Eigentlich sollte das Heft Kosmos heissen, benannt nach einem 2017 gegründeten Magazin für Mädchen aus Polen. Davon hatten sich die vier Gründerinnen inspirieren lassen. Die erste Ausgabe des Schweizer Ablegers erschien auch noch unter diesem Namen. Doch dann machte das Markenrecht einen Strich durch die Rechnung. Seither heisst das Heft Kaleio.
3500 Abonnentinnen nach fünf Jahren
Nach einem erfolgreichen Crowdfunding, das im Herbst 2020 über 130’000 Franken eingebracht hatte, ging Kaleio noch im Dezember desselben Jahres an den Start (persoenlich.com berichtete). Seither erscheinen pro Jahr sechs Ausgaben, anfänglich auf Deutsch und Französisch, seit vergangenem Sommer nur noch auf Deutsch. Inzwischen zählt das Heft rund 3500 Abonnentinnen, 500 davon in Deutschland.
Inhaltlich orientiert sich das Schweizer Herausgeberinnenquartett am polnischen Pendant. Die Motivation, ein Magazin für Mädchen herauszubringen, formulierte eine der Kosmos-Gründerinnen so: «Wir wollten ein Magazin herausbringen, das den Mädchen zeigen würde, dass ihnen die Welt offen steht und dass sie sich nicht durch Geschlechterstereotype einschränken lassen sollen.» Ein Anspruch, dem auch die Kaleio-Macherinnen nachleben – nicht nur mit dem Magazin, sondern auch mit Veranstaltungen, in Büchern oder Lehrmitteln.
Mitverantwortlich für den Auf- und Ausbau dieses jungen Medienunternehmens zeichnet Martina Polek. Die ausgebildete Geowissenschaftlerin und Journalistin amtet seit der Gründung von Kaleio als Co-Geschäftsleiterin. Im Gespräch mit persoenlich.com am Redaktions- und Verlagssitz in Basel erklärt sie, auf welche Widerstände eine Publikation nur für Mädchen stösst, warum es nicht ohne die Partnerschaft mit der grossen Schwester aus Polen geht und von wem sie sich vermehrt Spenden erhoffen.
Martina Polek, das Mädchenmagazin Kaleio feiert im Dezember 2025 seinen fünften Geburtstag. Hatten Sie je daran gezweifelt, dass es so weit kommen würde?
Ich war immer überzeugt, dass es Kaleio braucht. Aber manchmal hatte ich Zweifel, ob wir die Energie dafür haben, das Ganze durchzuziehen. So ein Heft herauszugeben, ist spannend, aber es kostet auch sehr viel Energie.
Die Energie ist das grössere Problem als das Geld?
Das hängt direkt miteinander zusammen. Wir sind ein kleines Team und haben einen riesigen Output. Die Effizienz pro Person ist enorm. Nur darum funktioniert Kaleio überhaupt. Würden wir uns ein bisschen schonen und es ruhiger angehen lassen, müssten wir mehr Leute anstellen, und das würde sich direkt aufs Geld auswirken. Es ist deshalb klar, dass wir jeden Franken zehnmal umdrehen müssen, bevor wir ihn ausgeben. Das hat aber auch seine guten Seiten.
Inwiefern?
Man muss kreativ sein und stark fokussieren. Wir sind mit sehr viel Idealismus und vielleicht auch einer gewissen Naivität gestartet, was immer wichtig ist, wenn man etwas Neues anfängt. Mit der Zeit wird man aber härter im Verhandeln, wenn man den finanziellen Druck spürt.
Geht dabei der Idealismus verloren?
Ein bisschen schon. Aber wichtige Ideale haben wir uns bewahrt. Unser Heft ist weiterhin werbefrei und nur für Mädchen. Würden wir das ändern, gäbe es keine negativen Kommentare und wir hätten einen grösseren Absatzmarkt.
Gibt es negative Kommentare, weil Kaleio ein Magazin nur für Mädchen ist?
Ja! Vor allem auf Social Media. Wenn wir Werbung auf Instagram schalten, zieht das natürlich alle möglichen Leute an. Das Thema polarisiert. Sobald ein Angebot nur für Frauen oder Mädchen ist, regt das gewisse Leute extrem auf.
