24.02.2026

Halbierungsinitiative

Medien wollen SRG-Reform, aber keine radikale

Als Teil ihrer Berichterstattung haben sich die Redaktionen der privaten Medienhäuser zum Text positioniert. Die Gegner-Stimmen zeigen sich gegenüber der SRG auch kritisch. Nur ein Journalist argumentiert für ein Ja.
Halbierungsinitiative: Medien wollen SRG-Reform, aber keine radikale
In den Redaktionen gibt es zur Halbierungsinitiative einen klaren Tenor. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

In weniger als zwei Wochen wird das Volk über die Initiative «200 Franken sind genug» abstimmen. Der Text will die Medienabgabe massiv kürzen und alle Unternehmen davon befreien. Als Teil ihrer Berichterstattung haben sich die überregionalen privaten Medienhäuser zum Text positioniert. Dabei gibt es einen Tenor: Die SRG muss sich zwar verändern, aber die Initiative ist zu radikal.

Die Tamedia-Zeitungen setzen nicht auf eine definierte Meinung, sondern auf ein Pro und Kontra. In diesem Format stellen zwei Redaktorinnen und Redaktoren ihre jeweiligen Argumente für und gegen ein Abstimmungsvorhaben dar.

Die Pro-Initiative-Sicht stellt Andreas Kunz vor, der Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers ist. Für eine radikale Reduktion der SRG spreche die Entwicklung der Medienlandschaft, die heute digital «flimmert und vibriert». Die Gefahr von Fake News sei begrenzt. «Die Schweizerinnen und Schweizer sind smart genug, sich ihre Quellen selbst auszusuchen», schreibt Kunz. Die SRG müsse sich neu aufstellen, werde es aber «aus eigenem Antrieb nie tun».

«Verantwortungslose Idee»

Die Gegenposition vertreten drei Chefredaktorinnen und Chefredaktoren. Raphaela Birrers Nein-Argumente erschienen im Tages-Anzeiger und der Basler Zeitung. Für den Bund schrieb Marcello Odermatt und sein Kollege Wolf Röcken schrieb für die Berner Zeitung. 

Alle drei sind sich einig: Die SRG muss sparen. Die Initiative gehe aber zu weit. «In einer Zeit, in der falsche Demokraten Informationen biegen und soziale Medien den Raum mit KI-Videos fluten», schreibt Marcello Odermatt, sei die Halbierungsinitiative eine «verantwortungslose Idee».

Wolf Röcken macht auf die Gefahr einer radikalen Budgetkürzung für die Berichterstattung aus den Regionen aufmerksam. «Der Kanton Bern mit seinen ländlichen Regionen wäre von einem Abbau in diesem Bereich sicher betroffen. Auch von einer noch stärkeren Zentralisierung. (…) Letztlich stünde das Radiostudio Bern zur Diskussion». 

Röstis Gegenprojekt reicht

Für sie ist die Kritik zu den Programmen und der Konkurrenz zu den privaten Medien gerechtfertigt. «Zum inhaltlichen Angebot äussert sich die Initiative nicht», bemerkt aber Wolf Röcken. «Diese Wettbewerbsverzerrung lässt sich nicht mit einem pauschalen Kahlschlag ohne konkreten Handlungsauftrag lösen», erklärt Birrer. «Sie sollte im Rahmen des inhaltlichen Leistungsauftrags geklärt werden.» Und dazu plane der Bundesrat, 2029 die Konzession neu zu definieren. 

Sie sind sich einig, dass der bereits beschlossene Gegenvorschlag von Bundesrat Albert Rösti reiche. So wird die Medienabgabe von 335 auf 300 Franken gesenkt und 80 Prozent der Unternehmen gänzlich entlastet. Damit wird die SRG 900 Stellen streichen müssen.

Auch der CH-Media-Journalist und bekannte SRG-Kritiker Francesco Benini findet, dass die Halbierungsinitiative über das Ziel hinausschiesst. Er prangert zwar an, dass die SRG «sich in den vergangenen 20 Jahren massiv vergrössert» hat. Ihre ausgebauten Online-Aktivitäten konkurrenzieren die privaten Medienhäuser. Ausserdem habe die «SRG der Öffentlichkeit einiges zugemutet»: Sparprogramme werden nicht umgesetzt, technische Anlagen funktionieren nicht, eine umständliche Organisation.

