.

«Die Leute bleiben in der Regel im Social-Media-Universum»

Medienhäuser sind mittlerweile praktisch alle auf Social Media präsent, um ein junges Publikum abzuholen. Was können sie noch tun gegen News-Deprivation?
Dass die Medienhäuser auf Social Media mit Formaten für junge Menschen präsent sind, ist richtig und sinnvoll. Die Frage ist, ob man damit nicht nur die erreicht, die sich sowieso schon für News und Politik interessieren.

Tataki von RTS zum Beispiel gehört zu den 30 einflussreichsten europäischen Newsangeboten auf TikTok. Berechtigt ein solcher Erfolg dazu, die Userinnen und User auf die eigenen Plattformen zu holen?
Das ist die grosse Schwierigkeit. Die Leute bleiben in der Regel im Social-Media-Universum. Die wenigsten schauen sich die ursprüngliche Quelle an oder konsultieren eine zusätzliche Quelle. Diese Problematik verschärft sich mit der Nutzung von KI für News. Die ist zwar noch gering, nimmt aber vor allem bei jungen Menschen zu.

Eine UK-Studie hat kürzlich berechnet, dass eine KI-generierte Zusammenfassung bis zu 80 Prozent weniger Traffic auf Portalen bedeuten könnte.
Viele Menschen geben sich mit den Informationen in diesen Zusammenfassungen zufrieden. Solche Zero-Klick-Searches sind natürlich auch ein Problem für Medienorganisationen. Medien verlieren Traffic auf ihren Plattformen. Dadurch werden sie für Werbekunden weniger attraktiv, was die ökonomisch schwierige Situation für den Journalismus nochmals verschärft.

«In Australien zum Beispiel hat Facebook als Reaktion auf eine strengere Regulierung einfach keine News mehr ausgespielt»

Wäre ein «Opt-In-Modell», wie in der ursprünglichen Version der Motion Gössi vorgeschlagen, die Lösung, um journalistische Inhalte besser zu schützen?
Wir haben schon geschrieben, dass wir die Grundidee der Motion unterstützen. Leute, die Inhalte produzieren – persönlich finde ich auch bei Musik, Literatur und Film – müssen entschädigt werden. Wenn es keine Anreize mehr gibt, um Inhalte zu produzieren, gibt es irgendwann keine mehr. Das ist auch für die KI-Firmen ein Problem, weil dann keine aktuellen Daten mehr zur Verfügung stehen. Es kursieren bereits jetzt Ideen, um Inhalte zu produzieren. Beispielsweise günstig Journalisten anzustellen, die Basic Content erstellen, damit man überhaupt noch aktuelle Daten für die Modelle hat. 

Wie gehen Medien in den anderen Ländern vor?
Im Moment gibt es noch wenig konkrete Regulierung für die Verwendung von journalistischen Inhalten in KI-Tools. Man hat allerdings einige Erfahrungen mit der Regulierung von Plattformen und Suchmaschinen. Diese Diskussionen haben auch gezeigt, wie schwierig es ist, gute Lösungen zu finden. In Australien zum Beispiel hat Facebook als Reaktion auf eine strengere Regulierung einfach keine News mehr ausgespielt. Das zeigt: Die grossen Tech-Firmen haben sehr viel Macht und sitzen in der Regel am längeren Hebel.

Noch eine Frage zu einem erfreulichen Befund aus dem Jahrbuch: Die Zahlungsbereitschaft für Online-News steigt zum ersten Mal seit vier Jahren. Ist das eine Trendwende? Oder was sind die Gründe dafür?
Da bin ich vorsichtig. Trotz des leichten Anstieges bleibt die Zahlungsbereitschaft auf einem tiefen Niveau. Die Schwelle ist ja auch tief gelegt. Als zahlungsbereit gilt man schon, wenn man einmal im laufenden Jahr in irgendeiner Form für News bezahlt hat. Man sollte abwarten, wie es sich in den nächsten Jahren entwickelt, bevor man von einer Trendwende spricht.


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KOMMENTARE

Claudia Gnehm
30.10.2025 22:32 Uhr
Die Definition von "News-Deprivierten" bringt niemanden weiter. Es ist höchste Zeit, diese negative Begrifflichkeit zu überdenken - historische Vergleichbarkeit hin oder her. Sie führt bereits zur "Deprivation" der fög-Erhebung - an Glaubwürdigkeit und Relevanz. Der nächste Schritt in dieser Deprivation wäre Null...
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