Wirkt sich das auch negativ aufs Geschäft aus?
Durchaus. Wir finden zum Beispiel, dass Kaleio auch an die Schulen gehört, weil wir dort alle sozialen Gruppen erreichen. Viele Lehrpersonen oder Schulen sind aber zurückhaltend, etwas zu kaufen, das nur für ein Geschlecht ist. Sie sagen: «Wir müssen auch etwas für die Jungs haben.» Darum haben wir ein Schulprojekt entwickelt, wo wir ein Kursangebot für alle Geschlechter bieten. Und natürlich spüren wir das auch beim Fundraising. Viele Stiftungen schliessen uns aus, weil Kaleio nur für Mädchen ist. Viele bezweifeln, dass Mädchen überhaupt eine Extraunterstützung brauchen, Stichwort Mädchen als Bildungsgewinnerinnen. Das ist manchmal wirklich schwierig zu vermitteln. In den letzten fünf Jahren hat sich das langsam geändert. Aber es braucht viel Zeit für Kommunikation, wir müssen viel erklären.
«Es gibt keine Werbung von uns, die sich direkt an Mädchen richtet»
Kaleio lesen Minderjährige. Das Abo zahlen Eltern oder andere Erwachsene. Wie adressiert ihr die beiden Zielgruppen?
Wenn es darum geht, auf das Magazin aufmerksam zu machen, sprechen wir eigentlich nie die Mädchen an, sondern immer die Erwachsenen, respektive die Bezugspersonen. Es gibt keine Werbung von uns, die sich direkt an Mädchen richtet. In Bibliotheken oder an Schulen ist es natürlich anders, dort sehen die Mädchen unser Heft und werden so darauf aufmerksam.
Die Mädchen, die Kaleio anspricht, sind 8 bis 13 Jahre alt. Das sind fünf Jahre, in denen sehr viel passiert – vom Kind bis zur Teenagerin. Wie packt man das in ein und dasselbe Magazin?
Wir gehen nicht davon aus, dass jeder Beitrag im Magazin alle Mädchen anspricht, die Kaleio lesen. Aber wir achten natürlich darauf, dass wir für alle Altersstufen etwas bieten. Wir haben keine Berührungsängste. In der Rubrik «Körperwunderland» schauen wir den Körper auf einer funktionellen Ebene an und nicht aus einer ästhetischen Perspektive. Dort kann auch die erste Menstruation ein Thema sein. Was aber nicht vorkommt im Heft, ist Sexualität. Kaleio ist kein Teenagermagazin. Darum auch die Altersobergrenze bei 13. Es gibt aber sehr wohl noch 14- oder 15-Jährige, die uns lesen. Wir empfehlen zwar ein Alter, aber am Schluss lesen sie es, solange es ihnen gefällt.
Hat Kaleio quasi ein Monopol oder gibt es andere Magazine für Mädchen?
Im deutschsprachigen Raum gibt es kein vergleichbares Magazin. Auf Französisch gibt es das Tchika-Magazin, das sehr beliebt ist in Frankreich.
War diese Konkurrenz der Grund, warum ihr die französischsprachige Ausgabe eingestellt habt nach 27 Ausgaben?
Nein. Der Grund war viel mehr der, dass der Absatzmarkt zu klein ist und wir mit nur einer Person in der Romandie präsent waren. Viel läuft über Netzwerke. Es ist kulturell nochmal ganz anders – auch von der Kommunikation her. Es hätte unsere Ressourcen gesprengt, beides zu machen. Eine Expansion nach Frankreich wäre für uns aber nicht in Frage gekommen, weil dort eben das Tchika-Magazin schon ist. Unseren ehemaligen Abonnentinnen in der Romandie empfehlen wir nun das Tchika-Magazin.
«Wir erhalten wirklich kaum negative Rückmeldungen von Leuten, die das Magazin kennen»
Wie kommt Kaleio in Deutschland an?