«Kulturpolitisch relevante Funktion»

Der CH-Media-Journalist nennt aber vier Gründe gegen eine Halbierung des Budgets. Erstens eine gleichwertige Information in allen Regionen. «Das kostet Geld», betont Benini. Zweitens würde eine Restriktion der Unterhaltung zu einem Verlust an Attraktivität und Zuspruch führen. Die SRG habe ausserdem eine «kulturpolitisch relevante Funktion» mit ihrer Rolle als Filmproduzentin. Drittens können öffentlich finanzierter Journalismus und ein Netz an Korrespondenten Desinformation entgegenwirken. Und viertens wurde der Handlungsbedarf vom Bundesrat erkannt und die Medienabgabe wird auf 300 Franken gesenkt.

In der NZZ und der NZZ am Sonntag waren auch Meinungsstücke gegen die Halbierungsinitiative zu lesen. Stellvertretender Chefredaktor der NZZaS Daniel Foppa anerkennt in seinem Kommentar, dass «es durchaus berechtigte Kritik an der SRG» gibt: ein Mangel an politischer Diversität, der bisher kaum korrigiert wurde, zu viele Sender, peinliche Sitcoms. «Wegen solcher Kritik aber gleich zur Abrissbirne zu greifen (…), ist unangemessen», so Foppa. «Die Schweiz ist mit Radikallösungen selten gut gefahren.»

Auch NZZ-Bundeshauskorrespondentin Andrea Fopp schreibt, dass die Initiative «zu weit geht». Sie findet die Diskussion über teure Unterhaltungsshows gerechtfertigt und sieht es kritisch, dass Susanne Wille lieber mit «abstrakten Drohungen» Abstimmungskampf betreibt, statt sich darauf einzulassen. Sie bemerkt aber auch, dass die Initianten selbst auf eine klare Definition verzichten, was ein «unerlässlicher Dienst für die Allgemeinheit» – wie es im Initiativtext steht – sein soll. «In der Folge bleiben sie den Beweis schuldig, dass die SRG mit fast halbiertem Budget den Kernauftrag erfüllen kann», so Fopp. 

«Schweiz-Zerstörer»

Blick berichtet umfänglich über die SRG und den Abstimmungskampf. Der Titel hat bisher aber keinen Meinungsbeitrag zur Halbierungsinitiative publiziert. Im SonntagsBlick hingegen schrieb Frank A. Meyer ein Plädoyer für die SRG. «Die Annahme der Initiative wäre die Zerstörung des Schweizer Journalismus in Fernsehen und Radio. Die Schweiz-Zerstörer haben sich in einer respektablen Partei eingenistet – sie haben die SVP gekapert», so der Ringier-Publizist.

Die SVP-nahen Titel Weltwoche und Nebelspalter berichten umfassend über die Initiative. Auch haben sie mehrere Gastbeiträge für ein Ja publiziert. Bisher haben sich ihre Chefredaktoren Roger Köppel und Markus Somm nicht geäussert.


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KOMMENTARE

Oliver Brunner
24.02.2026 16:04 Uhr
Die Medienwelt hat sich verändert. Das integrale TV wird nicht mehr allzu lange bestehen. Jetzt entwickelt sich SRG Richtung Social Media mit Youtube, Tiktok, Instagram, Podcasts, Streaming. Das ist so sinnvoll wie die Gotthardpostkutschen-Gesellschaft zur Eisenbahn umzubauen.
Stefan Widmer
24.02.2026 08:58 Uhr
Wenn Andreas Kunz schreibt: „Die Medienlandschaft ist heute digital, sie flimmert und vibriert“ und dass sich darin „die SRG neu aufstellen muss“, dann hat er recht. Es ist an der Zeit, dass die SRG endlich auch online Werbung schalten darf und ihr Portfolio konsequent auf die neue Medienwelt ausrichtet. Sie muss eigene Marktplätze wie Auto- und Wohnungsplattformen betreiben können, um ihre journalistische Leistung zu finanzieren. Andreas Kunz hat recht: Die Welt hat sich verändert und die SRG muss sich neu aufstellen.