Was uns immer wieder bestärkt, sind die Reaktionen der jungen Leserinnen und der Eltern, die wir regelmässig erhalten in Form von Mails oder Briefen, auch aus Deutschland. Wir erhalten wirklich kaum negative Rückmeldungen von Leuten, die das Magazin kennen. Die Abonnement-Erneuerungsrate ist sehr hoch und liegt bei etwa 75 Prozent. Die Abos fallen nur weg, wenn die Mädchen älter werden. Aber fast niemand steigt aus, weil sie nicht zufrieden sind.
Das Konzept von Kaleio stammt aus Polen. Wie kam es dazu, dass ihr das übernommen habt?
Marta Kosińska, eine unserer vier Mitgründerinnen, stammt aus Polen. Dort hatten ihre Töchter begeistert ein Magazin namens Kosmos gelesen. Als Marta mit ihrer Familie in die Schweiz zog, suchte sie hier vergeblich nach etwas Vergleichbarem. Sie kannte mich und fragte, ob wir es nicht versuchen wollen, ein Kosmos auf Deutsch herauszugeben. Das Konzept hat mich inhaltlich so gut überzeugt, dass ich zusagte und wir es wagten.
Wie viel Polen steckt in Kaleio?
Da sind einmal Marta Kosińska und ich im Team. Marta ist Polin, ich selbst bin Doppelbürgerin und kenne auch beide Kulturen.
Und bei den Beiträgen im Heft?
Inhaltlich können wir natürlich nicht alles eins zu eins von Kosmos übernehmen. Aber gewisse Themen sind universell, die wir problemlos in Kaleio bringen können. Etwa die Hälfte der Beiträge stammt von polnischen Autorinnen. Wir haben Zugriff auf alle Kosmos-Inhalte und können auswählen, was zu uns passt. Diese Beiträge lassen wir dann professionell übersetzen.
Sprechen auch finanzielle Gründe für diese grosszügige Textübernahme?
Ja, natürlich. Wenn wir dieses Magazin komplett in der Schweiz machen würden, kämen wir finanziell nicht über die Runden.
«Wir verheimlichen den Bezug zu Polen überhaupt nicht»
Gibt es von Leserinnen oder Eltern Reaktionen auf die polnische Herkunft des Magazins?
Nein. Das gab es tatsächlich noch nie. Ausser ganz am Anfang. Da kritisierte uns der K-Tipp für die Artikel aus Polen. Das hat uns sehr amüsiert, aber auch etwas irritiert. Hätten wir mit einem Heft aus Spanien, Frankreich oder England zusammengearbeitet, hätte das nicht interessiert. Aber Polen, der hinterwäldlerische Osten! Das ist natürlich eine Geschichte wert. Wir konnten darüber lachen. Danach war es nie wieder ein Thema. Wir verheimlichen den Bezug zu Polen überhaupt nicht. In jeder Ausgabe steht ein Verweis auf unsere Gründungsgeschichte im Impressum.
Wie eng ist der Austausch mit der Kosmos-Redaktion?
Wir treffen uns einmal pro Jahr, mal in Polen, mal in der Schweiz. Wir nennen sie unsere grössere Schwester, weil wir strategisch im Austausch stehen. Sie haben drei Jahre mehr Erfahrung. Wir haben vielleicht andere Sachen angefangen – wie das Schulprojekt – das sie noch nicht beschritten haben. Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Kaleio vermittelt Brieffreundschaften für seine jungen Leserinnen. Wie kommt das Angebot an?
Wir werden überrannt mit Anfragen! Einen Brief zu erhalten, ist einfach spezieller als eine E-Mail. Das Bedürfnis nach Austausch ist gross. Und eine Brieffreundschaft zu pflegen, ist aufregend. Auch sonst helfen wir, Mädchen zu vernetzen. So hatten wir zum Beispiel eine Gruppe aus dem Emmental porträtiert, die sich für den Umweltschutz engagiert. Als sich dann ein Mädchen meldete, das etwas Ähnliches macht und Kontakt suchte, haben wir sie miteinander vernetzt. Und natürlich unsere Mädchenkonferenz. Da kamen 52 Mädchen. Man kann sich auch verbunden fühlen über ein Magazin – über die Gemeinsamkeit, dass alle das gleiche Magazin lesen.
Ihr bietet auch Unterrichtsmaterialien für Schulen. Stösst das auf Interesse?
Die Schulen sind ein ganz hartes Pflaster. Alle wollen in die Schulen, weil man dort viele Kinder unterschiedlicher Herkunft auf einmal erreicht. Deshalb werden die Lehrpersonen mit Angeboten überschwemmt. Da braucht es eine lange Aufbauarbeit. Aber wir sind überzeugt, dass es mittelfristig funktioniert.
Und die Angebote für Firmen, wie laufen die?
Letztes Jahr lief das sehr gut. Auch Firmen sind grundsätzlich zurückhaltend mit Angeboten nur für Mädchen. Für den Zukunftstag haben wir deshalb ein Angebot für alle Geschlechter gemacht. Bei der Swiss Re nahmen 200 Kinder an unseren Workshops teil. Auch bei der ABB und Roche waren wir. Die ABB veranstaltet als eines der wenigen Unternehmen Anlässe nur für Mädchen.
«Dass damit die grossen Summen reinkommen, haben wir uns abgeschminkt»
Helfen Unterrichtsmaterialien und die Angebote für Firmen, das Heft mitzufinanzieren?
Nein. Das läuft getrennt vom Heft. Dass damit die grossen Summen reinkommen, haben wir uns abgeschminkt. Keiner der drei Bereiche ist ein Selbstläufer. Aber dank der verschiedenen Bausteine sind wir insgesamt weniger anfällig, als wenn wir nur eine Einnahmequelle hätten.
Apropos Einnahmequellen: Kaleio ist gemeinnützig und erhält Gelder von zahlreichen Stiftungen. Ist das ein Selbstläufer?
Am Anfang haben viele Stiftungen gerne Anschubfinanzierung geleistet, weil Kaleio etwas Neues war. Aber nachher wurde es schwieriger. Es ist definitiv kein Selbstläufer! Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten in persönlichen Gesprächen. Meistens findet die Stiftung nicht per se: «Toll, was ihr macht, das unterstützen wir.» Oft versteht eine einzelne Person innerhalb der Stiftung, worum es geht, und diese muss dann intern Überzeugungsarbeit leisten.
Hat Kaleio noch andere Finanzierungsquellen?
Wir versuchen, vermehrt Spenden zu generieren von Privatpersonen. Gerade engagierte Frauen mit einer gewissen Lebenserfahrung, denen wir nicht erklären müssen, was wir machen und wofür wir stehen, unterstützen uns. Aber auch das bedeutet viel Arbeit für die Kontaktpflege. Unsere Aboverwaltung hat am Anfang gesagt, als wir loslegten: «Wenn es euch nach 20 Jahren noch gibt, dann habt ihr es geschafft in der Schweiz.»
Jetzt hat Kaleio das erste Viertel davon erreicht. Wie geht es weiter?
Die grösste Herausforderung von Startups, wie wir eines sind, und die bleiben wollen, ist es, Strukturen aufzubauen, die nicht von bestimmten Personen abhängig sind.
Seid ihr schon so weit?
Wir sind dran. Es geht in die richtige Richtung. Wir befinden uns nun in der Übergangsphase von einem Start-up zu einem regulären Betrieb.
«Wir rennen wirklich die ganze Zeit dem Geld hinterher»
Ihr persönlicher Übergang von der Journalistin zur Startup-Gründerin und Unternehmerin, war der geplant?
Weil ich als Kind Spick so gern mochte, hatte ich immer gedacht, ich würde gerne einmal für Kinder schreiben. Das ist eine sehr spannende Zielgruppe. Dann hat sich die Möglichkeit geboten, Kaleio zu gründen. Mich hat die unternehmerische und verlegerische Seite wahnsinnig gereizt. Ich bin auch heute noch sehr froh darüber, diesen Schritt gewagt zu haben. Ein Kollege, der auch Journalist ist, hat mal zu mir gesagt, als Kaleio ganz neu war, er hätte keine Lust, die ganze Zeit dem Geld hinterherzurennen. Er sei lieber Journalist. Mittlerweile finde ich, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir rennen wirklich die ganze Zeit dem Geld hinterher. Aber immerhin wissen wir, wofür wir es tun.
KOMMENTARE
20.11.2025 17:17 Uhr

